Hochsensibilität und Einsamkeit

Hochsensibilität und Einsamkeit

Fast alle Menschen, die mit Hochsensibilität zu tun haben, kennen

das Gefühl einer grundsätzlichen, allumfassenden Einsamkeit.

Vielleicht hast du – so wie ich früher auch – gedacht, dass dieses Gefühl daher rührt, dass du, im Gegensatz zu den meisten Menschen in deiner Umgebung viel mehr wahrnehmen kannst als andere. Wenn du hochsensitiv bist, ist das einfach so. Und natürlich fühlt man sich auch komisch und anders, weil die meisten anderen weniger intensiv wahrnehmenden Menschen kaum eine Vorstellung davon haben, was und wie man alles wahrnehmen kann.

Als ich letztes Jahr begonnen habe, mich

mit Trauma, vor allem mit Entwicklungstrauma zu beschäftigen

(ausgelöst durch meinen Artikel Trauma in Liebesbeziehungen), bin ich noch auf weitere wichtige Ursachen gestoßen.

Auf diesem Blog schreibe ich ja für hochsensible Menschen, die belastende Kindheitserfahrungen gemacht, bzw. ein Entwicklungstrauma erlebt haben.

Wenn du dich dazu zählst, hast du vermutlich selbst schon

die Erfahrung einer tief verankerten Isolation gemacht.

Vielleicht hast du sogar das Gefühl, ein Alien auf dieser Welt zu sein? Möglicherweise hast du auch festgestellt, dass Bindung jeder Art problematisch für dich ist?

Dies kann sich auf vielfältige Weise auswirken:

Vielleicht fällt es dir grundsätzlich schwer, Bindungen einzugehen (z. B. indem du dich grundsätzlich in Menschen verliebst, die entweder gar nicht verfügbar sind oder anderweitig gebunden und dir nur ein sehr begrenztes Maß an Aufmerksamkeit und Verbindlichkeit zukommen lassen können und wollen)?

Vielleicht empfindest du Nähe und Intimität grundsätzlich bedrohlich

und ziehst dich sofort zurück, wenn du jemandem zu nahe kommst ? Oder es kann sehr gut geschehen, dass du immer wieder an Menschen gerätst, die sich ganz schnell wieder zurückziehen. (Dies ist ein zweiseitiger Prozess).

Oder vielleicht fällt es dir leicht in Beziehung zu gehen, wirfst aber bei der ersten Schwierigkeit das Handtuch.

Oder du begnügst dich mit sporadischen sexuellen Kontakten.

Es kann natürlich auch sein, dass das Eingehen von Beziehung überhaupt so angstbehaftet ist, dass du lieber alleine bleibst …

Wenn du mit solchen und ähnlichen Beziehungsschwierigkeiten zu tun hast, ist es wichtig, zu wissen, dass diese Schwierigkeiten aus dem

vermeidenden Bindungsverhalten unserer Eltern oder Bezugspersonen entstanden

sind.

Dies bedeutet: unsere Eltern waren (vielleicht!) da, haben uns aber nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt oder diese vielleicht an bestimmte Bedingungen oder Aufgaben geknüpft.

Wir wurden uns

häufig selbst überlassen,

man hat sich nicht um uns gekümmert, nicht mit uns gespielt, sich nicht mit uns beschäftigt. Ich selbst hatte z. B. sehr, sehr lange Zeit gar keine Ahnung, ob meine Mutter mich eigentlich liebt? Ich habe mich das oft gefragt, aber natürlich stand es überhaupt nicht zur Debatte, sie danach zu fragen. Vielfach waren unsere Eltern froh, wenn sie sich gar nicht mit uns beschäftigen mussten und keine besondere Aufmerksamkeit brauchten. Noch besser, wenn wir schon früh Verantwortung übernommen haben, man sich auf uns verlassen konnte …

Entweder haben wir zuviel oder zu wenig Körperkontakt und Berührung erfahren (zu wenig Berührung und Kontakt wirkt sich auf die Entwicklung bestimmter Teile des Gehirns aus).  Auch die Tatsache, dass wir Schwierigkeiten haben uns zu beruhigen und

sehr anfällig sehr Stress sind,

rührt u. a. daher, dass wir von unseren Eltern und Bezugspersonen nicht genug getröstet und beachtet wurden, so dass wir einfach nicht lernen konnten, wie Selbstregulation geht.

Manchmal kommt dazu noch eine Ablehnung durch die Eltern. Das muss nicht einmal böswillig sein, es gibt viele Gründe, selbst so etwas wie simple Übrforderung der Mutter (wie es bei mir der Fall war) kann dafür sorgen, dass man sich nicht angenommen und willkommen fühlt.

Als Kind nimmt man all diese Dinge wahr. Aber weil das Kind schon früh erkennt, dass die Eltern sich nicht wirklich binden wollen, passt sich das Kind an diesen

vermeidenden Bindungsstil

an. Seine eigenes Überleben hängt davon ab. Ein Kind in einer solchen Lage wird dann eben auch so tun, als ob es keine Bindung bräuchte. Allerdings ist das So-tun-als-ob für das Kind unglaublich anstrengend. Es gibt Untersuchungen darüber, die zeigen, dass Kinder in solchen Situationen ungebunden wirken und nicht darunter zu leiden scheinen, die gemessenen Stressreaktionen aber eine ganz andere deutliche Sprache sprechen. Hereist ein Video, wo das ganz gut erklärt wird.

Im Laufe der Zeit wird dieses Verhalten verinnerlicht. Wir werden dann relativ „autonom“, regeln unsere Angelegenheiten am liebsten selbst und scheinen niemanden zu brauchen. Alleinsein scheint ein natürlicher Zustand zu sein. Vielleicht

richten wir unsere Liebesbedürfnisse auf Tiere,

Pflanzen und/oder Gegenstände. Dass manche Menschen ihr Auto, ihr Handy oder ihren Computer mehr lieben als alles andere kommt offenbar recht häufig vor …

Eine Folge der vermeidenen Bindung ist es, dass wir vielleicht später Schwierigkeiten haben,

eigene Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen,

geschweige denn sie zu äußern und noch weniger für ihre Erfüllung zu sorgen. (Dazu müsste man schon mal wissen, was diese Bedürfnisse sind). Hochsensiblen Menschen fällt das häufig schwer, weil sie es so gründlich verlernt haben, sich überhaupt mit ihren Bedürfnissen und ihrer Erfüllung zu beschäftigen.

Ich denke, dass dies ebenfalls ganz eng gekoppelt ist an Selbstliebe und Selbstachtung. Denn wenn Erwachsene

sich nicht mit unserer Erlebnis- und Gefühlswelt als Kind beschäftigen,

fehlt uns einfach der Zuspruch, wir können weder Vertrauen in uns selbst entwickeln, noch in die anderen oder die Welt an sich.  Wenn es uns nie gelingen kann, die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu fesseln, bleibt auch unsere Vorstellung von Selbstwirksamkeit unterentwickelt. Denn dann müsste es uns ja gelingen, dafür zu sorgen, dass man sich uns zuwendet … Ein Gefühl von Selbstwirksamkeit müssen wir dann erst wieder entwickeln. (KLOPFEN ist übrigens ein sehr wunderbarer Weg um eine Vorstellung von Selbstwirksamkeit zu bekommen.)

Wenn wir grundsätzlich das Gefühl haben,

von anderen Menschen kommt nichts Gutes,

ist das keine gute Voraussetzung zum Aufbau förderlicher und guter Beziehungen. Uns fehlt dann häufig das Grundverständnis der Funktionsweise von Beziehungen. Jede kleinste Misstimmung wird dann zur Katastrophe und kann die ganze Beziehung in Frage stellen. und sehr häufig hat man einfach in Beziehungen keinen Boden unter den Füßen.

Damit verbundden ist natürlich der

alles überstrahlende Aspekt Sicherheit.

Wenn wir uns als Kinder mit und bei unseren Eltern nicht sicher gefühlt haben, nicht wirklich geborgen, fehlt uns das grundsätzliche Vertrauen in andere Menschen. Nicht sicher bedeutet nicht unbedingt so schwerwiegende Dinge wie Gewalt und Misshandlung, sondern beinhaltet auch so etwas wie, dass sich niemand jemals hinter uns gestellt hat, uns recht gegeben, uns verteidigt hat. Statt dessen wurden wir vielleicht verspottet, herabgesetzt, beschämt, nicht ernst genommen, oder überhaupt nicht beachtet.

Ich persönlich empfinde Nichtbeachtung als das Schlimmste überhaupt.

Es berührt sehr existentielle Aspekte, die mit Vernichtung zu tun haben. Denn wenn ich nicht beachtet werde, bin ich nicht. Und wenn ich nicht weiß, ob ich da bin oder nicht, verliere ich den Boden unter den Füßen, den sicheren Stand im Leben. Es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, da habe ich das sehr intensiv empfunden.

In einer solchen Umgebung aufzuwachsen bedeutet, dass sich das Verhalten der anderen (und unsere Reaktion drauf) quasi in uns selbst einschreibt. Das macht es auch so schwierig, etwas zu verändern.

Darum suchen wir im späteren Leben Partner, die eine ähnliche Ausstrahlung haben

und/oder ein ähnliches Verhalten an den Tag legen wie unsere ersten Bezugspersonen.

Selbst, wenn wir uns entscheiden, lieber ohne Partner*in zu leben, weil die Erfahrung, dass von anderen Menschen nichts Gutes kommt, uns so tief geprägt hat, entkommen wir der Prägung nicht. Wir können ihr dann in anderen Menschen begegnen, z. B. in Gestalt von Vorgesetzten, Klienten, Kund*innen usw.

Jedes Mal, wenn wir uns einlassen, ist dies

sowohl eine Chance zur Heilung vergangener Verletzungen,

als auch eine Chance zur Retraumatisierung und Verfestigung bereits bestehender Muster … Kommunikation kann dabei enorm helfen. Vor allem, wenn beide Partner*innen beeinträchtigte Bindungsmuster haben.

Konntest du dich hier wiederfinden? Wie immer freue ich mich über deine Kommentare. Ich freue mich übrigens auch, wenn du meinen Artikel teilst, damit auch andere etwas davon haben.

From my heart,

 

 

 

 

Foto von Rachel Claire of Pexels

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Wenn man sich mit Trauma in Liebesbeziehungen und Hochsensibilität beschäftigt, kommt man nicht umhin, sich mit Familie zu beschäftigen, nicht nur der eigenen, sondern auch der des/der Partner*in. Ob man das nun möchte oder nicht.

Bis jetzt habe ich mich erfolgreich um das Thema Familie gedrückt, aber nun muss es eben doch sein. Familie ist ja der Ort, wo der ganze Stress entsteht, wo wir geformt werden, wo wir uns verlassen und verlassen werden und verloren gehen. Und bitte denke daran, wenn dich hier etwas triggert, zu klopfen, an der Handkante oder am Schlüsselbein oder an einem Punkt deiner Wahl, den du besonders gern hast.

Ich habe mich immer superschwer getan mit den Familien meiner Partner und Partnerinnen. Vermutlich weil es dort so

viele Parallelen zu meiner eigenen Familie

gab. In den ersten Beziehungen, die ich mit anderen einging, spielte das Thema Alkohol immer irgendwie in irgendeiner Form eine Rolle, ob nun im Hintergrund oder nicht. Das Leben lässt grüßen! Später hat sich das etwas verloren, bzw. ich bekam nicht mehr genug von den Familien meiner Partner*innen mit um das beurteilen zu können. Wenn machbar, blieb ich auf Abstand.

Zu meiner eigenen Familie habe ich

ein sehr, sehr schwieriges Verhältnis.

Irgendwie habe ich mich im Kreis meiner Familie nie wohl gefühlt. Und sicher schon gar nicht. Das lag nicht nur an der drangvollen Enge (Tatsächlich bewohne ich jetzt eine Wohnung alleine, die fast so groß ist, wie die Wohnung, in der ich aufgewachsen bin, nur, dass wir damals zuerst zu siebt dort lebten und später zu sechst!) und des völligen Fehlens eines eigenen Raums …

Ganz lange Zeit hätte ich gar nicht zu sagen vermocht, was eigentlich so schwierig war, warum ich mich so unwohl fühle. Sicher, ich hatte diese sehr schwierige Beziehung mit meiner Mutter, das Gefühl, nicht willkommen zu sein, was mich praktisch mein ganzes Leben lang begleitet hat (Erst in diesem Jahr konnte ich mit meiner Mutter eine Art Frieden machen, post-mortem). Aber besser spät als nie! Das Verhältnis zu meinem schon vor Ewigkeiten verstorbenem Vater betrachte ich auch als weitgehend geklärt …

Ich bin übrigens sicher, dass meine

Eltern beide mit Hochsensibilität zu tun hatten,

und auch, dass beide Scanner-Persönlichkeiten waren, so wie ich. Sie waren beide sehr wissbegierig und vielseitig interessiert, das wird sie auch verbunden haben. Meine Geschwister würde ich da erst einmal nicht so einsortieren. Aber vielleicht tue ich ihnen auch unrecht.

Entwicklungstrauma als Folge dysfunktionaler FamilienJedenfalls sind meine Geschwister ein Kapitel für sich. Grundsätzlich war es schon einmal sehr schwierig für mich, dass

mein Status als drittes von fünf Kindern in der Familie nie festgelegt war,

sondern davon abhing, mit dem ich das Zimmer teilte. Waren es die beiden Älteren, gehörte ich zu den Großen, waren es die beiden Jüngeren, gehörte ich zu den Kleinen. Mit dem Status waren gewisse Privilegien verbunden, z. B. wie lange man aufbleiben darf. Meine ganze Kindheit hindurch gab es Dinge, die ich mal durfte und dann mal wieder nicht.

Dinge, die für meine Geschwister selbstverständlich waren, galten für mich nicht,

z. B. musste ich mit 16 zu anderen Uhrzeiten zuhause sein als alle anderen.

Früher ist mir das nie in den Sinn gekommen, aber im Rückblick kommt es mir vor, als habe mich meine Mutter in irgendeiner Form an sie gebunden. Obwohl ich nicht zu sagen vermag, wie genau. Sicher ist jedenfalls, dass ich erst, nachdem meine Mutter gestorben  war, das Gefühl hatte:

Jetzt kann ich mein eigenes Leben leben!

Falls du mir bis jetzt in meiner Serie Trauma in Liebesbeziehungen gefolgt bist, erinnerst du dich vielleicht daran, dass ich relativ schnell gemerkt habe, dass die Beziehung mit X tief vergrabene Dinge ans Tageslicht holte und ich überhaupt nicht mehr klarkam.

Darum habe ich eine Traumatherapie begonnen.

Irgendwann fiel mir ein Familienfoto in die Hände, wo ich im Kreise meiner Schwestern sitze. Natürlich kannte ich das Foto. Es wurde aufgenommen, als ich ungefähr 18 war. Aber zum ersten Mal habe ich auf diesem Foto etwas erkannt (und es war eine tief körperlich empfundene Erkenntnis!): nämlich, dass ich im Vergleich mit meinen Schwestern

einfach verkümmert

wirke. Nicht nur halb so groß, sondern insgesamt nur die Hälfte von allem. Als sei ich nicht richtig gediehen.

Das war ein tiefer Schock.

Es war, als würde ich zum ersten Mal mein Unwohlsein in meiner Familie wirklich verstehen, mit all meinen Sinnen begreifen. Und es ist natürlich überhaupt nicht verwunderlich, dass ich in meiner Familie das Gefühl habe, ich bin einfach nichts und alles was ich kann und weiß, zählt dort nicht.

In meinem letzten Workshop habe ich gesagt, dass ich dich, meine treue(n) Leser*innen und Follower*innen

viel mehr als Familie begreife

als meine eigene Herkunftsfamilie. Im Großen und Ganzen fühle ich mich von dir und euch wirklich gesehen, als das, was ich bin und kann. Du/Ihr gibst/gebt mir das Gefühl, etwas zur Welt beitragen zu können, etwas zu bewirken, in dir und deinem Leben.

In meiner Familie zählt all das nicht, dort bin ich überhaupt nichts.

Nur ein paar Beispiele: Als wir die Feier für die Beeerdigung meiner Mutter planten und ich eine Rede halten wollte, wurde mir beschieden „Aber nur ganz kurz!“ Abfällige Bemerkungen darüber, wieso ich mir denn einbilden würde, ich könnte jemals ein Buch veröffentlichen und etwas zu sagen haben, habe ich mehrfach gehört …

Das alles gärt nun schon seit Jahren in mir.

Nach dem Tod meiner Mutter sind wir übrig gebliebenen Kinder erst einmal enger zusammengerückt. Irgendwann kam aber der Moment, wo ich gemerkt habe, das Unwohlsein im Kreis meiner Geschwister hat mich wieder eingeholt.

Und so kam es, dass sich im Zuge meiner Traumatherapie in irgendeinem Winkel meiner Selbst Mut angesammelt hat, so dass ich meinen Geschwistern eines Tages, als ein online Treffen im Gespräch war, für mich selbst überraschend mitgeteilt habe, dass ich sie fürs erste nicht sprechen und treffen möchte.

Ich war es einfach leid, dass, wenn ich in unserer Whatsapp-Gruppe etwas über mein Leben erzähle, einfach keine Reaktionen kommen. Als sei ich unsichtbar.

Ich bin sehr froh mit meiner Entscheidung.

Es ist, als sei eine Riesenlast von mir gefallen. Erst durch die Distanzierung habe ich gemerkt, wie unwohl ich mich mein ganzes Leben in meiner Familie gefühlt habe. (Natürlich gab es am Anfang auch ein Angstmoment, aber das ist ziemlich schnell verflogen).

Parallel dazu habe ich mich auch noch aus einer Freundesgruppe gelöst, wo ich genau das gleiche Gefühl habe: dass es nicht wichtig ist, ob ich da bin oder nicht, außer aus Gründen der Vollständigkeit oder außer ich soll etwas Bestimmtes tun. Aber eigentlich interessiert sich niemand für mich. Und wir sprechen auch keine gemeinsame Sprache, es ist unmöglich für mich, bei den anderen anzudocken, weil ich ihre Interessen weder verstehen noch nachvollziehen kann.

So geht es mir wohl mit allen größeren Gruppen. Stets sind sie für mich wie

eine Art Abbild meiner Familiendynamik gewesen.

Jetzt habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, eine positive Veränderung erreicht zu haben. Indem ich mich von denen abgewandt habe, in deren Gegenwart ich mich unwohl fühle. Statt dessen habe ich mich Menschen zugewandt, mit denen es eine gemeinsame Kommunikationsebene gibt und gemeinsame Interessen. Menschen, die sich für das interessieren, was mich bewegt und womit ich mich beschäftige und was ich mache. Und ich interessiere mich in gleichem Maß für ihr Leben. Das ist so etwas von befreiend! Ich habe das Gefühl,

ich darf mich endlich entfalten!

Eigentlich sollte dies ein Artikel über meine Famlie und die Familie von X werden. Kaum hatte ich mich hingesetzt, flog der Stift nur so über das Papier, also kommt ihre Familie erst im Artikel nächste Woche dran. Es ist verrückt, mir scheint, je mehr ich zu dem Thema schreibe, umso mehr will aus mir heraus …ich muss den Worten, die sich schon in mir drängeln, einfach nur die Möglichkeit geben, herauskommen zu dürfen …

Wie gehts dir mit deiner Familie? Erträgst du sie, bist du auch auf Abstand gegangen oder hast du deinen Frieden gemacht? Wie immer freuen wir uns, wenn du  deine Geschichte mit uns teilst.

From my heart,

Deine Monika

Wo ist deine Zunge?

Wo ist deine Zunge?

Eigentlich will ich schon seit Ewigkeiten einen Beitrag über die Zunge schreiben, aber da mich das Thema Trauma in Liebesbeziehungen und Hochsensibilität sehr in Atem hält, ist es ein wenig nach hinten gerückt. Jetzt aber!

Dabei will ich mich hier mit einem Phänomen beschäftigen, das sicherlich einen Zusammenhang hat mit Hochsensibilität, aufgrund der dadurch entstehenden chronischen Stressbelastung.

Die Rede ist vom sog. Zungenpressen.

So wird es genannt, wenn man seine Zunge entweder gegen den Daumen oder von hinten gegen die Vorderzähne drückt – und zwar mit ganz erheblichem Druck. Schau doch mal, wo deine Zunge gerade ist?

Das Zungenpressen gehört übrigens mit dem Zähneknirschen, Lippenpressen, Saugen und Beißen zu einem Symptomkomplex, der Bruxismus genannt wird. Langfristig kann sich das natürlich zu einem Problem ausweiten. Der Druck auf die Zähne bleibt nicht ohne Folgen. Durch das Zungenpressen werden die Zähne von innen nach außen gedrückt. Die Zähne sitzen im Kiefer aber nicht wie in Beton, sie können sich lockern, verschieben, wenn nicht sogar ausfallen. Das Ärgerliche daran ist, dass wir oft selbst gar nicht (mehr) merken, dass wir es tun.

Hochsensibilität sorgt oft dafür,

dass wir unter chronischer Belastung und Anspannung stehen. Im Zusammenhang mit Hochsensibilität ist unser Leben häufig oder immer wieder mal von Stress, Erschöpfung und Überforderung geprägt. Es ist leider nicht so, dass, wenn man es einmal geschafft hat, aus der Stressspirale auszusteigen, es für den Rest des Lebens so bleibt. Einige von uns haben einfach ein geringeres Energielevel als andere und es bleibt eine Herausforderung, dem immer Rechnung zu tragen. Ich selbst habe immer wieder mal Zeiten, wo ich urplötzlich einen Widerstand gegen meinen Mittagsschlaf entwickele …

Zurück zum Zungenpressen. Unser Körper sucht sich dann unbewusst ein Ventil für diesen Druck. Leider ist es nicht so, dass der Druck dadurch verschwindet,

das Zungenpressen verlagert den Druck

lediglich auf andere Körperteile. Dies sind aber nicht nur die Muskeln im Kopf,- Nacken- und Kieferbereich, wie man vielleicht denken könnte.

Von Andreas Goldemann weiß ich, dass die Zunge eine Auswirkung auf die Wirbelsäule als Ganzes hat. Ich habe eine sehr schöne Seite im Netz gefunden, von dem „Mundologen Dr. Dieter Bähr“. Er schreibt, dass auch auf der Zunge im kleinen der ganze Körper abgebildet ist (wie überhaupt überall auf dem Körper) und dass

die Zunge für unser Denken und Fühlen eine zentrale Bedeutung hat

und sich eigentlich pausenlos im Mund bewegt, je nachdem was wir gerade denken und fühlen. Das finde ich äußerst spannend. Ein wenig später kam mir das Bild eines kleinen Elefanten in den Sinn, dessen Rüssel sich pausenlos bewegt, ob er nun etwas Konkretes damit greifen will oder nicht. Spontan habe ich dann im Netz die Frage gestellt,

ob Elefanten eigentlich eine Zunge haben?

Ich habe mich sehr gefreut, zu lesen, dass der Elefantenrüssel sich tatsächlich mit einer menschlichen Zunge vergleichen lässt, aber natürlich hat die menschliche Zunge viel weniger Muskeln als der Rüssel. Gefreut habe ich mich, weil mein Gehirn mir die Antwort schon einfach auf so spielerische Weise geschickt hat …Außerdem beschäftige ich mich total gerne mit Naturkunde.

Du weißst vielleicht längst, worauf ich hinauswill. Es geht einfach nichts über Entspannung. Und zwar nicht nur gelegentlich, sondern immer wieder mal, den ganzen Tag über. Du kannst dich z. B. immer wieder mal fragen, wo deine Zunge gerade ist, bzw. sie vom Gaumen oder den Vorderzähnen ablösen und einfach am Gaumen ablegen.

Der Minikurs zu Hochsensibilität ist kostenlosUnd natürlich kannst du auch KLOPFEN.

Immer wieder mal leer. Damit machst du nichts falsch, wenn du es in winzige Portionen über den Tag verteilst. Falls du noch nicht weißst, wie das geht, trag dich in meinen kostengünstigen E-Mail Kurs ein.

Ich freue mich über deine Kommentare, wie immer.

Bis bald,

von Herzen,

Deine 

Monika

 

Image by titoikids from Pixabay 

Was ist ein Entwicklungstrauma?

Was ist ein Entwicklungstrauma?

Wie hängt Hochsensibilität mit Entwicklungstrauma zusammen? Wenn wir uns damit beschäftigen, was ein Entwicklungstrauma ist, müssen wir uns auch damit beschäftigen, was Hochsensibilität ist. Wenn heute jemand über Hochsensibilität spricht, ist nämlich unklar, was damit gemeint ist. Jeder verwendet diesen Begriff anders. Deswegen möchte ich hier noch einmal kurz erläutern, was ich überhaupt meine,

wenn ich von Hochsensibilität spreche.

Jüngere Forschungen weisen darauf hin, dass Sensitivität ein angeborenes Merkmal ist, wie Intelligenz. Und wie bei Intelligenz sind die Ausprägungen in den Menschen unterschiedlich. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass 31 % aller Menschen highly sensitive sind, d. h. einfach mehr wahrnehmen als andere. (Mir gefällt der Begriff der Neurosensitivität in diesem Zusammenhang ausnehmend gut.)

Man weiß heute, dass sich

unser Gehirn entsprechend den Erfahrungen unserer Kindheit formt.

Das bedeutet, dass sich belastende Erfahrungen in der Kindheit direkt auf unser Gehirn auswirken. Und so kommt es, dass Kinder, die unter schwierigen Umständen groß werden, viele Belastungen und wenig Unterstützung erfahren, eine sog. Vulnerabilität entwickeln können, d. h. sie entwickeln Ängste, ihnen fehlt VERTRAUEN in ihre Eltern, in andere und in sich selbst. Der langfristige Stress führt dann zu einer allgemeinen Stressanfälligkeit. Das ist es, was meiner Meinung nach die Hochsensibilität ausmacht. Jedenfalls sind das die Menschen, die sich von mir und meiner Arbeit angezogen fühlen.

Erst in jüngerer Zeit kommt das Thema „Trauma“ allmählich in der Öffentlichkeit an. Allerdings verstehen die meisten darunter nach wie vor eher ein Schocktrauma, also ein einmaliges Ereignis, wie z. B. einen Unfall. Das ist aber nur ein WINZIGer Ausschnitt aus der Palette möglicher Arten von Traumatisierungen.

Denn das, was wirklich schlimm und krass ist und sich so auf die Gesellschaft als ganzes auswirkt, ist das

sog. Entwicklungstrauma.

Es ist in der Öffentlichkeit leider überhaupt nicht präsent. (Obwohl dadurch letzten Endes unendlich viele Kosten für die Gemeinschaft verursacht werden!)

Unter Entwicklungstrauma versteht man die Beeinträchtigung der biologischen und emotionalen Entwicklung eines Kindes. Eine natürliche Entwicklung unterstützt ein Kind darin, Resilienz und andere Fähigkeiten zu entwickeln, die ihm helfen, im Leben zurecht zu kommen. Zum Beispiel Selbstliebe, Selbstachtung, Zuversicht und SelbstVERTRAUEN. Wie man sich selbst beruhigt gehört auch dazu.

Vielleicht ahnst du ja schon, worauf ich hinaus will …

Den meisten hochsensiblen Menschen fällt Letzteres schwer (sofern sie nicht als erwachsene Menschen eine Technik zur Selbstberuhigung gelernt haben). Weil sie Selbstberuhigung als Kleinkind nicht von ihren Eltern lernen konnten. Weil ihre Eltern selbst nicht wussten, wie man sich selbst beruhigt und es infolgedessen auch nicht weitergeben konnten.

hochsensible Menschen erfahren häufig EinsamkeitEin Entwicklungstrauma bedeutet, unter sehr schwierigen Bedingungen aufzuwachsen, vielleicht die ganze Kindheit hindurch mit belastenden Situationen zurechtkommen zu müssen, die, jede für sich genommen, schon schlimm genug ist.

Dazu gehören z. B. (mehr darüber finden Sie in dem Blogartikel 10 belastende Kindheitserfahrungen)

  1. ein oder beide Elternteile sind süchtig
  2. verbale Angriffe
  3. emotionaler Missbrauch
  4. Vernachlässigung
  5. Gewalt
  6. Verlassenwerden
  7. Bindungsabbrüche
  8. Geschwister Trauma
  9. Armut
  10. ein oder beide Elternteile sind psychisch krank.

Manchmal kommen auch mehrere dieser Belastungen zusammen – ich habe mindestens fünf von dieser Liste.

Für jede dieser Trauma Situationen entwickeln wir bestimmte Überlebensstrategien. Aus jeder dieser Situationen leiten wir

bestimmte Lernerfahrungen

ab. Wir speichern sie in Form von Glaubenssätzen. Wenn wir z. B. Eltern haben, die cholerisch sind, können die Auswirkungen sein, dass wir uns wahrscheinlich vor Aggressivität überhaupt fürchten und unterdrücken unsere eigenen aggressiven Impulse. Langfristig werden wir daraus eine Unfähigkeit entwickeln, Wut zu spüren. Und das ist sehr fatal, denn dies hat auch auch ganz viel mit der Fähigkeit zu tun, anderen Menschen unsere Grenzen aufzuzeigen. Kein Wunder, dass Schwierigkeiten damit, Grenzen zu setzen in der Hochsensibilität fast immer eine Rolle spielen …

Auch unsere Bindungen

werden durch Entwicklungstrauma beeinträchtigt.

Ein Entwicklungstrauma ist immer auch ein Bindungstrauma. Vor allen Dingen unsere Bindungen an unsere erwachsenen Bezugspersonen. Denn als Kinder lernen wir durch Nachahmung und durch ihr Verhalten.  Haben wir z. B. in einer Situation Angst und werden getröstet, lernen wir, dass jemand für uns da ist, der uns hilft, dass es gut ist, anderen unsere Gefühle zu zeigen. Vielleicht lernen wir auch, dass das, weswegen wir uns eigentlich gefürchtet haben, nicht so schlimm ist.

Werden wir als Kinder jedoch nicht getröstet, bleiben wir auf unseren Angstgefühlen und Stresshormonen sitzen. Wir lernen, dass wir keine Hilfe bekommen – und können auch eine Angst entwickeln, keine Hilfe zu bekommen. Und weil Kinder einerseits bis zu einem bestimmten Alter immer alles auf sich selbst beziehen müssen und andererseits Erklärungen brauchen und wollen,

könnten wir daraus innere Glaubenssätze entwickeln

wie:

  • ich bin nicht wichtig
  • ich bin nicht liebenswert
  • ich habe es nicht verdient, dass man mir hilft
  • ich bin ALLEIN
  • ich kann niemandem vertrauen
  • ich fühle mich in Beziehung nicht sicher

usw.

Es ist natürlich noch eine Steigerung dieser Situation denkbar: Dass man für seine Angst verspottet und lächerlich gemacht wird. Ich bin sicher, dass du dir das sehr gut vorstellen kannst, bzw. vielleicht auch schon selbst erlebt hast.

In der letzten Zeit habe ich

mich sehr eingehend mit Bindungsmustern beschäftigt,

bin aber – was Hochsensibilität angeht – auf keinen grünen Zweig gekommen.

Man unterscheidet Bindungsmuster in sichere Bindung, vermeidende Bindungen, unsicher-ambivalente  und desorganisierte Bindungen. Die desorganisierte Bindung ist besonders „interessant“ im Zusammenhang mit Trauma und Partnerschaft (letztere bleibt nie unberührt durch ein Bindungstrauma).

Ich konnte durch meine Artikelserie Trauma in Liebesbeziehungen für mich selbst AUFDECKEN, dass die Beziehung zu meinen Eltern desorganisiert war. Das war ein Schock. Desorganisiert bedeutet:  die Bindung ist total chaotisch, man weiß nie, was kommt, man kann nichts erwarten und häufig gibt es auch ein Angstelement, weil die entsprechende Person sich PLÖTZLICH so verhält, dass man sich bedroht fühlt. Dann hat man Angst vor der Person, die man liebt oder lieben sollte und die einen selbst auch lieben sollte …

Wenn ich mir aber ansehe,

was vermeidende Bindung ausmacht,

dann erkenne ich mich und meine Klient:innen zu 100 %wieder! Lt. Diane Poole Heller* (Autorin des Buches „Tief verbunden“) sind das:

  • Vereinsamung
  • Mangel an emotionaler Zuwendung
  • Mangel an elterlicher Präsenz
  • oder eine aufgabenbasierte Präsenz
  • fehlende Beruhigung
  • emotionale Vernachlässigung
  • unstimmiges Verhalten
  • gestörtes Bindungsverhalten und
  • Zurückweisung.

hochsensibilität hat mit Isolation zu tunFür die Kinder ergibt sich daraus ein ganz grundsätzliches Isolationsgefühl. Ganz viele hochsensible Menschen kennen das Gefühl, sich wie ein Alien zu fühlen, fremd zu sein, nicht dazuzugehören. Ich selbst kenne das auch. In der Folge fühlt man sich in Beziehung mit anderen Menschen oft nicht wohl oder baut Beziehungen eher auf einer wesentlich ungefährlicheren Basis auf, z. B. zu Tieren, Pflanzen oder nicht belebten Objekten. Es ist natürlich auch logisch, dass man Beziehungen eher vermeidet, wenn man sie immer nur als eher schmerzhaft  und

sich selbst machtlos fühlt.

Man kann z. B. das Muster entwickeln, sich an Tätigkeiten festzuhalten, die einen noch weiter von anderen entfernen.

Mir blutet das Herz, als ich lese, dass Schwierigkeiten mit dem Augenkontakt ein weiteres Merkmal vermeidender Bindung ist. Damit habe ich selbst den Großteil meines Lebens zu kämpfen gehabt.

Während ich dies schreibe, merke ich, dass jeder dieser Punkte ein eigener Blogbeitrag wert wäre …

Lass mich noch kurz benennen: die

Schwierigkeit, persönliche Bedürfnisse zu erkennen

und zu äussern, eine Betonung der linken Gehirnhälfte (sehr, sehr viele hochsensible Menschen sind äußerst kopfbetont) und einen Hang zum praktischen Handeln. Ich weiß natürlich nicht, wie es dir beim Lesen geht, aber ich sehe da nur Merkmale, die für mich zur Hochsensibilität gehören.

Halten wir also fest, dass es offenbar einen

Zusammenhang gibt zwischen Hochsensibilität und nicht-sicheren Formen der Bindung.

Ein Bindungstrauma kommt ebenfalls häufig im Zusammenhang mit Hochsensibilität vor. Bei Michaela Huber habe ich in dem Buch „Trauma und die Folgen“ die Aussage gefunden, dass ein Kind desorganisiert gebunden aufwächst, wenn seine Eltern an

unverarbeiteten Traumata

leiden. Ich wollte es dann genau wissen und habe bei der Autorin Sabine Bode im Buch „Die vergessene Generation“ nachgesehen. Sie schreibt, dass rund 30 % aller Menschen, die den 2. Weltkrieg als Kinder erlebt haben, unter belastenden Folgeschäden leiden. Das erscheint mir sowas von unwahrscheinlich.

Überlege einmal, wie sehr Corona uns auf allen Ebenen zugesetzt hat, vor allen Dingen emotional. Wie immer erfahren Kinder diese unsicheren Lebensbedingungen ungleich härter als  Erwachsene. Von Studien wissen wir, dass Corona eine extreme Auswirkung auf die Psyche der Kinder hatte. Nun ist ein Krieg noch eine ganz andere Hausnummer, bei der es noch viel krasser zugeht.  Ich bin bin felsenfest davon überzeugt, dass die ganze Generation unserer Eltern (also die Eltern von allen, die etwa zwischen 1955 und 1975 geboren wurden) in irgendeiner Form durch den 2. Weltkrieg ein Trauma erlebt hat und zu den Folgen eine posttraumatische Belastungsstörung gehört. Dafür spricht meines Erachtens auch, dass diese Generation nicht mehr einfach an Altersschwäche stirbt, sondern krank wird durch Stress und unter unter Umständen lange dahinsiecht.

Und es bedeutet auch, dass wir, die Kriegsenkel und die nachfolgenden Generationen,

die kollektive Traumatisierung mittragen.

Wenn nicht durch direkte Weitergabe, dann dadurch, dass unsere Eltern sich uns nicht zuwenden (sondern manchmal sogar eher ab) und uns all die Dinge geben konnten, die wir gebraucht hätten, um gesunde Resilienz zu entwickeln. Unsere Eltern waren einfach viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Oder haben vielleicht im Grunde auch nie erwachsen werden können.

Natürlich habe ich keine Beweise dafür. Aber ich habe meinen gesunden Menschenverstand. Und meine Lebenserfahrung. Und wenn man beginnt, sich intensiver mit sich selbst und mit Trauma auseinander zu setzen, ist eines der ersten Dinge, die einem ins Auge stechen:

wie ungeheuer verletzlich wir sind

aber auch: wie lebendig und wie lebenshungrig.  Wir wissen alle, dass wir etwas anderes hätten bekommen sollen. Und dass wir das noch erleben wollen, was hätte werden können aus uns, hätte es andere Startbedingungen gegeben. Statt dessen sitzen wir hier mit einem Berg an Lernerfahrungen und

Glaubenssätzen aus belastenden Kindheitserfahrungen, die uns das Leben schwermachen.

Diese Überzeugungen haben wir zu einem Zeitpunkt entwickelt, als wir schlüssige Erklärungen brauchten. Damals hatten sie ihren Sinn für uns. Heute aber meistens nicht mehr.

Genau darum habe ich den Intensivkurs entwickelt, meinen online Kurs „Besser umgehen mit Hochsensibilität“. Seit ich den „Conscious EFT“ Ansatz der kanadischen EFT-Masterin Nancy Forrester kennengelernt habe, wusste ich sofort, dass das richtig ist für mich und „meine Leute“. Denn dort geht es darum, die EFT Klopftechnik viel sicherer zu machen.

Konkret bedeutet es, dass ich mit Klient:innen nicht (mehr) in der Vergangenheit herumgrabe. Statt dessen SUCHEn wir nach Glaubenssätzen, die sich durch ihre/seine Lernerfahrungen ergeben haben, die heute ein Sich-wohl-fühlen verhindern. Deswegen geht es im Intensivkurs viel weniger darum, einzelne Sätze mit EFT zu klopfen, sondern kurze Impulse zu den jeweiligen Themen – die aber viel intensiver und tiefer wirken als Sätze.

Eine Teilnehmerin meiner ersten Intensivkursgruppe hat mir geschrieben: „Immer wieder gibt es Momente, beim Online-Klopfen oder auch alleine zu Hause, wenn ich die ersten Mal einen neuen Klopf-Impuls befolge, wo ich tief berührt bin und das Gefühl habe, mit Teilen von mir in Kontakt zu kommen, die ich sonst kaum erreiche.“ (Das ganze Feedback kannst du lesen, wenn du unten auf den Button für die Kursseite klickst.)

Ich habe mich so unendlich darüber gefreut. Weil es zeigt, dass mein Konzept aufgeht. Und weil es bedeutet, dass ich mit dem or in the annual EFT Training viel mehr Menschen gleichzeitig dabei unterstützen kann, sich von ihren Lernerfahrungen aus Entwicklungstrauma in einem sicheren triggerfreien Raum zu BEFREIEN. Und das ist so unendlich wichtig, weil Glaubenssätze und Verhaltensmuster uns davon abhalten, uns zu leben, unser Leben zu leben.

Bald ist es übrigens so weit, der or in the annual EFT Training öffnet vom 21. bis zum 27. April wieder seinen Zugang. Ich habe zwischenzeitlich entschieden, die Anzahl der Teilnehmer:innen auf 10 pro Gruppe zu beschränken, damit ich die Möglichkeit habe, alle Teilnehmer:innen im Blick zu behalten. Kleine Gruppen steigern deinen Wohlfühlfaktor ganz erheblich.

Von Herzen, deine

Monika Richrath

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Trauma in Liebesbeziehungen – Ichbezogenheit

Trauma in Liebesbeziehungen – Ichbezogenheit

Seit Monaten sitze ich in einer emotionalen Achterbahn. Nicht nur seit der Trennung im Mai, vor allen Dingen seit ich hier begonnen habe, mich mit den Zusammenhängen von Hochsensibilität, Entwicklungstrauma, Stress, Trauma und der Geschichte meiner eigenen Bindung zu beschäften. Nie weiß ich, was hinter der nächsten Biegung auf mich wartet.  Das Darüber-Schreiben, ursprünglich begonnen als Verarbeitungsprozess, ist längst zum

Auslöser weiterer Ereignisse

geworden. Quasi ein KATALYSATOR.

So habe ich mich nach meinem vorletzten Blogbeitrag, der sich mit der konkreten Auswirkung von desorganisierter Bindung (z. B. dem gleichzeitigen Vorhandensein von Angst und Liebe) in einer Beziehung auseinandergesetzt hat, durch einen Traum ein weiteres Puzzleteil gefunden.

Ich wusste nie so genau,

was eigentlich war mit mir und meiner Mutter,

außer, dass ich immer diesen Groll auf sie hatte und sie sich benahm, als hätte sie ein schlechtes Gewissen.

Durch den Traum wurde nach oben gespült, dass meine Mutter und ich auch diese desorganisierte Beziehung hatten. Dass ich oft Angst hatte, Dinge zu äußern, dass ich befürchtete, dass das, was ich sage, entweder gar nicht beachtet wird, oder einfach abgetan wird als vollkommen abwegig. (Mit meinem Vater hatte ich das übrigens auch). Mit meinen Geschwistern ist es übrigens ähnlich.

Vielleicht ist es manchmal nur eine leise Angst, aber wichtig ist doch, dass man dadurch in seinem Ausdruck gehemmt wird, nicht frei ist zu sagen, was man sagen möchte. Und leise Dinge können manchmal sehr laut sein, bzw. sehr tief wirken

Heute möchte ich mich gerne mit

Ichbezogenheit und Kontrolle

beschäftigen. Natürlich wie immer im Zusammenhang mit Hochsensibilität, Trauma und Entwicklungstrauma.

Die ganz spezielle Art von Ichbezogenheit, die durch Traumatisierung jedweder Art entsteht (und auch Teil einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist) können viele von uns an ihren Eltern beobachten. Jedenfalls all jene aus meiner Generation, deren Eltern den Krieg noch als Kinder erlebt haben. Dass jemand einfach so stirbt, kommt heute ja kaum noch vor. Die meisten Eltern werden nach und nach zu Pflegefällen und werden häufig von ihren Kindern in irgendeiner Form betreut.

Falls Sie selbst gerade in dieser Lage sind, haben Sie vielleicht schon gemerkt, dass Ihre Eltern dabei total

auf sich selbst und ihre Bedürfnisse bezogen

sind und von Ihnen erwarten, dass Sie ihre Bedürfnisse erfüllen. Ihre Bedürfnisse scheinen dabei nie eine Rolle zu spielen.

Es ist ein sehr logisches Verhalten, dass Kinder, die die Erfahrung gemacht haben, dass sie keine Unterstützung bekommen, aufhören, Unterstützung zu erwarten und versuchen, alles für sich selbst zu regeln. Sie entwickeln dann eine Art von Ichbezogenheit, in der

nur die eigenen Belange wirklich zählen.

Meine Partnerin hat mir das immer vorgeworfen, in dem Sinn, dass ich nicht in der Lage bin, von meinen eigenen Zuständen abzusehen. Sie hatte sicherlich recht damit.

Ich denke, dass sie mir diesen Vorwurf häufig gemacht hat, weil sie sich mich eigentlich tröstlich und/oder mütterlich wünschte. Ich bin zwar sehr fürsorglich, aber mütterlich bin ich eben nicht. Das kenne ich gar nicht, es fehlt mir als Erfahrung vollkommen. Darum kann ich es auch nicht weitergeben, bzw. mich mütterlich verhalten.

Und auf ihre Art war X natürlich auch sehr ichbezogen. Nur anders. Als wir uns kennen lernten, war sie schon sehr lange Single, hatte es sich eingerichtet in einem Leben mit Tieren und wenig sozialen Kontakten – einen

sehr überaschaubaren Rahmen geschaffen,

der ihr Sicherheit bot. Und da platzte ich nun hinein mit meiner Neugier und vielfältigen Interessen und meinem Lebenshunger!

Es war relativ schnell klar, dass sie ihr Leben nicht ändern würde, bloß, weil ich da war. Zwar haben wir nie darüber gesprochen, aber es hing für mich immer unausgesprochen über uns – vermutlich, weil ich freiwillig mein ganzes Leben änderte, weil sie da war.

In gewisser Weise haben wir ja ganz WUNDERbar zueinander gepasst. Zumindest in dem Sinne, dass wir

jeweils als Entwicklungsbooster für die andere

fungierten. Es war uns beiden klar, dass wir durch die andere auf Schmerzpunkte in unserem Leben gestoßen wurden.

Ich habe mich schon nach relativ kurzer Zeit gefragt, ob ich das schaffen kann, mich in ihren engen Rahmen zu pressen? Ich erinnere mich, dass ich dies eine Zeitlang sehr klar sehen konnte, aber nicht in der Lage war, diesen Gedanken wirklich Raum zu geben. Denn dann hätte ich die Beziehung eigentlich sofort beenden müssen. Das war mir sicher irgendwo bewusst.

Gleichzeitig lief ja immer noch dieses unglaubliche

Verlustangstprogramm

in mir ab. Das viel älter und mächtiger war. Also habe ich einfach weitergemacht und geguckt, wie ich einen Platz in ihrem Leben finden kann. Ich habe das getan, was ich immer tue,

wenn Verlustängste übermächtig werden:

ich habe meine eigenen Bedürfnisse vollkommen ignoriert und mich an den Bedürfnissen von X orientiert. Die lauteten: mich so viel sehen wie möglich. Manchmal aber auch, wenn ich da bin: mich am besten sofort auflösen und verschwinden. Oder: nicht reden. Und: sie in ihrem Leben unterstützen. Sachen für sie erledigen.

Das hat mich häufig total befremdet, ich habe mich ausgenutzt gefühlt. Ich denke aber, es ist sicher auch eine Trauma-Folge. Weil sie sich eigentlich trotz des eng gesteckten Rahmens häufig von den Erfordernissen des Alltags überfordert fühlte. Das war eine ihrer Erwartungen an mich: dass ich sie unterstützen soll, besser mit ihrer Überforderung fertigzuwerden.

Ich habe erst eben beim Schreiben gemerkt, dass sich das für mich gefühlsmäßig ähnlich anfühlt, wie mit meiner Mutter.

Wie gesagt, mich hat das sehr befremdet, denn ich bin

mit meiner Art von Ichbezogenheit anders

herum gepolt: ich stehe auf dem Standpunkt, ich regele meine Sachen, du regelst deine. Ich habe deswegen einen ganz schön großen Groll aufgebaut. Irgendwann habe ich auch mal ausgesprochen, dass ich mich manchmal ausgenutzt fühle, aber das war fast, wie ins Leere zu reden. Ich hatte das Gefühl, das kommt gar nicht an.

Letzten Endes denke ich, dass es

zwei unterschiedliche Verhaltensweisen der gleichen Ichbezogenheit

sind.

Solange ich also versuchte, zusammen mit X X Leben zu leben, ging alles halbwegs gut für sie. Alles unter Kontrolle sozusagen.

Als ich aber zum ersten Mal

eine Forderung stellte,

war das eine echte Bedrohung. Ich hatte gefordert, dass ich nicht mehr die einzige sein konnte, die jede Woche die Reise auf sich nimmt, dass wir uns also mit dem Reisen abwechseln sollten.

Das brachte natürlich alles ins Wanken.

Nicht nur den Urlaub, den wir ein paar  Tage später antreten wollten, sondern auch die Beziehung an sich und auch das ganze Lebenskonstrukt von X. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass dass für X den totalen Kontrollverlust bedeutete. Den sicheren Rahmen zu verlassen.

Erst sehr viel später stellte sich heraus, dass mit dem Kontrollverlust tiefe Ängste verbunden waren. Davon wusste ich erst aber einmal nichts. Für mich war ihre Reaktion auf meine Fordererung, nicht mehr mit mir in Urlaub fahren zu wollen, total befremdlich. Umso mehr, als dieser Urlaub ihr Bedürfnis gewesen war, und weniger meines. Sollte ich jetzt alleine fahren, wenn sie nicht mitkommt? (Sehr beängstigend, weil die Reise in ein sehr weit entferntes Land ging und ich mich überhaupt nicht mit den Gepflogenheiten eines Pauschalurlaubs auskannte) Oder sollte ich das Geld einfach abschreiben?

Eine Sache war aber doch gut daran: dass ich nämlich gemerkt habe, dass meine Verlustangst ihren Höhepunkt überschritten hat. Ich war einfach erschöpft, ich konnte nicht mehr.

Ich war bereit aufzugeben.

Wenn diese Liebe zu leben, bedeutete, mein eigenes Leben vollkommen aufzugeben, dann war der Preis einfach zu hoch …

Natürlich sind wir dann doch in Urlaub gefahren. In Wahrheit konnten wir es nicht einmal ertragen, auch nur einmal zwei Tage lang nicht miteiander zu sprechen. Es war sehr schön, aber natürlich nicht ungetrübt.

Während unserer täglichen Spaziergänge am Strand haben wir sehr viel miteinander gesprochen und uns wieder einander angenähert. Darum bin ich nicht, wie ich ursprünglich vorgehabt hatte, vom Flughafen aus direkt nach Hause gefahren, sondern noch einmal mit zu ihr gekommen, um erst am nächsten Tag zu mir zu fahren.

Am nächsten Morgen bekam ich sehr früh dann gleich wieder einen Rüffel, weil ich meine Teetasse an einem „falschen“ Ort abgestellt hatte. Da hat sich richtige Verzweifelung in mir breitgemacht. So eine Ahnung, dass sie dieses Verhalten nie aufgeben wird. Vielleicht auch

nie bereit sein wird,

mir wirklich einen Platz einzuräumen.

Ich bin nach Hause gefahren und habe gedacht: „Ich ertrage das nicht länger, ich mache Schluss.“

Diese Hänger am Ende machen mir irgendwie jetzt Spaß. Weil ich so auch eine Verpflichtung habe, dabei zu bleiben …

In der Zwischenzeit habe ich immer wieder mit mir gehadert, ob es richtig ist, so über meine Beziehung zu schreiben. Wenn ich wüsste, dass X meinen Blog liest, wäre es sicherlich anders. Aber sie hat sich eben nicht wirklich mehr mit meiner Arbeit beschäftigt, nachdem sie sich ein Urteil darüber gebildet hat. Ich kann also davon ausgehen, dass sie meinen Blog jetzt erst recht nicht lesen wird. Ihre Identität wird hier nicht enthüllt, und wird dadurch keinen Schaden nehmen.

Es ist auch nicht unbedingt schön und oft nicht erfreulich. Aber ich habe eben diesen sehr dringenden inneren Impuls, es zu tun. Und ich gehe davon aus, dass Ihnen das Lesen irgendwie weiterhelfen wird, so wie mir das Schreiben weiterhilft … Mir wurde auch von einer Leserin nahe gelegt, unbedingt weiterzumachen …

Wenn Sie mögen, schreiben Sie doch in die Kommentare, ob Sie diese Ichbezogenheit kennen von sich selbst oder anderen?

Von Herzen, Ihre

Monika Richrath

P.S. Am 20. September startet mein nächster Mini-Workshop „Besser umgehen mit Hochsensibilität“, der täglich um 19 Uhr auf Zoom stattfindet. Die Teilnahme ist kostenlos. In dem Workshop stelle ich Ihnen WINZIGe Impulse vor, die Sie dabei unterstützen, Lernerfahrungen, die Sie aufgrund eines Entwicklungstraumas gemacht haben durch KLOPFEN zu verändern.

Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay

 

Trauma in Liebesbeziehungen Teil 2 Alltag

Trauma in Liebesbeziehungen Teil 2 Alltag

Es ist gar nicht so leicht, jemanden kennenzulernen, vor allem nicht, wenn Hochsensibilität mit im Spiel ist. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mich eher auf „Nebengleisen“ bewege. Ich selbst gehe zwar supergerne aus, aber der Großteil etwas älterer Frauen eher nicht. Man trifft sich einfach nicht mehr so selbstverständlich, wie das früher vielleicht der Fall war. (Ich habe meine SUCHE vor Corona begonnen übrigens.)

Von daher war es für mich ganz logisch und selbstverständlich, dass ich mich im Internet auf die Suche gemacht habe. Das hat wirklich seine Tücken und war ein Mega Stress: Alle, absolut alle Menschen, die ich bis dahin online näher kennengelernt habe,

hattenentwicklungstrauma kann entstehen wenn der vater psyschisch krank ist. eine psychische Erkrankung.

Das hat mich unglaublich frustriert. Natürlich wusste ich von mir selbst, dass es da noch einige Leichen im Keller gibt, die ich noch nicht angeschaut habe, aber ich kann über mein Leben REFLEKTIEREN, ich habe Ängste usw. weitestgehend hinter mir gelassen, ebenso wie Depressionen, ich komme mit mir und anderen Menschen wunderbar zurecht (sonst könnte ich meine Arbeit ja gar nicht machen). Trotz Trauma-Hintergrund. Grundsätzlich bin ich freundlich, friedlich und sehr sortiert. Erst, wenn jemand meine Knöpfe drückt, gerate ich aus dem Ruder. Was im normalen Alltag praktisch nicht vorkommt – äh, vorgekommen ist.

Wieso geriet ich bloß immer an Menschen mit irgendwelchen psychischen Störungen? Das war sowas von ABSCHRECKENd. Am Ende habe ich das sogar in mein Profil auf der Plattform geschrieben (was mir öfter mal wüste Beschimpfungen einbrachte).

Erst letzte Woche wurde das aufgelöst, durch einen Satz, den meine Coach einfach mal so fallen lies. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass dieses Anziehungsmuster dadurch entstanden sein könnte,

weil mein Vater psychisch krank war.

Und ja, er war wirklich sehr, sehr krank. (Ich denke immer noch, er war eigentlich nicht richtig lebensfähig.)

Wie ich schon im ersten Teil von Trauma in Liebesbeziehungen geschrieben habe, ging es mir sehr gut, als ich X kennenlernte. Ich war eigentlich ein glücklicher Single und dachte, ich könnte mich

ruhigen Gewissens auf eine Beziehung einlassen,

in der uns beiden der jeweilige Trauma-Hintergrund der anderen bewusst ist. Das war ein totaler Trugschluss.

Letzten Endes waren mir meine eigenen Knackpunkte nicht wirklich bewusst. Sicher, es hatte Erlebnisse mit anderen Menschen gegeben, die

mich regelrecht für eine Woche verstörten,

aber ich hatte nicht verstanden, dass dies für mich 1 a Trigger waren und dass es sich bei der nachfolgenden Verstörung um eine Retraumatisierung handelte. (Davon gehe ich jedenfalls aus.) Von daher fühlte ich mich, als ich mich auf X einließ, zwar  gewappnet, war aber doch vollkommen schutzlos. Denn auf das, was ich dann erlebte, war ich in keinster Weise gefasst.

Unser erstes gemeinsames Weihnachten. Wir haben uns so gefreut, endlich einmal 10 Tage am Stück miteinander verbringen, endlich mal genug Zeit haben für alles …

Und dann kam alles ganz anders

Trauma bedeutet häufig nichts zu fühlenNach 4 oder 5 Tagen fuhr ich vollkommen verstört wieder nach Hause.

Weder erkannte ich X, noch mich selbst wieder. Das war nicht mehr die Frau, in die ich mich verliebt hatte. Die war irgendwie verschwunden. An ihre Stelle war eine herrische, rechthaberische, sehr gemeine Person getreten, die mich

dauernd runtermachte,

weil ich die Dinge nicht so handhabte wie sie. Was hat mich das gekränkt, dass sie sagte, ich könne ihre Patientin sein. (Natürlich hätte sie genauso gut meine Klientin sein können …) Erst machte sie mich klein,  anschließend behauptete sie, ich wäre ihr kein adäquates Gegenüber.

Ich selbst war auch irgendwie verschwunden. Entweder löste ich mich in Tränen auf, weil ich so überrumpelt war von ihrem Verhalten, oder ich zog mich ganz aus mir zurück, um nicht so klein dazustehen und mich nicht klein zu fühlen. Um gar nichts mehr zu fühlen tatsächlich. (Was sie dann wiederum triggerte).Für mich ist es jedenfalls ein hochgradiger Trigger, wenn jemand barsch mit mir spricht und gemein und herablassend wird. Vor allen Dingen, wenn ich mich gerade sicher fühle und es nicht kommen sehe.

bei trauma in beziehungen kommt es zu retraumatisierungJede Attacke war wie eine Art Überfall.

Ziemlich schnell ist bei mir so eine ganz tiefsitzende Unsicherheit aufgeploppt. Wenn ich jetzt das und das nicht mache, wird sie dann wieder über mich herfallen? Natürlich fühlte ich mich total bedroht in meiner ganzen Existenz. Weil ich offenbar nicht gut genug war. Und schuld an allem …

Und dieses Schuldgefühl war offenbar auch etwas sehr Altes. Meine Mutter hat uns immer vermittelt, dass sie ein ganz anderes Leben hätte haben können, wenn sie nicht Mutter geworden wäre, daraus ist bei mir offenbar so

eine Grundschuld

geworden, einfach nur, weil ich da bin, die hier auf einen fruchtbaren Boden fiel. Ich fühlte mich total schuldig, weil ich offenbar nicht eine adäquate Partnerin sein konnte. Und dann war da auch noch diese Verwirrung, die mich bisweilen in ihrer Gegenwart befiel, die vor allen Dingen dann kam, wenn sie mit mir mein Verhalten diskutieren wollte. Ich konnte mich dann weder erinnern, was ich gesagt hatte, noch was ich überhaupt gedacht hatte oder warum ich etwas hatte tun wollen oder nicht. Ziemlich schlimm eigentlich alles. Leider muss ich sagen, dass dies

ein sehr gutes Beispiel für eine desorganisierte Bindung,

ist, man liebt jemanden, vor dem man aber eigentlich auch Angst hat. Au weia!

Ich hatte schon vor einiger Zeit eine Ergotherapie begonnen. Dann machte ich mich daran, mir zusätzlich eine Traumatherapie zu suchen.Denn mir war klar, dass ich sonst nicht in dieser Beziehung klarkommen würde. Und das wollte ich doch. Ich wollte nicht bei der ersten besten Schwierigkeit aufgeben. Irgendwie hatte ich mich in die Vorstellung verrannt, ich würde jetzt noch mal einen letzten Versuch machen und alles geben und wenn das nicht funktionieren sollte, würde ich es auch nie wieder probieren.

Eine Sache gab es, die zwischen uns wirklich gut war und das war, das wir von Anfang an auf meine Initiative das Zwiegespräch einführten. Das sorgte immer wieder für gegenseitiges Aufeinander-zu-gehen, Verständnis, Mitgefühl usw.

Ich hatte mich ja schon mit verschiedenen Ansätzen von Traumaarbeit beschäftigt. Für mich war klar, dass ich es jetzt u. a. gerne mit Somatic Experiencing probieren möchte. Ich fand praktisch sofort eine Therapeutin.

Mit diesem FUNKEn änderte sich alles für mich. Es war, als hätte mein ganzes System nur darauf gewartet, dass ich endlich BEGINNEN kann, mich mit meinen Leichen im Keller zu beschäftigen.

Zu allererst habe ich begonnen zu fühlen.entwicklungstrauma folgen keine gefühle zeigen

Mehr zu fühlen als vorher. Vorher fand ich das Fühlen eher bedrohlich. Oder sagen wir mal, ich hatte meinen Fokus darauf gerichtet, meine Wahrnehmung zu ignorieren. Ich habe mein Überleben offenbar hauptsächlich dadurch gesichert, dass ich alles tat, was ich konnte, um anderen Menschen zu gefallen, bzw. sie nicht gegen mich aufzubringen. (Deswegen waren die Konfrontationen mit meiner Partnerin so existentiell bedrohlich für mich).

Durch die Therapien habe ich gelernt, dass es gut ist, in mich hineinzufühlen und mir Gefühle zu erlauben und anzusehen.

Zu fühlen, was etwas mit mir macht.

Und dass ich mich weigern darf, bestimmte Dinge zu tun, wenn ich mich damit nicht wohl fühle.

Natürlich haben X und ich auch über Weihnachten gesprochen.  Sie sagte mir was von inneren Anteilen, die nicht alle mit mir einverstanden seien. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Ich habe selbst eine kleine innere Familie (die zum damaligen Zeitpunkt aus 4 Personen bestand). Mit Klient*innen arbeite ich ganz häufig mit inneren Anteilen. Das Konzept der inneren Anteile ist mir also sehr vertraut.

Meine Lernerfahrung von Weihnachten war:

ich möchte nicht länger als 4 Tage in ihrer Wohnung sein. Das lag nicht nur am gefährlichen Terrain an sich, sondern daran, dass dort nicht mein Raum war. Und ich habe erst im Laufe der Beziehung verstanden, wie sehr ich diesen eigenen Raum in der Beziehung brauche. Und zwar nicht nur in der Beziehung, sondern ganz allgemein. Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben. Ich fühlte mich also in ihrer Wohnung vollkommen entwurzelt. Zwar hatte ich schon bei der 2. Begegnung forsch eine Ablage für meine Sachen gefordert und bekommen, aber so lange ich bei ihr war, schwamm ich irgendwie. Ich durfte meine Sachen nur an bestimmten Orten abstellen usw.

Dort gab es EINFACH keine Sicherheit.

Wenn zwei Menschen zusammenkommen, haben sie meistens ja ganz eigene Gewohn- und Gepflogenheiten, wie sie ihr Leben meistern. Ich war total entsetzt, als mir klar wurde, dass X gekochtes Essen über Nacht auf dem Herd stehen lässt. Und erwartete, dass ich davon am nächsten Tag esse. Nun habe ich mir einmal eine ziemlich schwere Lebensmittelvergiftung zugezogen, weil ich Essen gegessen habe, das ich versehentlich nicht in den Kühlschrank gestellt hatte und mein damaliger Freund ganz unbekümmert meinte, natürlich könne ich das  noch essen … (Champignons habe ich danach jahrelang nicht essen können)… Als ich versucht habe, dagegen aufzubegehren, wurde sie sofort wieder ganz barsch und ich fiel in mich zusammen.

Nun, trotz allem haben wir uns zusammengerauft. Hauptsächlich, weil ich mich auf alles einließ, versuchte,

mich in ihr Leben zu pressen und anzupassen.

Vermutlich wären wir niemals sehr weit gekommen, wenn es die Fernbeziehung nicht gegeben hätte. Der sich durch die Fernbeziehung immer wieder ergebende Abstand hat dafür gesorgt, dass irgendwann immer wieder die Sehnsucht überhand nahm. Wir waren ja beide sehr verliebt. Trotz ihres manchmal sehr merkwürdigen Verhaltens habe ich daran nicht gezweifelt. Und wir hatten, wenn es uns gut ging, unglaublich viel Spaß und Freude miteinander.  Ich habe versucht,

das kleine Stimmchen in mir,

das sich ängstlich und unwohl und unsicher fühlte, nicht zu beachten. Im Allgemeinen ging das ganz gut. Schwierig wurde es vor allen Dingen dann, wenn wir beide nicht gut drauf waren. Und natürlich tat die Entfernung ihr Übriges. Die Zahl der täglichen Telefonate reduzierte sich nach und nach und auch das Gedichte-vorlesen gaben wir auf.

Schließlich schlug sie einen ersten Urlaub vor. Für mich übrigens etwas ganz Fremdes und Ungewohntes. Eigentlich mache ich gar keinen Urlaub. Die Idee dahinter war, dass wir doch mal Zeit am Stück miteinander verbringen sollten, nicht nur so kleine Häppchen. Am besten an einem Ort, wo wir beide gleiche Bedingungen hatten. Sie wollte unbedingt Entlastung von ihrem Alltag. Ich erklärte mich schließlich einverstanden, der Urlaub wurde gebucht.

Ich ging weiter in meine Therapien. Ich genoß es sehr, jetzt nicht mehr so abgeschnitten von meinen Gefühlen zu sein. Und weil ich besser mit mir selbst in Verbindung war, habe ich gemerkt, dass ich eigentlich

vollkommen erschöpft bin

von der Hin- und Her-Fahrerei. Die bis dahin ausschließlich von mir bewältigt wurde. Ein paar Tage vor dem Urlaub habe ich ihr dann gesagt, dass ich das nicht mehr kann und sie auch öfter mal zu mir kommen muss, bzw. wir uns abwechseln.

Daraufhin wollte sie nicht mehr mit mir in Urlaub fahren.

Tja, jetzt endet auch dieser Artikel mit einem Hänger … Ich denke, dieses Thema wird mich  noch eine ganze Weile beschäftigen.

Wie immer freue ich mich, wenn Sie diesen Artikel liken, kommentieren und weiterverteilen.

From my heart,

Ihre

Monika Richrath

Photo by Ayo Ogunseinde on Unsplash

Photo by Caleb Woods on Unsplash

Foto von Vijay Sadasivuni

Foto von Liza Summer 

 

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