Auch alte Wunden können heilen – eine Rezension

Auch alte Wunden können heilen – eine Rezension

Auf dieses Buch habe ich lange und ungeduldig gewartet. Dass ich es erst jetzt besprechen kann, hat mit eigenen unerwarteten Entwicklungen in meinem Leben zu tun, die mir seit letztem Jahr vor die Füße fallen. So habe ich den Erscheinungstermin des Buches verpasst, obwohl ich Dami Charf schon eine ganze Weile folge …

 Um es gleich vorweg zu nehmen: Für mich ist „Auch alte Wunden können heilen“

DAS Buch des Jahres 2019.

Weil es eine Erklärung liefert für mein ganzes Leben. Und wenn Sie hochsensibel sind (wovon ich jetzt mal ausgehe, da Sie diesen Artikel auf meinem Blog für hochsensible Menschen lesen), könnte es auch IHR Buch des Jahres werden. Auch wenn der Begriff „Hochsensibilität“ kein einziges Mal fällt. Warum also? Ich hatte ja geschrieben, dass ich Dami Charf schon eine Weile folge, immer wieder habe ich auf Ihrem Blog herumgestöbert, einige ihrer zahlreichen Videos verteile ich sogar im Netz weiter, weil sie mir so gut gefallen. Irgendwann habe ich ihr mal geschrieben und angefragt, ob sie nicht Lust hat, einen Gastbeitrag für meinen Blog zum Thema Trauma und Hochsensibilität zu schreiben. Dazu kam es damals leider nicht, weil sie mit dem Buch beschäftigt war. Schließlich veröffentlichte sie einen Videoclip, in dem sie erklärte, dass ihrer Meinung nach

Hochsensibilität durch Trauma

ausgelöst wird. Damals war ich irgendwie empört – selbst, wenn für mich auch damals schon durch die Arbeit mit meinen hochsensiblen Klient*innen ein gewisser Zusammenhang offensichtlich war. Nun, nach der Lektüre weiß ich, was sie gemeint hat damit.

„Auch alte Wunden können heilen“

ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um frühe Verletzungen und wie sie sich auf unser Leben auswirken, im zweiten Teil geht es um die 5 Lernaufgaben, die wir im Leben haben und im dritten Teil geht es um die Integration traumatischer Erfahrungen. Dabei geht es im wesentlichen weniger um Schocktraumata, die sich auf einmalig auftretende Ereignisse beziehen, sondern um sog. Entwicklungstraumata, die sich auf immer wiederkehrende Ereignisse im Zusammenhang mit Bindung beziehen und permanenten Stress auslösen. Dabei geht es z. B. darum, in welchem Bindungsmuster wir aufgewachsen sind, wie die Interaktion zwischen uns und unseren Eltern oder Beziehungspersonen ausgesehen hat, welche emotionale Färbung sie hatte usw. Ganz wichtig ist, dass es sich dabei häufig um Erfahrungen handelt, die aus dem vorsprachlichen Bereich kommen und schon sehr früh die Art und Weise prägen, wie wir uns und die Welt wahrnehmen. Von unseren Erfahrungen hängt es ab, wie gut wir später mit

den 5 Lernaufgaben zurechtkommen:

  1. Sicherheit und Willkommensein
  2. Bedürfnisse und Sattwerden
  3. Hilfe annehmen können
  4. Selbstständigkeit und Verbundenheit
  5. Liebe und Sexualität.

Für mich war

die überraschendste Erkenntnis

diese: wenn Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach problematisch sind, können die betroffenen Menschen

nicht im Leben ankommen,

sie haben dann vielleicht ihr ganzes Leben lang das Gefühl, fremd und ANDERS zu sein, empfinden sich als einsam und wertlos. Aber es geht noch weiter: Babies, die nicht wirklich willkommen geheißen wurden, gleich nach der Geburt, oder kurz danach alleine gelassen wurden oder vielleicht schmerzhafte Erfahrungen machen mussten,

ziehen sich aus ihrem Körper zurück.

Sie landen weder in sich selbst richtig, noch in der Welt. Darum gibt es später so häufig ein Problem mit Grenzen. Und darum spüren viele der Betroffenen andere Menschen viel besser als sich selbst … Kommt Ihnen das bekannt vor? Auf mich hat jedenfalls fast alles gepasst wie die Faust aufs Auge und ich habe mich beim Lesen fast ununterbrochen gewunden.

Das Buch ist sehr angenehm geschrieben. Ich fand praktisch in jedem Satz Weisheit und Erkenntnis. Nebenbei erfährt man eine Menge spannender Dinge, z. B.:

Was ist Neurozeption?

Was geschieht bei Dissoziation? Welche Symptome weisen auf ein Trauma hin? usw. Ganz besonders hat mir gefallen, dass Dami Charf auch immer wieder kleine Dinge aus ihrem Leben erzählt, das ist äußerst sympathisch und authentisch. Der Untertitel des Buches lautet: „Wie Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wie wir uns davon lösen können.“ Eins ist sicher:

Das geht nur über den Körper.

Darin sind sich Traumaforscher offenbar einig. Das Vermeidenwollen von Schmerz führt zur Abspaltung des Körpers und zu Anspannung. Dies führt aber leider langfristig zu einer Abkopplung von Lebendigkeit überhaupt.

Es gilt sich die Lebendigkeit zurückzuerobern.

Durch bewusste Körperwahrnehmung über alle Sinne z. B. Das klingt nach einem langen und mühseligen Prozess, aber nach allem, was ich über Traumaforschung bisher erfahren und gelernt habe, gibt es keinen anderen Weg. Klopfen, bzw. die Klopfakupressur ist übrigens auch eine Form der Körperarbeit.

Mein einziger Kritikpunkt 

für dieses Buch liegt in seinem Ende. Nirgendwo erklärt Dami Charf genau, wie die Methode Somatic Experiencing, mit der sie arbeitet, eigentlich aussieht. Das zu wissen wäre auf jeden Fall interessant gewesen. Und ich hatte das Gefühl, dass sie selbst sich in diesem letzten Kapitel zurückzieht, irgendwie verschwindet, das fand ich auch schade, aber eher für die Autorin.

Trotzdem empfehle ich Ihnen das Buch ganz uneingeschränkt. Ich bin sicher, Sie werden den größtmöglichen Nutzen für ihr Leben daraus ziehen …

Wie ging es Ihnen beim Lesen dieses Buches? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße, Ihre Monika Richrath

Bild von congerdesign auf Pixabay

Eine Frage der Identität

Eine Frage der Identität

Haben Sie eine Vorstellung davon, mit welcher Identität Sie durchs Leben gehen, bzw. Sie angenommen haben? Da Sie hier auf einem Blog für hochsensible Menschen sind, wäre es gut möglich, dass Sie sich als hochsensiblen Menschen identifizieren. (Ich tue es jedenfalls definitiv).

Aber was heißt das eigentlich?

Heißt das, dass Sie sich als Seelenflüster*in sehen, oder doch eher als scheues Reh  oder als einsamer Wolf? Als Lastenträger*in, als Schaman*in oder Heiler*in, als jemand mit Superkräften oder als jemand, der von Gott und der Welt verlassen wurde?

Ganz bewusst habe ich übrigens hier auch mal sehr positive Ausprägungen aufgeschrieben von Dingen, bei denen Hochsensibilität äußerst nützlich ist. Ich finde es ziemlich befremdlich, dass immer dann, wenn ich Artikel veröffentliche, in denen es um die guten Seiten der Hochsensibilität geht, sie viel weniger gelesen werden als „Leidensartikel.“ Das finde ich ganz schön bitter. Ich habe mich schon öfter gefragt, ob hochsensible Menschen besonders gerne leiden – aber ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass es vermutlich eher eine Identitätsfrage ist, bzw.

was man damit verbindet.

Fragen Sie fünf HSP, was Hochsensibilität für sie bedeutet, Sie bekommen sieben verschiedene Antworten – mindestens.

Was bedeutet „Identität“ eigentlich?

Das Wort kommt aus dem Lateinischen, vonīdem ‚derselbe‘, ĭdem ‚dasselbe‘. Der Duden bezeichnet damit 1. „die Echtheit einer Person oder Sache; völlige Übereinstimmung, mit dem was sie ist, oder als was sie bezeichnet wird“, 2. „als ‚Selbst‘ erlebte innere Einheit der Person.“

Wenn Ihnen das zu kompliziert erscheint, probieren Sie mal, Sätze über sich selbst zu formulieren, die beginnen mit „Ich bin der/die …“, so können Sie Ihren Identitäten auch auf die Spur kommen.

Identität als Zugehörigkeit

Da viele, viele hochsensible Menschen sich häufig ausgegrenzt, unverstanden, isoliert fühlen, und große Erleichterung erleben, wenn sie überhaupt (vielleicht erstmals) von dem Konzept der Hochsensibilität erfahren, liegt es absolut auf der Hand, die Identität einer hochsensiblen Person anzunehmen. Ich glaube übrigens, dass das kein bewusster Prozess ist. Vielleicht geschieht das schon in dem Augenblick, in dem einem bewusst wird, dass man „dazugehört“. Ich selbst bilde da absolut keine Ausnahme. Bestimmt vergesse ich niemals die zehn Zentner Steine, die von meiner Seele fielen im Moment der Erkenntnis. Das war wie eine Erlösung. Ich bin gar nicht so schräg und seltsam, es gibt Gründe dafür …Gründe, die nicht in meiner Macht stehen …!

Vom sozialen und emotionalen Standpunkt aus gesehen ist es auch notwendig, dass wir uns mit anderen Menschen verbinden. Wir brauchen andere Menschen, wir brauchen Verbindung. Ohne können wir nicht leben. Wir brauchen ebenfalls unbedingt Verständnis und das Gefühl, angenommen zu werden.

Keiner versteht Sie?

Wenn niemand Sie verstehen kann in Ihrem sozialen Umfeld, weil Ihre erlebte Wirklichkeit sich so krass von denen der anderen unterscheidet, wäre es eine supergute Idee, sich Gleichgesinnte zu suchen. Sie wissen nicht wo Sie diese Menschen finden können? Auf der Seite von hochsensibel.org finden Sie jede Menge Adressen von Gruppen etc. Ein paar Stunden unter Gleichgesinnten zu verbringen kann sich durchaus wie „Angekommen“ anfühlen. Dennoch sollten Sie da einfach nicht stehenbleiben. Wenn es keine

bewusste Auseinandersetzung mit der Hochsensibilität

gibt, wird es langfristig auch keine Veränderung geben. Dabei bringt Hochsensibilität jede Menge Lebensaufgaben mit sich, die in Angriff genommen werden wollen, wenn sich etwas zum Positiven verändern soll. Und wenn man das nicht anfängt, kann man in einer

Identitätsfalle

feststecken bleiben (Dies ist natürlich meine persönliche Meinung).  Wobei dies natürlich davon abhängt, was Sie eigentlich mit Ihrer hochsensiblen Identität verbinden? Nach allem, was ich so in den sozialen Netzwerken sehe und erlebe, leider eher meistens Dinge, die als „negativ“ erlebt werden. Das Problem dabei ist, dass, wenn wir einmal eine Identität angenommen haben, diese oft an uns klebt wie eine zweite Haut, die wir uns scheuen loszulassen.

In längeren Klopfakupressur-Coachings kommen wir nach ein paar Sitzungen häufig an den Punkt, wo es darum geht, eine Identität loszulassen, z. B. eine Identität als jemand, der sich niemals abgrenzen kann oder Dinge tut, die nur seinem eigenen Vergnügen dienen usw. Das ist äußerst angstbesetzt, weil man sich schon so mit der angenommenen Identität identifiziert, dass man das Gefühl hat, ohne sie sei man nichts mehr.

Ein Beispiel: jemand, der vielleicht unbedingt abnehmen will, schafft das nicht, weil er oder sie das Gefühl hat, dass von ihm/ihr nichts übrigt bleibt, wenn er/sie die Identität als dicker Mensch aufgibt … diese Angst vor Identitätsverlust ist ein sehr starker Motor, der uns von vielem abhält und kann sehr viel Stress erzeugen. Dabei haben wir ganz sicherlich sehr viele Identitäten. Und diese sind keinesfalls so festgeschrieben, wie wir glauben.

Meine Frage an Sie:

können Sie Ihre hochsensible Identität verändern?

Oder erweitern? Oder muss alles so bleiben wie es ist? Können Sie sich erlauben, jemand anderer zu werden (vielleicht eine andere Identität anzunehmen) und trotzdem hochsensibel zu bleiben? Können Sie sich vorstellen (ganz ketzerisch), dass es irgendwann in Ihrem Leben vielleicht mal gar keine Rolle mehr spielt ob Sie hochsensibel sind oder nicht?

Ich bin sehr gespannt auf Ihre Antworten. Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bild von cocoparisienne auf Pixabay

Was passiert eigentlich während einer Klopfsitzung?

Was passiert eigentlich während einer Klopfsitzung?

Man kann sehr gut alleine klopfen, aber im Coaching erreicht man einfach mehr. Als Außenstehende*r scheint es manchmal offenbar unverständlich, wie sehr sich die Arbeit alleine von der Arbeit mit Begleitung unterscheidet. Dies liegt nicht nur daran, dass man grundsätzlich für sich selbst immer ein bisschen blind ist, sondern auch daran, dass man im Coaching Räume betritt, die beim Klopfen allein einfach verschlossen bleiben. Daher stelle ich Ihnen in meinem Blogbeitrag der Woche den Ablauf einer Coachingsitzung vor (mit dem Einverständnis der Betroffenen). Dieser beruht auf einer Sitzung, die tatsächlich stattgefunden hat, allerdings habe ich den Namen und einige Einzelheiten verändert.

Die Beschreibung gibt natürlich nur einen groben Verlauf der Sitzung wieder (eine Sitzung dauert ca. 60 Minuten), reicht aber, um Ihnen eine Idee davon zu geben, was in einer Klopfakupressursitzung geschieht – und auch davon, was in der Zusammenfassung in etwa stehen wird, die Sie nach der Sitzung von mir erhalten.

Nur zum Verständnis vorab: Wir beginnen mit einem Klopfsatz, der dann einige Runden lang mit verschiedenen Aspekten beklopft wird. Im Verlaufe des Klopfens fällt dem/der Klient*in entweder etwas ein oder ich stelle eine Frage, die zu einem neuen Klopfsatz führt usw.

Natürlich haben alle Klient*innen die Möglichkeit, jederzeit eigene Worte zu sagen, der Großteil meiner Klient*innen ist jedoch damit überfordert, weswegen ich häufig vorspreche und beim Aspekteklopfen die Ausdrücke und Erlebnisse oder Gefühle verwende, die mir die entsprechenden Klient*innen vorher mitgeteilt haben. Der Verlauf der nachfolgenden Sitzung ist natürlich sehr stark gekürzt.

Marianne ist eine Frau in den 40ern, die in einer kleinen Stadt im Ruhrgebiet lebt, die sie als schmutzig und einengend empfindet. Sie ist sehr unzufrieden mit ihrem Leben, weil sie sich ihrer Meinung nach immer nur im Kreis dreht. Sie hat bereits verschiedene Therapien hinter sich gebracht, die jedoch keine Heilung oder Erleichterung gebracht haben. Manchmal wurde sie auch als untherapierbar bezeichnet. Es besteht eine starke Überempfindlichkeit, z. B. gegen Gerüche, Lärm und Reizüberflutung, andere Menschen machen sie nervös.

Sie hatte mich irgendwie im Internet gefunden und beschlossen, der Klopfakupressur eine Chance zu geben, weil es so anders schien als alles, was sie bislang versucht hatte. Diese erste Sitzung fand telefonisch statt. Zunächst gab es aber eine Hürde zu überwinden, denn obwohl sie das Klopfen gerne ausprobieren wollte, fand sie es sehr seltsam, fast fragwürdig. Daher haben wir zuerst den Satz geklopft  „Auch wenn mir das alles komisch vorkommt, öffne ich mich für die Möglichkeit, mich darauf einzulassen.“

Nach einer Weile sagte sie, dass sie immer die Zähne zusammenbeisse und nicht weiter wisse. Aber sie sei so unzufrieden mit sich und ihrem Leben …

Daraufhin haben wir den Satz geklopft „Auch wenn mich eine große Unzufriedenheit plagt, akzeptiere ich mich, mit allem was ist.“

Ich wollte dann wissen, womit sie alles unzufrieden ist? Sie sei so alleine bin und habe überhaupt keine Freunde im Alltag, sie empfinde sich als unlebendig und mache zu wenig, dabei habe sie unwahrscheinlich viel Energie, ihre künstlerischen Potentiale könne sie überhaupt nicht verwerten, dabei habe sie so viele Ideen, könne diese aber kaum umsetzen oder etwas daraus machen. Dabei habe sie jede Menge Zeit und sei total gestresst, weil sie das nicht geregelt kriege. Ständig verliere sie sich im eigenen Nichtstun und wüsste nicht weiter. Außerdem würde sie sich für die eigene Unfähigkeit total verurteilen – ständig und überall.

Daraufhin haben wir den Satz geklopft „Auch wenn ich mich dafür verurteile, dass ich nichts geregelt kriege, akzeptiere ich mich mit allem, was ist.“

Nach einer Weile fiel ihr ein, dass vor ein paar Tagen der Todestag ihrer Mutter war. Ihr ist aufgefallen, dass sie im Vergleich zu früheren Jahren jetzt schon viel ruhiger war an diesem Tag. Aber sie habe oft Angst, so zu werden, wie ihre Mutter.

Daher haben wir den Satz geklopft „Auch wenn ich Angst habe, so zu werden, wie meine Mutter, akzeptiere ich mich mit allem, was ist.“

Ich wollte dann wissen, inwiefern sie sich wie ihre Mutter empfindet? Sie sagte, dass sie sich ebenfalls wie ihre Mutter aufrege über Dinge, die andere tun, dass sie andere auch kritisiere. Sie habe ebenfalls Schwierigkeiten mit Beziehungen und lebe asexuell. Wie ihre Mutter litte sie auch unter Depressionen.

Meine nächste Frage war, was sie denn von ihrer Mutter unterscheide? Grundsätzlich empfindet sie sich als wesentlich positiver als ihre Mutter, sie sei in der Lage, nicht alles negativ zu sehen und sie könne Probleme angehen.

Allerdings habe sie eine Blockade im Kopf, sie denke eben oft, dass sie etwas nicht könne. Sie sei so kreativ und würde gerne Bilder malen und ausstellen. Das wäre die Richtung, die sie ihrem Leben gerne geben würde, es würde ihr so Spaß machen zu dekorieren, aber sie habe keine Ahnung, wie sie das anstellen sollte, tatsächlich in diese Richtung zu gehen. Sowieso könne sie nicht gut für sich selbst sorgen. Es sei ihr bewusst, dass sie viel zu oft zuhause sei, sie wolle raus aus ihrem Gefängnis. Sie wolle gerne mehr draußen sein, aber das sei schwierig, wegen der Menschen draußen. Oft sei es schwierig überhaupt die Nähe der Menschen um sie herum auszuhalten, auch wenn die eigentlich gar nichts von ihr wollten.

Als nächstes haben wir den Satz geklopft „Auch wenn ich aus meinem Gefängnis ausbrechen möchte, akzeptiere ich mich mit allem, was ist.“

Was würde sie tun, wenn sie die Möglichkeit hätte, aus ihrem Gefängnis auszubrechen? „Tanzen, singen, einen Mann umarmen, mehr Leichtigkeit, Leben, Spaß haben mit anderen, ohne über Probleme zu reden, verreisen, alleine Sachen machen, endlich mal Nähe und Berührung zulassen, mir was Tolles ansehen, umziehen, mich irgendwo engagieren, ich könnte im Garten arbeiten, das würde mir Spaß machen.“

Anschließend haben wir den Satz geklopft: „Auch wenn ich all diese Einschränkungen habe, öffne ich mich für die Möglichkeit, meine Einschränkungen loszulassen.“

Von da aus sind wir langsam ins Reframing gegangen, ich habe als Handlungsimpuls vorgeschlagen, mehr rauszugehen und sich zu bewegen. Wir haben geendet mit den Worten „Ich bin wertvoll und ich verdiene Sicherheit.“

Für den Klopfsatz zuhause, den sie in den nächsten 14 Tagen klopfen sollte, haben wir uns auf den Satz geeinigt: „Auch wenn ich aus meinem Gefängnis ausbrechen will, öffne ich mich für neue Möglichkeiten.“ Diesen Satz sollte Marianne 14 Tage lang klopfen und zwar täglich 2 Runden den ersten Satzteil und 2 Runden den zweiten Satzteil.

Außerdem schlug ich vor, dass sie so oft wie möglich den wunden Punkt reiben und dabei sagen sollte „Ich liebe und akzeptiere mich, mit allem was ist.“

Für die kommende Woche haben wir ein Telefonat vereinbart.

Im Telefonat sagte sie mir, sie habe direkt in der Nacht nach der Sitzung einen Traum gehabt, in dem alles o.k. gewesen sei. Sie habe bemerkt, dass sie sehr viele Menschen kennen lerne, aber die Kontakte nicht aufrecht erhalten könne.

Das Klopfen fiel ihr sehr schwer. Beim Satzklopfen bestand so viel Unsicherheit, ob dies nun richtig sei, dass es zu neuem Stress führte. Ich habe daher vorgeschlagen, das Satzklopfen vorerst einmal beiseite zu lassen und nur die Sache mit dem wunden Punkt so oft wie möglich am Tag zu machen.

Ich wollte wissen, ob nach der Sitzung etwas Ungewöhnliches passiert sei, ob es irgendein Ereignis gegeben habe, das anders verlaufen sei als sonst? Das gab es. Eigentlich wollte sie einkaufen gehen (was in der Regel mit sehr viel Stress verbunden sei wegen der vielen Menschen in den Geschäften), statt dessen sei sie aber allein in ein indisches Restaurant gegangen. Dort habe gerade die Familie der Inhaber an einem Tisch zusammengesessen und gegessen. Sie wurde eingeladen, sich dazu zu setzen und mitzuessen. Dieser Einladung sei sie gefolgt und habe eine äußerst nette Zeit mit dieser Familie verbracht. Marianne selbst bezeichnete diese Begegnung als „außergewöhnliche soziale Interaktion“ und entschied sich, die Sitzungen fortzusetzen.

Falls Sie nun neugierig geworden sind auf das Klopfen, empfehle ich Ihnen meine EFT Klopftechnik Anleitung als Emailkurs, mit dem Sie kostengünstig die Basics der Klopfakupressur erlernen können. Dies ist die beste Möglichkeit, herauszufinden, ob Ihnen das Klopfen gefällt.

Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

 Herzliche Grüße, Ihre Monika Richrath

Bildnachweis: Maike Mentzel

Ein ganz normaler Arbeitstag

Ein ganz normaler Arbeitstag

In der letzten Woche konnte ich leider vollkommen ungeplant keinen Blogbeitrag veröffentlichen. Die Leipziger Buchmesse hat dann letzten Endes doch ihren Tribut von der Hochsensibilität und der völligen Reizüberflutung verlangt. Es war eine tolle Zeit, ich habe spannende Begegnungen gehabt, nette Menschen kennengelernt und es aus vollen Zügen genossen, aber hinterher gab es eine Art „Shutdown“ und ich musste mich erst einmal halbwegs regenerieren.

Dieser Blogbeitrag geistert schon lange in mir herum. Ich habe einfach einmal aufgeschrieben, wie mein ganz normaler Arbeitsalltag aussieht, was ich tun möchte eigentlich und was ich tatsächlich dann tue. Vielleicht haben Sie einen Wiedererkennungseffekt beim Lesen …

 

08:00 Uhr

Heute sitze ich früh an meinem Arbeitsplatz. Mein Programm ist ziemlich voll: 3 Sitzungen stehen auf dem Programm, aber es gibt noch jede Menge Kleinkram abzuarbeiten. Die erste Sitzung beginnt um 09:00 Uhr.

Als erstes will ich meinen letzten Blogbeitrag noch weiter bei Facebook posten. Kann mir aber nicht versagen, zuerst meine E-Mail aufzumachen. Da wartet ein kleiner Auftrag auf mich. Runterladen – fertig. Als nächstes öffne ich meine Webseite. Zuerst mal den Cache löschen. Da wartet auch ein Kommentar, der freigegeben und beantwortet werden will. Außerdem soll ich das Theme und ein Plugin aktualisieren.

08:20

Am Samstag will ich ausgehen, dafür brauche ich eine Streifenkarte. Meine Schreibtischschublade habe ich schon durchsucht, aber vielleicht sehe ich einfach im alten Portemonnaie in der Abstellkammer nach? Da ist die Streifenkarte nicht. Zurück an den Schreibtisch.

Ich mache Facebook auf. Auf meiner Startseite ist ein Post, der mich spontan anspringt. Soll ich den jetzt wirklich angucken? Außerdem eine Benachrichtigung, dass jemand Geburtstag hat. Ich entscheide mich in beiden Fällen dagegen, diesen Impulsen nachzugeben und arbeite brav meine Posting-Liste ab. Ach g+ gibts ja nicht mehr, also löschen aus der Liste. Mir fällt auf, dass meine Liste für diesen Tag sehr kurz ist, vielleicht sollte ich die mal aktualisieren, bestimmt habe ich mich zu Gruppen angemeldet, die noch gar nicht in meiner Liste sind. Heute habe ich aber keine Zeit dazu.

08:30

7 Posts später. Ich kann es mir nicht versagen, schnell eine Benachrichtigung anzuklicken. Jemandem gefällt meine Seite. Eigentlich sollte ich mal alle Verlage anschreiben, von denen ich was von der Buchmesse mitgenommen habe. Wo ist die Streifenkarte? Mir fällt noch ein anderer Ort ein, wo die Karte sein könnte, ich gehe in mein Schlafzimmer und sehe in eine Mappe, in der sich verschiedene Dinge befinden. Die Streifenkarte ist dort nicht. Aber ich finde ein paar alte Prospekte, die umgehend ins Altpapier wandern. Also muss ich wohl doch mal die Schublade ausräumen.

08:38

Die Schublade ist halbleer. Brauche ich eigentlich meine alten Zykluskalender noch? Da entdecke ich die Streifenkarte. Wusste ich es doch, dass sie dort ist, wo sie hingehört. Langsam wird es Zeit, mich auf meine Sitzung vorzubereiten. Erst mal meine Nahrungsergänzungen nehmen, Wasser für Tee aufsetzen in der Küche. Ich habe Kopfschmerzen. Das Telefon muss ich auch noch ausstellen. Wieder ins Wohnzimmer, wo ein Tiegel Tigerbalm steht. Hoffentlich klopfe ich mir das jetzt nicht versehentlich irgendwo hin … Apropos wohin, das muss auch noch sein, den Tee aus der Küche abholen, mir Lippen und Hände eincremen. Das Protokoll der letzten Sitzung lesen.

08:49

Wo ist der Spitzer? Während ich um mich sehe, fällt mein Blick auf ein Kurzprotokoll, das ich offensichtlich noch nicht verschickt habe. Da liegen noch zwei Quittungen, die ich noch kurz in meine Ausgabenliste eintragen könnte. Ich könnte eigentlich nochmal kurz lüften vorher. Schnell mache ich noch die Datei mit der Ausgabenliste auf. Mist, die ist noch nicht für April eingerichtet. Also wieder zu. Dabei fällt mein Blick auf eine Datei, die ich nicht dauernd vor Augen haben will, schnell in den Papierkorb verschieben. Jetzt ein paar Minuten ruhig sitzen und atmen. Jetzt noch das Mikrofon anstellen und die Webcam aus der Verkleidung befreien. Ein Klick und es geht los …

10:10

Die Sitzung ist beendet. Erstmal brauche ich ein großes Glas Wasser. Vielleicht sollte ich noch mal das Fenster aufmachen? Erstmal laufe ich ein bisschen unmotiviert in der Wohnung herum, bis mir einfällt, dass Fremdenergien ausleiten auf jeden Fall eine gute Idee ist. Das lemurische Heilzeichen liegt im Schlafzimmer. Danach kann ich mich an den Schreibtisch setzen und mit der Zusammenfassung der Sitzung anzufangen.

10:32

Das Telefon klingelt, ich muss aufstehen und führe ein kurzes Gespräch.

11:35

Da ist eine Nachricht, dass ich einen Job abrechnen kann. Wunderbar.

10:45

Das Protokoll ist endlich fertig. Jetzt noch die neuen Termine in den Kalender eintragen, das Protokoll verschicken – fertig. Ich habe Hunger. Erstmal eine Banane essen. Was jetzt? Eigentlich sollte ich mal einkaufen gehen. Ich habe mir noch nicht überlegt, was ich heute essen will. Oder schreibe ich Rechnungen? Ach Mist, da wartet ja noch dieser Lektoratsauftrag. Erstmal koche ich mir eine neue Tasse Tee. Mir fällt ein, dass ich auch noch ein paar Rechnungen bezahlen muss. Und ist die Überweisung von Paypal eigentlich auf meinem Konto? Schnell mal checken. Ja. Eigentlich wäre es doch gut, die Überweisungen jetzt zu machen, wo alles auf ist. Erst mal in die Küche, den Tee holen. Dann rufe ich mich zur Ordnung. Das Online-Banking kann warten. Das wichtigste zuerst. Der Auftrag hat einen Termin.

11:00

Den Auftrag aus dem Download-Ordner in den richtigen Ordner kopieren und öffnen. Was soll ich heute essen? Was ist denn das, das ist ja eine Übersetzung! Nochmal das Postfach öffnen und die Auftragsbeschreibung lesen.

11:13

Übersetzung erledigt, ok, jetzt kann ich ein Rückpaket erstellen. Wo ist die Funktion? Ich kann sie nirgends finden. Uff, gefunden, aber wo ist jetzt das Paket gelandet? Übersetzerprogramm wieder öffnen, neues Paket erstellen. Was wird mir als Speicherort vorgeschlagen? Ach der Monat März. Dort ist das Paket gelandet. Also zurück ins Mailprogramm, Paket zurückschicken – fertig. Aber da ist eine Nachricht einer Klientin, im Eifer des Gefechts habe ich vor einigen Tagen offenbar vergessen, die Zusammenfassung zu verschicken. Also das auch noch nachholen.

11:20

Was soll ich essen? Erst noch den Auftrag in die Auftragsliste eintragen. Die Liste ist noch nicht für April eingerichtet, also erstmal alles auf dem Blatt löschen, Blatt umbenennen, Auftrag eintragen – fertig. Noch schnell zwei Rechnungsnummern vergeben. JETZT gehe ich einkaufen. Weiß immer noch nicht, was ich essen soll. Im Kühlschrank ist noch Fenchel, wie wäre es mit Buletten dazu aus dem Anne Fleck-Buch? Ich schmeiße mich aufs Sofa, nachgucken, was ich brauche, dazu noch schnell eine kleine Einkaufsliste schreiben und los gehts. Unten finde ich noch ein paar Briefe im Briefkasten.

11:55

Eigentlich ist jetzt Pause, aber ich kann es mir doch nicht versagen, beim Nachhausekommen einen der Briefe aufzumachen. Meine erste Umsatzsteuer-Voranmeldung.

13:00

Das Essen war super. Danach habe ich mich hingelegt und meine Trancedatei Selbstsabotageprogramme löschen gehört. Ich bin gerade so richtig schön halb weg, da klingelt es. So ein Mist. Ob das jetzt für mich ist? Es steht aber außer Frage, die 3 Stockwerke herunterzustürzen. Ich gucke aus dem Fenster, ob ich dort einen Wagen eines Paketdienstes stehen sehe. Ich sehe nichts und lege mich wieder hin.

13:25

Zurück am Schreibtisch. Ich scanne eine Vollmacht für die Steuerberaterin ein, während ich mir einen Tee koche. Das gibt einiges Gerenne zwischen Küche und Büro. Scan versenden – fertig. Es wird Zeit, mich auf die nächste Sitzung vorzubereiten. Erst nochmal ins Postfach gucken, da warten drei Nachrichten, von denen eine beantwortet werden muss. Ich habe wieder Kopfschmerzen. Ach, da waren doch noch zwei Rechnungen zu schreiben, das kann ich gerade erledigen. Ich öffne meine Webseite. Was ist denn das, ich hatte die Aktualisierungen heute morgen doch gemacht, oder doch nicht? Nachdem ich die erste Rechnung ausgedruckt habe, wird mir klar, dass die Umsatzsteuer-Nr. fehlt. Wo kann ich das nochmal ändern? Nach einigem Herumsuchen finde ich die entsprechende Einstellung, aber im Entwurf lässt es sich nicht mehr ändern. Ich schreibe die Nr. irgendwo hin, Hauptsache, sie ist drauf.  Jetzt noch bereitlegen: Kalender, Schreibzeug, Uhr. Mich vertiefen in die Unterlagen, was haben wir letztes Mal gemacht?

15:05

Die Sitzung ist vorbei, die Zusammenfassung geschrieben und verschickt. Jetzt kann ich mich an die zweite Rechnung machen. Dazu muss ich wieder eine neue Seite öffnen. Huch, da fehlt die Mwst. Wer ist der Auftraggeber? Schnell im Mailprogramm nachsehen, ach US, dann keine Mwst. Aber halt, die wollen ja keine Dollar, sondern Euro. Also Währungsrechner öffnen, Betrag umrechnen, Rechnung speichern, hochladen und einreichen. Puh, endlich erledigt.

15:30

Um 16:00 h habe ich einen neuen Klienten. Seine Ausgangsbeschreibung habe ich schon ausgedruckt, jetzt nehme ich mir die Zeit, sie sorgfältig zu lesen um mir zu überlegen, wo wir anfangen.

17:02

Die Sitzung war schön, jetzt nur noch schnell die Zusammenfassung schreiben. Aber bevor ich damit anfangen kann, muss ich nochmal ins Postfach gucken. Mist, die Korrektur der Übersetzung. Kurz das Programm öffnen, Korrekturen annehmen, speichern, zurücksenden.

17:17

Eigentlich hatte ich gehofft, heute evtl. die Zeit zu haben, eine Lektion aus meinem Trauma-Kurs zu wiederholen. Das kann ich mir wohl abschminken. Ich bin fix und fertig. Noch schnell die neuen Termine in den Terminkalender eingeben. Das letzte Protokoll verschicken. Uff, das wars für heute.

Ich bin sehr neugierig, wie es Ihnen gegangen ist beim Lesen dieses Beitrages. Haben Sie sich wiedererkannt?

Ich selbst habe die verschiedensten emotionalen Zustände beim Verfassen durchlebt. Beim Schreiben selbst wurde mir ganz Angst und bange, weil ich eine Ahnung davon bekommen habe, wie stressig mein Arbeitsalltag trotz allem ist. Dass die ruhigsten Momente des Tages die Zeit war, mit denen ich mit Klienten geklopft habe, stimmt mich schon sehr nachdenklich.  Beim Abtippen allerdings erfasste mich eine unglaubliche Heiterkeit. Vor allen Dingen, weil ich natürlich nun ganz klar sehen kann, dass diese Art von Stress „hausgemacht“ ist und ich meine Arbeitsabläufe einfach besser organisieren muss. Da ist noch sehr viel Handlungsbedarf. Als allererstes schreibe ich mal einen Speiseplan für die Woche.

Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bild von ThePixelman auf Pixabay

Kein Gefühl für Grenzen?

Kein Gefühl für Grenzen?

Ich vermute (glaube eigentlich eher), dass hochsensible Menschen eine ganz besondere Beziehung zu Grenzen haben. Mir fallen da vor allen Dingen drei verschiedene Aspekte ein:

 

Ein Aspekt: Das kennen bestimmt fast alle Hochsensiblen sehr gut: das Gefühl,

dass andere permanent unsere Grenzen überschreiten.

Dies kommt praktisch andauernd vor. Im Supermarkt, wenn die Person hinter uns zu sehr auf die Pelle rückt, wenn andere ihren emotionalen Müll bei uns abladen, wenn uns dauernd neue Arbeit aufgedrängt wird, wenn andere uns unerfüllbare Aufgaben aufbürden, wohl wissend, dass sie unerfüllbar sind, wenn niemand uns Ruhe gönnen will, wenn unsere Kinder dauernd an uns zerren, damit wir mit ihnen spielen usw.

Manchmal kann sich das ganze Leben überhaupt wie eine einzige riesige Grenzüberschreitung anfühlen. Dann sind wir offenbar schon an jenem besonderen Punkt angekommen, an dem sich die Stressspirale immer weiter nach oben schraubt und uns einfach alles nervt. Dann erleben wir uns häufig als besonders ohnmächtig, weil wir offenbar nichts tun können, um diesen Zustand zu ändern (Gibt es aber doch: Wenn Sie an diesem Punkt sind, könnten Sie es mal mit der Klopfakupressur probieren, um wieder herunterzukommen auf ein normales Stresslevel).

Ein weiterer Aspekt:

Wir selbst können uns nicht abgrenzen.

Sehr, sehr, sehr viele hochsensible Menschen haben ein echtes Problem damit, sich abzugrenzen.  Es vergeht quasi kein Coaching, ohne dass dieser Punkt auf den Tisch kommt.

Die Ursachen sind äußerst vielfältig

Wenn ich von mir selbst ausgehe, kann ich sagen, dass es den Großteil meines Lebens (ich meine, mehr als 2/3) mir überhaupt nicht möglich war, NEIN auch nur zu denken, geschweige denn zu sagen.

Ansprüche und Anforderungen anderer abzulehnen war einfach ein Ding der Unmöglichkeit.

Denn ich dachte: wenn ich die Anforderungen der anderen nicht erfülle, werde ich nicht geliebt. Dann würde der Berg der ohnehin schon empfundenen Ablehnung der Umwelt (von der ich heute übrigens gar nicht mehr so recht weiß, ob er tatsächlich existierte) noch weiter anwachsen und das erschien mir unerträglich.

Im letzten Jahr habe ich mich sehr intensiv mit meiner Vergangenheit beschäftigt

Früher habe ich immer gedacht, ein Geheimnis müsse meine Geburt umranken, ein tragisches Ereignis, eine grandiose Erklärung für das sehr deutliche Gefühl, nicht wirklich gewollt gewesen zu sein. Was ich herausgefunden habe: es gibt kein solches tragisches Ereignis. Nur tragischen Alltag. Und tragische Überforderung. Während mein Vater verzweifelt versuchte, mit dem Leben zurecht zu kommen und dies nur schaffte, indem er von einem Nervenklinikaufenthalt zum nächsten reiste, kämpfte meine sehr junge Mutter in dieser Zeit alleine mit dem stressigen Alltag einer alleinerziehenden Mutter zweier kleiner Mädchen. Und dann noch ich im Anmarsch. Ich kann es ihr heute nicht verdenken, dass sie sich nicht wirklich auf mich gefreut hat, natürlich nicht. Das Gefühl aber bleibt, scheint irgendwie in mir eingefroren zu sein.

Ich habe übrigens schon verschiedene Versuche unternommen, dieses Gefühl aufzulösen, den großen Durchbruch hat es aber bislang noch nicht gegeben.

Für mich ist jedenfalls dieses Grundgefühl nicht wirklich willkommen zu sein, der Motor gewesen, nicht NEIN sagen zu können.

Ich habe immer alles gemacht, was man mir an- und aufgetragen hat und ich habe niemals hinterfragt, warum ich das eigentlich mache. Sehr lange Zeit jedenfalls nicht. Für meine Arbeitgeber war das immer äußerst praktisch. Ich habe für 3 gearbeitet (in einem Fall wurde tatsächlich einem Mitarbeiter gekündigt, damit ich seine Arbeit mitmache!) Kein Wunder, dass ich so mehrere Burnouts erwirtschaftet habe.

Dazu kam auf jeden Fall auch noch das Gefühl, nicht und nie in Ordnung zu sein. Heute verbinde ich dies vor allen Dingen mit der Hochsensibilität, aber es gibt natürlich auch noch andere, familiär bedingte Konstellationen und Aspekte.

Wichtig ist dabei vor allen Dingen eins: Wenn wir nicht lernen, uns abzugrenzen

verhalten wir uns selbst anderen gegenüber grenzüberschreitend,

natürlich nicht immer, aber häufig. Es hängt eben davon ab, wie gut wir es gelernt haben, uns auf gesunde Art und Weise abzugrenzen. Wenn nicht, können die Formen der Grenzüberschreitungen die unterschiedlichsten Formen annehmen:

indem wir über andere bestimmen oder versuchen sie zu kontrollieren oder auf andere Weise zu manipulieren, indem wir überhaupt nicht wahrnehmen können, wie es sich für andere anfühlen mag, wenn wir uns ihnen gegenüber so und so verhalten (trotz einer grundsätzlichen Empathiefähigkeit). Manchmal ist das eigene Leid oder die eigene Bedürftigkeit eben größer …

Meine eigene sehr schräge Erfahrung ist, dass Therapeut*innen sich besonders häufig grenzüberschreitend verhalten, aber vielleicht ist dies eigentlich verständlich. Ich habe irgendwo mal gehört oder gelesen, dass Therapeut*innen häufig Therapeut*in werden, weil sie eigentlich selbst Hilfe benötigen. Mir erscheint das äußerst logisch.

Abgrenzen kann und muss man üben.

Immer und andauernd. So wie jetzt! Eigentlich habe ich heute Abend noch sehr viel zu tun und zu erledigen. Aber trotzdem wollte ich Sie am Sonntag nicht ohne einen Blogbeitrag lassen (so im Laufe der Zeit entwickele ich doch eine Art Blogger-Ehrgeiz), von daher grenze ich mich mal definitiv ab gegen meine eigenen Ansprüche. Darum bekommen Sie diese Woche nur einen kurzen Artikel …

Wie gut können Sie sich abgrenzen? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bild von Thomas B. auf Pixabay 

Sind Sie auch so gutgläubig?

Sind Sie auch so gutgläubig?

Nach meiner doch sehr behafteten und emotionsgeladenen Serie zum Thema Armut und Mangel möchte ich mich einmal mit einem Aspekt der Hochsensibilität beschäftigen, der eher schräg und lustig ist: mit der manchmal fast kindlich anmutenden Naivität und Gutgläubigkeit hochsensibler Menschen. Wie es bei Ihnen damit aussieht, weiß ich nicht, aber dieser Punkt wird eigentlich fast immer genannt, wenn es um „typische“ Eigenschaften von HSP geht. Ich bin da keine Ausnahme …

 

Über manches kann ich heute herzhaft lachen

Zum Beispiel habe ich einmal als Jugendliche oder Kind beim Abendessen meiner versammelten Familie erzählt, dass jetzt auch Männer Kinder bekommen könnten. Das hatte ich am vorherigen Tag im Radio gehört. Ehrlich gesagt, sah ich überhaupt keinen Anlass, an dieser Aussage zu zweifeln. Was in Büchern stand, war für mich lange, lange Zeit immer „wahr“, bzw. die „Wahrheit“.  Und sicherlich habe ich das Radio nicht anders wahrgenommen, als ein Medium der „Wahrheit“. Und dass es Forschung und Wissenschaft gab, wusste ich auch. Ich sah überhaupt keinen Grund, warum es Forschern nicht gelungen sein könnte, diese ureigene weibliche Eigenschaft zu „knacken“ und war sogar sehr ehrfürchtig vor dieser vermeintlichen Errungenschaft, davor, was alles möglich sein könnte.

Meine Familie sah das anders. Die anderen haben mich ausgelacht „Gestern war der 1. April!“ DAS hatte ich natürlich überhaupt nicht geschnallt. Auch wenn das Auslachen an sich natürlich ziemlich demütigend war und mir noch eine ganze Zeit nachging, kann ich heute herzhaft darüber lachen.

Dass ich den Wahrheitsgehalt des Radiobeitrages überhaupt nicht in Frage gestellt habe, liegt vermutlich daran, dass

Lügen mir fremd ist.

Natürlich habe ich schon lustige Geschichten oder Bücher gelesen, wo Menschen den festen Vorsatz fassen, ab sofort nie mehr zu lügen und sich selbst innerhalb kürzester Zeit in so ein Chaos stürzen, dass ihr ganzes bisheriges Leben wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Natürlich war ich dann überzeugt, dass man Lügen irgendwie auch braucht, zumindest kleine Notlügen manchmal, aber das war alles, bevor ich um das Phänomen der Hochsensibilität wusste. Heute sehe ich das nämlich vollkommen anders. Heute bin ich überzeugt davon, dass

Wahrheit einen Wert für hochsensible Menschen darstellt,

vielleicht sogar einen unverhandelbaren Wert. Während ich dieses schreibe, kommen mir so viele Ideen in den Kopf, dass ich darüber noch einen extra Beitrag schreiben könnte. Es ist natürlich klar, dass es „die Wahrheit“ gar nicht gibt, im Zusammensein mit anderen Menschen wird man immer wieder merken, dass jeder seine eigene Wahrheit hat, die genauso richtig ist wie die eigene Wahrheit.

Dinge, die für mich wahr sind

empfinde ich als echt, authentisch oder auch richtig. Und die Wahrheit ist für mich ein fester Boden, der nicht nur mir Halt gibt, sondern auch den Menschen, die mit mir zu tun haben. Ich möchte, dass unsere Kommunikation aufrecht ist, geradeheraus und dass ich Dinge so sagen kann,wie ich sie als wahr erlebe. Wenn mein Gegenüber ebenso handelt, haben wir eine gemeinsame Kommunikationsbasis.

Wenn einer von uns Dinge sagt, die eventuell nicht wirklich so sind, werden wir das als hochsensible Menschen merken und schon ist der Boden nicht mehr stabil, sondern kann nachgeben oder wanken. Dann macht sich Unsicherheit breit und die gemeinsame Kommunikationsbasis geht flöten. Vielleicht ist das auch ein Grund, weswegen HSP der Wahrheit sehr zugeneigt sind?

Ich versuche jedenfalls nicht zu lügen

Das heißt, das andere Menschen sich darauf verlassen können, dass ich das, was ich sage, auch so meine. Dies bedeutet ja nicht, dass man anderen Menschen ungehemmt alles ins Gesicht wirft, was einem in den Sinn kommt. Das hat mit Wahrheit nichts zu tun. Natürlich kommt es auch vor, dass ich manche Dinge einfach nicht über die Lippen bringe. Dann sage ich eben gar nichts. Und so kommen wir zu einem sehr wichtigen Aspekt der Gutgläubigkeit: weil ich nicht lüge, kann ich einfach nicht verstehen, dass andere Menschen lügen.

Ich glaube immer an das Gute im Menschen

und kann es ebensowenig verstehen, dass Menschen andere Menschen betrügen. Das macht für mich so wenig Sinn. Das macht mich natürlich zu einer leichten Beute.

Kürzlich bin ich daher fast jemandem auf den Leim gegangen.

Es war im Rahmen meiner Wohnungssuche. Da war ein Inserat in der Zeitung, in dem von mir gewünschten Stadtteil in einer ruhigen Straße, eine wunderbar sonnige Wohnung, mit Dachterasse und Blick auf den Wald, eine eingerichtete Einbauküche, ein modernes Bad und nur 600,- EUR Warmmiete … Für mich sah das aus wie die perfekte Wohnung. Ich habe mich also schriftlich beworben. Bald bekam ich eine E-Mail auf englisch, in der die Besitzerin „Gina“ mir schrieb, sie lebe jetzt in Italien und würde die Wohnung über AirBnB vermieten und das Verfahren war etwas kompliziert. Ich sollte erst eine Kaution in Höhe von 600,- EUR hinterlegen, dann bekäme ich den Schlüssel zur Besichtigung.

Das war natürlich etwas sonderbar, aber andererseits habe ich mir gedacht, die Wohnung ist so gut ausgestattet, ich könnte so ein Vorgehen verstehen, vor allem, wenn man im Ausland lebt und möchte, dass die eigene Wohnung pfleglich behandelt wird. Es gab für mich keinen Grund an dieser Stelle schon zu sagen, das klingt zu sonderbar. Außerdem hatte ich mich schon festgebissen. Ich wollte diese Wohnung! Sie war sozusagen die Verkörperung meiner Wunschvorstellung.

Ich habe dann ein bisschen mit der Besitzerin hin und hergeschrieben,ob ich die Möbel irgendwo lagern könnte, wann könnte ich einziehen usw. Irgendwie ist mir dabei schon aufgefallen, dass ich es dabei aber mit verschiedenen Personen zu tun haben schien, deren Beherrschung der englischen Sprache offenbar unterschiedlich war. Es hat mich allerdings nicht davon abgehalten, die ganze Aktion abzusagen. Dazu kam auch noch, dass es offenbar überhaupt kein Problem mit meiner Selbstständigkeit zu geben schien.

Statt dessen bin ich in das Viertel gefahren um mir die Umgebung, die Straße und das Haus anzusehen. Dabei musste ich feststellen, dass es die Hausnummer in der Straße überhaupt nicht gab. Erst habe ich einen Schreck bekommen und bin in Stress geraten, dann aber habe ich mir gesagt, ja, aber vielleicht macht sie das nur, um sich zu schützen und es ist nicht die Hausnummer 43, sondern 17. Allerdings bekam mein Vertrauen schon die ersten Risse, zumal auch ich nirgendwo eine Wohnung entdecken konnte, die von der Lage geeignet gewesen wäre.

Zum Glück hat mich jemand beschützt

Ich muss gestehen, dass ich sogar schon Geld abgehoben hatte und die Überweisung für die vermeintliche Kaution tätigen wollte und nur deshalb nicht getätigt hatte, weil Wochenende war. Aus Italien kamen zunehmend drängende E-Mails, ich solle doch jetzt endlich die Kaution überweisen.

Ich habe das einer Bekannten erzählt, die nicht so gutgläubig ist wie ich und nicht ertragen konnte, dass ich dabei war, einen in ihren Augen riesigen Fehler zu machen. Jedenfalls suchte sie so lange im Internet herum, bis sie einen Artikel aus Österreich fand, in dem vor einer besonderen Betrugsmasche gewarnt wurde. Nämlich genau dies: man inseriert eine Wohnung, die nicht existiert, kassiert 600,- EUR Kaution für die vermeintliche Schlüsselübergabe und wird nicht mehr gesehen. Das Geld ist dann natürlich futsch. Diesen Artikel hat sie mir geschickt.

Da musste ich wohl oder übel die Augen aufmachen.

Die Sache kam dann ganz schnell zu einem Ende übrigens. Ich habe sofort nach Italien geschrieben, dass ich bitte erst einmal die Kopie des Kaufvertrages sehen wolle und auch eine Kopie des Personalausweises. Vorher würde ich kein Geld schicken. Das kam natürlich nicht. Statt dessen noch ein paar mal immer drängendere E-Mails. Ich habe „Gina“ oder wen-auch-immer dann einfach blockiert. Ich habe noch kurz überlegt, ob ich versuchen soll, sie irgendwo anzuzeigen, aber es war mir dann zu lästig und ich war ja auch mit der Wohnungssuche beschäftigt.

Diese irgendwie etwas peinliche Begebenheit hat nicht dazu geführt, dass ich meine Gutgläubigkeit generell aufgegeben habe. Aber ich habe dabei doch gelernt, dass ich versuchen sollte, genauer hinzusehen und Maßnahmen zu meinem Schutz zu ergreifen. Heute kann ich auch darüber lachen, wie sehr ich entschlossen bin, in anderen das Gute zu sehen.

Kennen Sie das auch? Wem sind Sie auf den Leim gegangen? Haben Sie schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bildnachweise:  Courtany auf Pixabay

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