5 wunderbare Methoden zum schnellen Stressabbau

5 wunderbare Methoden zum schnellen Stressabbau

In der Hochsensibilität verfängt man sich gerne in Stressspiralen. Nachfolgend finden Sie 5 ganz einfache „Tricks“, die Sie im Handumdrehen beruhigen können. Ich habe mich zu verschiedenen Kursen und Programmen angemeldet und sehr viel neues Wissen hat den Weg zu mir gefunden. Dies gebe ich supergerne an Sie weiter. 

1. Power Posing

Bestimmt ist Ihnen bekannt, dass sich die innere Verfassung auf das Körperbild und die Haltung auswirkt. Aber wissen Sie auch, dass das umgekehrt genauso gut geht, also die Haltung die Ausschüttung von Hormonen und damit die Verfassung beeinträchtigt?

Die Sozialpsychologin Amy Cuddy, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Harvard Business School, hat ein bahnbrechendes Experiment unternommen: Frau Cuddy und ihr Team haben sich mit verschiedenen Körperhaltungen beschäftigt, so genannten High-Power Posen (die man auch als „geöffnet“ bezeichnet) und Low-Power Posen (geschlossen). Eine High-Power Pose ist es z. B. die Füße überkreuz auf den Schreibtisch zu legen und die Hände hinter den Kopf, oder die Arme in die Hüfte zu stemmen. Bei der Low-Power-Pose macht man sich kleiner, faltet sich zusammen, krümmt vielleicht den Rücken.

Im Versuch wurde jedem der 42 Probanden eine Speichelprobe entnommen und sowohl die Testosteron- als auch die Cortisol-Werte gemessen. Dann sollten die Personen entweder eine High-Power Pose oder eine Low-Power-Pose einnehmen. Und zwar zwei Minuten lang. Anschließend wurde ihnen wieder eine Speichelprobe entnommen und noch einmal die Testosteron- und Cortisolwerte gemessen.

Von dem Ergebnis waren die Forscher*innen selbst überrascht. Es stellte sich nämlich heraus, dass die High-Power Pose das Testosteronlevel um 20 % erhöht und den Cortisolspiegel um 25% gesenkt hatte! (Das Experiment ging übrigens noch ein bisschen weiter und beschäftigte sich mit der Risikobereitschaft. Die stieg durch das Power-Posing ebenfalls).

Frau Cuddy meint, dass diese Pose ganz besonders sinnvoll ist, wenn man weiß, dass man in Situationen kommt, in denen man bewertet wird. Sehen Sie sich das Video dazu an (es ist deutsch untertitelt), ich finde es wunderbar und auch berührend, wenn Frau Cuddy über ihre eigenen Erfahrungen spricht.

Nachdem ich mir dieses Video angesehen habe, war ich eine Zeitlang so geflasht, dass ich meinen Arbeitstag am Schreibtisch grundsätzlich damit begonnen habe, aber in der Fülle der vielen Informationen, die immer auf mich zukommen, habe ich es doch glatt wieder aus den Augen verloren. Ein Fehler, wie mir scheint 😉

2. So tun als ob

In Situationen, wo man eigentlich weg möchte, aber nicht weg kann, könnte es hilfreich sein, so zu tun, als ob man weg läuft. Drücken Sie die Zehen des rechten Fußes in den Boden und gleichzeitig die Ferse des linken Fußes, dann die linken Zehen und die rechte Ferse. Machen Sie das mehrmals und überprüfen Sie hinterher, ob sich die Anspannung gebessert hat.

Alternativ können Sie auch beide Füße fest in den Boden stemmen und die Anspannung einen Moment halten und dann wieder loslassen. Mehrmals wiederholen und nachspüren, ob sich Ihre grundsätzliche Anspannung verbessert hat. Wenn nicht, wiederholen Sie die Übung mehrmals.

3. Atmen

Mir hat jemand diese Art der Atmung gezeigt, die ich sehr spannend und effektiv finde. Ich konnte leider nirgendwo herausfinden, wie sie heißt: Atmen Sie ein und legen Sie beim Einatmen die Zunge locker hinter die oberen Zahnreihen. Beim Ausatmen legen Sie die Zunge locker hinter die unteren Zahnreihen. Das entspannt unglaublich.

Von jemand anderem habe ich noch die Information bekommen, dass die obere Zahnreihe eher mit Stress verbunden ist und die untere Zahnreihe mit Entspannung. Seitdem versuche ich immer wieder im Laufe des Tages, meine Zungenspitze hinter die unteren Zahnreihen zu legen, das ist sehr schön und nach einigen Tagen habe ich fast das Gefühl, dass die Zunge nun eher unten liegt als wie vorher oben. Eine richtige Errungenschaft also!

4. Havening

So gehts: Sorgen Sie dafür, dass Sie ein paar Minuten lang ungestört sind und setzen Sie sich bequem auf einen Stuhl. Denken Sie kurz an die Sache, die Sie verändern möchten. Dann überkreuzen Sie die Arme vor dem Körper, legen die Hände auf die Schultern und streichen mit den Händen die Arme nach unten bis zu den Händen oder Fingerspitzen. Sie können auch die Handinnenflächen streichen. Im Video unten macht Anja Strassner den Ablauf vor.

Variante: Sie könnten dabei zum Beispiel auch eine Affirmation aussprechen, mit der Sie sich wohl fühlen.

5. Klopfakupressur

Da ich ja Klopfakupressur-Coach bin empfehle ich Ihnen natürlich auch immer das Klopfen. Es ist nach wie vor meine Nummer Eins Methode gegen Stress. Dabei müssen Sie nicht einmal einen Satz klopfen: Manchmal gibt es ja so viele Themen, dass man nicht weiß, wo man beginnen soll. Oder man ist einfach total überfordert. Da gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Sie klopfen einfach leer. Sie lassen das Set-up, den Einstimmungssatz einfach weg und klopfen alle Punkte durch von der Augenbraue bis zur Handkante (oder welchem Ablauf Sie auch immer folgen), und wenn Sie am Ende angekommen sind, fangen Sie einfach wieder von vorne an. So lange, bis Sie sich besser fühlen. Das nennt man leerklopfen. Hier finden Sie eine EFT Klopftechnik Anleitung, die Sie mitmachen können. Die Bilder wechseln automatisch nach einer gewissen Zeit. Sie können aber auch die Pfeiltasten benutzten oder auf die Punkte am Anfang oder Ende klicken um von vorne zu beginnen.

Augenbraue innen

Neben dem Auge

Unter dem Auge

Unter der Nase

Auf dem Kinn

Am Schlüsselbein

Unter dem Arm

Am Daumen

Am Zeigefinger

Am Mittelfinger

Am kleinen Finger

Serienpunkt

Handkante

Ausatmen nicht vergessen

2. Sie klopfen nur die Notfallpunkte. Wie das geht, können Sie in diesem Video sehen.

Probieren Sie die Methoden doch einmal aus und schreiben in den Kommentaren, welche Erfahrungen Sie dabe gemacht haben. Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße, Ihre

Monika Richrath

Bildnachweise: Bild von Johannes Plenio auf Pixabay (Beitragsfoto), privat

Meine Buch-Auslese aus Leipzig

Meine Buch-Auslese aus Leipzig

Nun ist die Leipziger Buchmesse schon fast einen Monat her – die Zeit verfliegt wie immer unglaublich schnell. Wenn ich nicht am Stand stand habe ich es sehr genossen, durch einige Hallen zu streifen um nach spannendem Stoff für meine Leser*innen zu suchen.

Eine ziemlich interessante Erfahrung war dabei für mich, dass viele der Standmenschen, die ich konkret auf mein Anliegen angesprochen habe, überhaupt nichts mit dem Begriff „Hochsensibilität“ anfangen konnten. Bevor das jedoch alles nicht mehr aktuell ist, stelle ich Ihnen hier drei Bücher vor, die ich von der Buchmesse für Sie mitgebracht habe.

 

Die Ali: Sich das Leben nehmen

Die Ali hatte ihren Stand genau gegenüber von unserem. Ich hatte also mehr als genug Zeit, auf diesen Titel zu gucken. Meine Neugier war sofort geweckt, vor allen Dingen, weil ich zuerst nur das Wort Guide lesen konnte, aber nicht den ganzen Untertitel How (not) to-Guide. Das wird doch nicht etwa …? Nein, es ist keine Anleitung, wie man sich selbst umbringt … Ziemlich schnell habe ich mich aufgemacht um zu ergründen, was es mit diesem äußerst provokaten (aber so genial gewählten!) Titel auf sich hat. „Die Wahrheit über Assessment Center“ wäre nicht halb so aufregend gewesen und hätte (zumindest mich) nicht so neugierig gemacht.

In dem Buch geht es um den Alltag und die Lebensrealität von Unternehmensberatern. Dieser Alltag wird wunderbar erklärt in kleinen Kapiteln, die schlaglichtartig bestimmte Bereiche dieses Lebens beleuchten und dazu passende Titel tragen, wie z. B. „der Kunde“, „der Pitch“, „der Kandidat“, „im Hotel“ usw.

So erfahren wir, wie das atemlose Leben hipper junger Menschen aussieht, die immerzu unterwegs sind,  zwar viel, viel Geld verdienen, aber kaum Gelegenheit haben, es auszugeben, die praktisch aus dem Koffer leben, auch noch mitten in der Nacht Unterlagen für das  Assessment Center am nächsten Tag ausdrucken müssen usw. Für die es das größte ist, im Flanellhemd und Jeans irgendwo in Ruhe mit jemandem etwas trinken zu dürfen. Die sich selbst in diesem wahnwitzigen Tempo verlieren, und alles, was ein liebens- und lebenswertes Leben ausmachen könnte (meiner Meinung nach). Es gibt auch sehr traurige Stellen in diesem Buch, wo ich mal tief schlucken musste, um den Kloß in meinem Hals loszuwerden.

Das Buch ist wie eine Art Taifun, in dem man beim Lesen etwas verloren geht, die Atemlosigkeit wie ein mitreißender Sog. Ich kenne dieses Beraterleben an sich nicht. Im Hintergrund lief aber die ganze Zeit bei mir die Erinnerung an den Film Toni Erdmann, in dem dieses Leben sehr anschaulich beschrieben wird. Die Ali, selbst Unternehmensberaterin, kennt dieses Leben zur Genüge. Darum ist es ja so schrecklich. Sie weiß, wovon sie schreibt.

Nachdem ich das Buch ausgelesen habe, habe ich vor allen Dingen eins gefühlt: Erleichterung, verbunden mit dem sehr intensiven Gefühl, davongekommen zu sein. Die Arbeitswelt und ihre Anforderungen hinter mir gelassen und etwas Eigenes gefunden zu haben.

Übrigens gefällt mir an dem Buch auch, dass die Ali es sich selbst gewidmet hat … Nur etwas hat meiner Meinung nach gefehlt: dass wir nichts darüber erfahren, wie die Protagonistin sich ihr Leben zurückgegeben hat, das hätte mich auch interessiert …

Die Ali
Sich das Leben nehmen
Books on Demand
ISBN: 9783749409266
8,99 €

 

 

Pimm van Hest/Saafras De Bruyn: Überall und irgendwo

*

Dieses Buch ist mein ganz besonderes Fundstück. Von irgendwoher kam mir plötzlich die Idee, mir auch Kinderbücher anzusehen, denn ich weiß ja von meinen Klient*innen, dass diese häufig selbst hochsensible Kinder haben und sich vermutlich freuen über eine Buchempfehlung für ihre Kinder.  Ich finde aber, dass dieses Buch auch ganz wunderbar geeignet ist für Erwachsene, die Angst vor dem Tod haben und/oder mit der eigenen Vergänglichkeit hadern. Überall und irgendwo beschäftigt sich auf spielerische und leichte Weise mit dem Thema Tod,  Trauer, Vergänglichkeit und Ewigkeit.

Die Geschichte: Yolandas Mama ist gestorben. Bei der Beerdigung merkt sie, dass die Erwachsenen offenbar nicht darüber sprechen wollen. Aber sie vermisst ihre Mama sehr. Felsenfest ist sie davon überzeugt, dass ihre Mama irgendwo sein muss. Sie will sie unbedingt finden. Und sie will mit anderen Menschen über ihre Mama sprechen. Also macht sie sich auf die Suche. Zuerst geht sie zu ihrem kleinen Bruder, der mit Mama zu sprechen scheint, wenn er mit seinem Bär redet, Papa erklärt ihr, dass er ihre Mama in all den Dingen findet, die ihn umgeben, … jedes Familienmitglied hat einen eigenen Weg, mit der Trauer umzugehen und ist bereit ihn mit Yolanda zu teilen, so dass Yolanda schließlich herausfindet, wo sie ihre Mama finden kann.

Die einfachen und kindgerechten Texte des Kinderbuchautors Pimm van Hest werden wundervoll ergänzt von den Bildern der belgischen Zeichnerin Saafras De Bruyn. Dabei ist ein Buch herausgekommen, dass wie die Trauer selbst ist: schön, melancholisch, voller Hoffnung, voller Liebe, traurig und auch nicht traurig …

Pimm van Hest/Saafras de Bruyn
Überall und irgendwo
Alibri
ISBN 978-3-86569-258-0
16,00 €

Gabriel Palacios: Wer tut dir gut?

*

Dieses Buch ist für mich mit einer ausgesprochen angenehmen Gesprächserfahrung der Leipziger Buchmesse verbunden. Als ich am Stand mein Anliegen vorgetragen habe, bekam ich einmal nicht ein ratloses Gesicht zu sehen, sondern ein verständiges Nicken, gepaart mit „Doch, da habe ich etwas für Sie“, ohne dass ich wieder hätte umständlich erklären müssen, was für hochsensible Menschen interessant sein könnte (Denn mit der Reizüberforderung kann man in solchen Augenblicken nicht kommen …) Das hat mich sehr gefreut, auch der Titel klang interessant. „Ja, das nehme ich gerne mit.“

Mit dem Buch selbst habe ich mich allerdings sehr schwer getan. Dabei klingt der Untertitel „Wie du lernst, Menschen richtig einzuschätzen“ sehr verlockend.

Von diesem scheinbar sehr bekannten, sehr jungen Hypnotiseur namens Gabriel Palacios hatte ich noch nie gehört. Das hat man davon, wenn man immer in einer Art Elfenbeinturm sitzt … Seine Geschichte ist allerdings sehr interessant …

Ein paar Gedanken haben mir sehr gefallen: zum Beispiel, dass einen die falschen Menschen davon abhalten glücklich (und vielleicht damit auch erfolgreich) zu sein, also, dass manche Menschen uns davon abhalten, unsere eigene Größe zu entdecken und zu leben. Wundervoller Gedanke 🙂 Schön erklärt auch, warum wir immer wieder bestimmte Menschen mit bestimmten Verhaltensmustern in unser Leben ziehen.

Wie kann man diese Menschen nun von sich fernhalten? Zunächst geht es darum die Menschen in verschiedene Typen einzuteilen, als da wären: das Lamm, der Wolf, die Biene, der Hund, das Reh, das Rhinozeros, das Chamäleon und die Schlange. Als erstes sollen wir dazu einen Selbsttest zu machen um den eigenen Charaktertyp herauszufinden: den MKPI-Test (Modell der kolorierten Persönlichkeits-Instanzen). Dort erleide ich schon den ersten Schiffbruch, bin gleichermaßen Biene, Reh und Lamm mit einer Spur Rhinozeros und Chamäleon, was soll mir das sagen (Ich selbst hätte mich eher bei der Schlange, dem Hund oder auch dem Wolf zugeordnet)? Ausgeschlossen, dass ich mich selbst in Bezug setze zu einer anderen Person, um deren Charaktereigenschaften mit mir zu vergleichen …

Etwas mehr Glück habe ich mit dem Energietest, der mich immerhin als rot-grünen Energiemenschen ausweist, aber auch hier scheitere ich bereits an der Vorstellung, andere daraufhin zu beobachten, zu welchem Menschentypus sie gehören könnten.

Im weiteren Verlauf des Buches erklärt Gabriel Palacios die Typen noch genauer, auch hier geht es wieder darum zu beobachten, welche Worte verwendet werden, wie gesprochen wird, wie die Handsprache ist etc. Alles erinnert mich an meinen NLP-Kurs und an meine Coachingausbildung vor ein paar Jahren.

Ab Seite 179 geht es dann endlich darum, wie wir lernen können uns zu schützen. Auf knapp 20 Seiten steht also das eigentlich Wichtige. Der Autor stellt uns ein paar Übungen vor, anhand derer wir Menschen, die uns nicht gut tun, aus unserem Leben verabschieden können (sehr angetan bin ich von der Vorstellung, Menschen in das schwarze Nichts dahinter zu schieben und die Tür einfach zu schließen!) Im Rahmen einer Hypnose stelle ich mir dies sehr effektiv vor, alleine durch die Kraft meiner Gedanken bin ich eher ein wenig skeptisch. Bislang habe ich noch nicht die Muße gefunden, diese Übung wirklich in Ruhe durchzuführen. Das positive Ankersetzen für danach ist jedenfalls definitiv keine neue Erfindung des Autors, sondern eine sehr übliche NLP-Praxis.

So kommt es, dass ich nach der Lektüre dieses Buches nicht voll motiviert, sondern eher verwirrt bin. Ich glaube, ich mache dann doch lieber weiter wie bisher oder suche einen anderen Weg. Eigentlich frage ich mich nach der Lektüre des Buches eher, ob ich Menschen überhaupt einschätzen muss …

Gabriel Palacios
Wer tut dir gut?
Allegria
ISBN 978-3-7934-2404-8
18,00 €

Haben Sie selbst noch irgendwelche wunderbaren Fundstücke auf der Leipziger Buchmesse entdeckt? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bild von congerdesign auf Pixabay

Ein ganz normaler Arbeitstag

Ein ganz normaler Arbeitstag

In der letzten Woche konnte ich leider vollkommen ungeplant keinen Blogbeitrag veröffentlichen. Die Leipziger Buchmesse hat dann letzten Endes doch ihren Tribut von der Hochsensibilität und der völligen Reizüberflutung verlangt. Es war eine tolle Zeit, ich habe spannende Begegnungen gehabt, nette Menschen kennengelernt und es aus vollen Zügen genossen, aber hinterher gab es eine Art „Shutdown“ und ich musste mich erst einmal halbwegs regenerieren.

Dieser Blogbeitrag geistert schon lange in mir herum. Ich habe einfach einmal aufgeschrieben, wie mein ganz normaler Arbeitsalltag aussieht, was ich tun möchte eigentlich und was ich tatsächlich dann tue. Vielleicht haben Sie einen Wiedererkennungseffekt beim Lesen …

 

08:00 Uhr

Heute sitze ich früh an meinem Arbeitsplatz. Mein Programm ist ziemlich voll: 3 Sitzungen stehen auf dem Programm, aber es gibt noch jede Menge Kleinkram abzuarbeiten. Die erste Sitzung beginnt um 09:00 Uhr.

Als erstes will ich meinen letzten Blogbeitrag noch weiter bei Facebook posten. Kann mir aber nicht versagen, zuerst meine E-Mail aufzumachen. Da wartet ein kleiner Auftrag auf mich. Runterladen – fertig. Als nächstes öffne ich meine Webseite. Zuerst mal den Cache löschen. Da wartet auch ein Kommentar, der freigegeben und beantwortet werden will. Außerdem soll ich das Theme und ein Plugin aktualisieren.

08:20

Am Samstag will ich ausgehen, dafür brauche ich eine Streifenkarte. Meine Schreibtischschublade habe ich schon durchsucht, aber vielleicht sehe ich einfach im alten Portemonnaie in der Abstellkammer nach? Da ist die Streifenkarte nicht. Zurück an den Schreibtisch.

Ich mache Facebook auf. Auf meiner Startseite ist ein Post, der mich spontan anspringt. Soll ich den jetzt wirklich angucken? Außerdem eine Benachrichtigung, dass jemand Geburtstag hat. Ich entscheide mich in beiden Fällen dagegen, diesen Impulsen nachzugeben und arbeite brav meine Posting-Liste ab. Ach g+ gibts ja nicht mehr, also löschen aus der Liste. Mir fällt auf, dass meine Liste für diesen Tag sehr kurz ist, vielleicht sollte ich die mal aktualisieren, bestimmt habe ich mich zu Gruppen angemeldet, die noch gar nicht in meiner Liste sind. Heute habe ich aber keine Zeit dazu.

08:30

7 Posts später. Ich kann es mir nicht versagen, schnell eine Benachrichtigung anzuklicken. Jemandem gefällt meine Seite. Eigentlich sollte ich mal alle Verlage anschreiben, von denen ich was von der Buchmesse mitgenommen habe. Wo ist die Streifenkarte? Mir fällt noch ein anderer Ort ein, wo die Karte sein könnte, ich gehe in mein Schlafzimmer und sehe in eine Mappe, in der sich verschiedene Dinge befinden. Die Streifenkarte ist dort nicht. Aber ich finde ein paar alte Prospekte, die umgehend ins Altpapier wandern. Also muss ich wohl doch mal die Schublade ausräumen.

08:38

Die Schublade ist halbleer. Brauche ich eigentlich meine alten Zykluskalender noch? Da entdecke ich die Streifenkarte. Wusste ich es doch, dass sie dort ist, wo sie hingehört. Langsam wird es Zeit, mich auf meine Sitzung vorzubereiten. Erst mal meine Nahrungsergänzungen nehmen, Wasser für Tee aufsetzen in der Küche. Ich habe Kopfschmerzen. Das Telefon muss ich auch noch ausstellen. Wieder ins Wohnzimmer, wo ein Tiegel Tigerbalm steht. Hoffentlich klopfe ich mir das jetzt nicht versehentlich irgendwo hin … Apropos wohin, das muss auch noch sein, den Tee aus der Küche abholen, mir Lippen und Hände eincremen. Das Protokoll der letzten Sitzung lesen.

08:49

Wo ist der Spitzer? Während ich um mich sehe, fällt mein Blick auf ein Kurzprotokoll, das ich offensichtlich noch nicht verschickt habe. Da liegen noch zwei Quittungen, die ich noch kurz in meine Ausgabenliste eintragen könnte. Ich könnte eigentlich nochmal kurz lüften vorher. Schnell mache ich noch die Datei mit der Ausgabenliste auf. Mist, die ist noch nicht für April eingerichtet. Also wieder zu. Dabei fällt mein Blick auf eine Datei, die ich nicht dauernd vor Augen haben will, schnell in den Papierkorb verschieben. Jetzt ein paar Minuten ruhig sitzen und atmen. Jetzt noch das Mikrofon anstellen und die Webcam aus der Verkleidung befreien. Ein Klick und es geht los …

10:10

Die Sitzung ist beendet. Erstmal brauche ich ein großes Glas Wasser. Vielleicht sollte ich noch mal das Fenster aufmachen? Erstmal laufe ich ein bisschen unmotiviert in der Wohnung herum, bis mir einfällt, dass Fremdenergien ausleiten auf jeden Fall eine gute Idee ist. Das lemurische Heilzeichen liegt im Schlafzimmer. Danach kann ich mich an den Schreibtisch setzen und mit der Zusammenfassung der Sitzung anzufangen.

10:32

Das Telefon klingelt, ich muss aufstehen und führe ein kurzes Gespräch.

11:35

Da ist eine Nachricht, dass ich einen Job abrechnen kann. Wunderbar.

10:45

Das Protokoll ist endlich fertig. Jetzt noch die neuen Termine in den Kalender eintragen, das Protokoll verschicken – fertig. Ich habe Hunger. Erstmal eine Banane essen. Was jetzt? Eigentlich sollte ich mal einkaufen gehen. Ich habe mir noch nicht überlegt, was ich heute essen will. Oder schreibe ich Rechnungen? Ach Mist, da wartet ja noch dieser Lektoratsauftrag. Erstmal koche ich mir eine neue Tasse Tee. Mir fällt ein, dass ich auch noch ein paar Rechnungen bezahlen muss. Und ist die Überweisung von Paypal eigentlich auf meinem Konto? Schnell mal checken. Ja. Eigentlich wäre es doch gut, die Überweisungen jetzt zu machen, wo alles auf ist. Erst mal in die Küche, den Tee holen. Dann rufe ich mich zur Ordnung. Das Online-Banking kann warten. Das wichtigste zuerst. Der Auftrag hat einen Termin.

11:00

Den Auftrag aus dem Download-Ordner in den richtigen Ordner kopieren und öffnen. Was soll ich heute essen? Was ist denn das, das ist ja eine Übersetzung! Nochmal das Postfach öffnen und die Auftragsbeschreibung lesen.

11:13

Übersetzung erledigt, ok, jetzt kann ich ein Rückpaket erstellen. Wo ist die Funktion? Ich kann sie nirgends finden. Uff, gefunden, aber wo ist jetzt das Paket gelandet? Übersetzerprogramm wieder öffnen, neues Paket erstellen. Was wird mir als Speicherort vorgeschlagen? Ach der Monat März. Dort ist das Paket gelandet. Also zurück ins Mailprogramm, Paket zurückschicken – fertig. Aber da ist eine Nachricht einer Klientin, im Eifer des Gefechts habe ich vor einigen Tagen offenbar vergessen, die Zusammenfassung zu verschicken. Also das auch noch nachholen.

11:20

Was soll ich essen? Erst noch den Auftrag in die Auftragsliste eintragen. Die Liste ist noch nicht für April eingerichtet, also erstmal alles auf dem Blatt löschen, Blatt umbenennen, Auftrag eintragen – fertig. Noch schnell zwei Rechnungsnummern vergeben. JETZT gehe ich einkaufen. Weiß immer noch nicht, was ich essen soll. Im Kühlschrank ist noch Fenchel, wie wäre es mit Buletten dazu aus dem Anne Fleck-Buch? Ich schmeiße mich aufs Sofa, nachgucken, was ich brauche, dazu noch schnell eine kleine Einkaufsliste schreiben und los gehts. Unten finde ich noch ein paar Briefe im Briefkasten.

11:55

Eigentlich ist jetzt Pause, aber ich kann es mir doch nicht versagen, beim Nachhausekommen einen der Briefe aufzumachen. Meine erste Umsatzsteuer-Voranmeldung.

13:00

Das Essen war super. Danach habe ich mich hingelegt und meine Trancedatei Selbstsabotageprogramme löschen gehört. Ich bin gerade so richtig schön halb weg, da klingelt es. So ein Mist. Ob das jetzt für mich ist? Es steht aber außer Frage, die 3 Stockwerke herunterzustürzen. Ich gucke aus dem Fenster, ob ich dort einen Wagen eines Paketdienstes stehen sehe. Ich sehe nichts und lege mich wieder hin.

13:25

Zurück am Schreibtisch. Ich scanne eine Vollmacht für die Steuerberaterin ein, während ich mir einen Tee koche. Das gibt einiges Gerenne zwischen Küche und Büro. Scan versenden – fertig. Es wird Zeit, mich auf die nächste Sitzung vorzubereiten. Erst nochmal ins Postfach gucken, da warten drei Nachrichten, von denen eine beantwortet werden muss. Ich habe wieder Kopfschmerzen. Ach, da waren doch noch zwei Rechnungen zu schreiben, das kann ich gerade erledigen. Ich öffne meine Webseite. Was ist denn das, ich hatte die Aktualisierungen heute morgen doch gemacht, oder doch nicht? Nachdem ich die erste Rechnung ausgedruckt habe, wird mir klar, dass die Umsatzsteuer-Nr. fehlt. Wo kann ich das nochmal ändern? Nach einigem Herumsuchen finde ich die entsprechende Einstellung, aber im Entwurf lässt es sich nicht mehr ändern. Ich schreibe die Nr. irgendwo hin, Hauptsache, sie ist drauf.  Jetzt noch bereitlegen: Kalender, Schreibzeug, Uhr. Mich vertiefen in die Unterlagen, was haben wir letztes Mal gemacht?

15:05

Die Sitzung ist vorbei, die Zusammenfassung geschrieben und verschickt. Jetzt kann ich mich an die zweite Rechnung machen. Dazu muss ich wieder eine neue Seite öffnen. Huch, da fehlt die Mwst. Wer ist der Auftraggeber? Schnell im Mailprogramm nachsehen, ach US, dann keine Mwst. Aber halt, die wollen ja keine Dollar, sondern Euro. Also Währungsrechner öffnen, Betrag umrechnen, Rechnung speichern, hochladen und einreichen. Puh, endlich erledigt.

15:30

Um 16:00 h habe ich einen neuen Klienten. Seine Ausgangsbeschreibung habe ich schon ausgedruckt, jetzt nehme ich mir die Zeit, sie sorgfältig zu lesen um mir zu überlegen, wo wir anfangen.

17:02

Die Sitzung war schön, jetzt nur noch schnell die Zusammenfassung schreiben. Aber bevor ich damit anfangen kann, muss ich nochmal ins Postfach gucken. Mist, die Korrektur der Übersetzung. Kurz das Programm öffnen, Korrekturen annehmen, speichern, zurücksenden.

17:17

Eigentlich hatte ich gehofft, heute evtl. die Zeit zu haben, eine Lektion aus meinem Trauma-Kurs zu wiederholen. Das kann ich mir wohl abschminken. Ich bin fix und fertig. Noch schnell die neuen Termine in den Terminkalender eingeben. Das letzte Protokoll verschicken. Uff, das wars für heute.

Ich bin sehr neugierig, wie es Ihnen gegangen ist beim Lesen dieses Beitrages. Haben Sie sich wiedererkannt?

Ich selbst habe die verschiedensten emotionalen Zustände beim Verfassen durchlebt. Beim Schreiben selbst wurde mir ganz Angst und bange, weil ich eine Ahnung davon bekommen habe, wie stressig mein Arbeitsalltag trotz allem ist. Dass die ruhigsten Momente des Tages die Zeit war, mit denen ich mit Klienten geklopft habe, stimmt mich schon sehr nachdenklich.  Beim Abtippen allerdings erfasste mich eine unglaubliche Heiterkeit. Vor allen Dingen, weil ich natürlich nun ganz klar sehen kann, dass diese Art von Stress „hausgemacht“ ist und ich meine Arbeitsabläufe einfach besser organisieren muss. Da ist noch sehr viel Handlungsbedarf. Als allererstes schreibe ich mal einen Speiseplan für die Woche.

Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bild von ThePixelman auf Pixabay

Kein Gefühl für Grenzen?

Kein Gefühl für Grenzen?

Ich vermute (glaube eigentlich eher), dass hochsensible Menschen eine ganz besondere Beziehung zu Grenzen haben. Mir fallen da vor allen Dingen drei verschiedene Aspekte ein:

 

Ein Aspekt: Das kennen bestimmt fast alle Hochsensiblen sehr gut: das Gefühl,

dass andere permanent unsere Grenzen überschreiten.

Dies kommt praktisch andauernd vor. Im Supermarkt, wenn die Person hinter uns zu sehr auf die Pelle rückt, wenn andere ihren emotionalen Müll bei uns abladen, wenn uns dauernd neue Arbeit aufgedrängt wird, wenn andere uns unerfüllbare Aufgaben aufbürden, wohl wissend, dass sie unerfüllbar sind, wenn niemand uns Ruhe gönnen will, wenn unsere Kinder dauernd an uns zerren, damit wir mit ihnen spielen usw.

Manchmal kann sich das ganze Leben überhaupt wie eine einzige riesige Grenzüberschreitung anfühlen. Dann sind wir offenbar schon an jenem besonderen Punkt angekommen, an dem sich die Stressspirale immer weiter nach oben schraubt und uns einfach alles nervt. Dann erleben wir uns häufig als besonders ohnmächtig, weil wir offenbar nichts tun können, um diesen Zustand zu ändern (Gibt es aber doch: Wenn Sie an diesem Punkt sind, könnten Sie es mal mit der Klopfakupressur probieren, um wieder herunterzukommen auf ein normales Stresslevel).

Ein weiterer Aspekt:

Wir selbst können uns nicht abgrenzen.

Sehr, sehr, sehr viele hochsensible Menschen haben ein echtes Problem damit, sich abzugrenzen.  Es vergeht quasi kein Coaching, ohne dass dieser Punkt auf den Tisch kommt.

Die Ursachen sind äußerst vielfältig

Wenn ich von mir selbst ausgehe, kann ich sagen, dass es den Großteil meines Lebens (ich meine, mehr als 2/3) mir überhaupt nicht möglich war, NEIN auch nur zu denken, geschweige denn zu sagen.

Ansprüche und Anforderungen anderer abzulehnen war einfach ein Ding der Unmöglichkeit.

Denn ich dachte: wenn ich die Anforderungen der anderen nicht erfülle, werde ich nicht geliebt. Dann würde der Berg der ohnehin schon empfundenen Ablehnung der Umwelt (von der ich heute übrigens gar nicht mehr so recht weiß, ob er tatsächlich existierte) noch weiter anwachsen und das erschien mir unerträglich.

Im letzten Jahr habe ich mich sehr intensiv mit meiner Vergangenheit beschäftigt

Früher habe ich immer gedacht, ein Geheimnis müsse meine Geburt umranken, ein tragisches Ereignis, eine grandiose Erklärung für das sehr deutliche Gefühl, nicht wirklich gewollt gewesen zu sein. Was ich herausgefunden habe: es gibt kein solches tragisches Ereignis. Nur tragischen Alltag. Und tragische Überforderung. Während mein Vater verzweifelt versuchte, mit dem Leben zurecht zu kommen und dies nur schaffte, indem er von einem Nervenklinikaufenthalt zum nächsten reiste, kämpfte meine sehr junge Mutter in dieser Zeit alleine mit dem stressigen Alltag einer alleinerziehenden Mutter zweier kleiner Mädchen. Und dann noch ich im Anmarsch. Ich kann es ihr heute nicht verdenken, dass sie sich nicht wirklich auf mich gefreut hat, natürlich nicht. Das Gefühl aber bleibt, scheint irgendwie in mir eingefroren zu sein.

Ich habe übrigens schon verschiedene Versuche unternommen, dieses Gefühl aufzulösen, den großen Durchbruch hat es aber bislang noch nicht gegeben.

Für mich ist jedenfalls dieses Grundgefühl nicht wirklich willkommen zu sein, der Motor gewesen, nicht NEIN sagen zu können.

Ich habe immer alles gemacht, was man mir an- und aufgetragen hat und ich habe niemals hinterfragt, warum ich das eigentlich mache. Sehr lange Zeit jedenfalls nicht. Für meine Arbeitgeber war das immer äußerst praktisch. Ich habe für 3 gearbeitet (in einem Fall wurde tatsächlich einem Mitarbeiter gekündigt, damit ich seine Arbeit mitmache!) Kein Wunder, dass ich so mehrere Burnouts erwirtschaftet habe.

Dazu kam auf jeden Fall auch noch das Gefühl, nicht und nie in Ordnung zu sein. Heute verbinde ich dies vor allen Dingen mit der Hochsensibilität, aber es gibt natürlich auch noch andere, familiär bedingte Konstellationen und Aspekte.

Wichtig ist dabei vor allen Dingen eins: Wenn wir nicht lernen, uns abzugrenzen

verhalten wir uns selbst anderen gegenüber grenzüberschreitend,

natürlich nicht immer, aber häufig. Es hängt eben davon ab, wie gut wir es gelernt haben, uns auf gesunde Art und Weise abzugrenzen. Wenn nicht, können die Formen der Grenzüberschreitungen die unterschiedlichsten Formen annehmen:

indem wir über andere bestimmen oder versuchen sie zu kontrollieren oder auf andere Weise zu manipulieren, indem wir überhaupt nicht wahrnehmen können, wie es sich für andere anfühlen mag, wenn wir uns ihnen gegenüber so und so verhalten (trotz einer grundsätzlichen Empathiefähigkeit). Manchmal ist das eigene Leid oder die eigene Bedürftigkeit eben größer …

Meine eigene sehr schräge Erfahrung ist, dass Therapeut*innen sich besonders häufig grenzüberschreitend verhalten, aber vielleicht ist dies eigentlich verständlich. Ich habe irgendwo mal gehört oder gelesen, dass Therapeut*innen häufig Therapeut*in werden, weil sie eigentlich selbst Hilfe benötigen. Mir erscheint das äußerst logisch.

Abgrenzen kann und muss man üben.

Immer und andauernd. So wie jetzt! Eigentlich habe ich heute Abend noch sehr viel zu tun und zu erledigen. Aber trotzdem wollte ich Sie am Sonntag nicht ohne einen Blogbeitrag lassen (so im Laufe der Zeit entwickele ich doch eine Art Blogger-Ehrgeiz), von daher grenze ich mich mal definitiv ab gegen meine eigenen Ansprüche. Darum bekommen Sie diese Woche nur einen kurzen Artikel …

Wie gut können Sie sich abgrenzen? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bild von Thomas B. auf Pixabay 

Sind Sie auch so gutgläubig?

Sind Sie auch so gutgläubig?

Nach meiner doch sehr behafteten und emotionsgeladenen Serie zum Thema Armut und Mangel möchte ich mich einmal mit einem Aspekt der Hochsensibilität beschäftigen, der eher schräg und lustig ist: mit der manchmal fast kindlich anmutenden Naivität und Gutgläubigkeit hochsensibler Menschen. Wie es bei Ihnen damit aussieht, weiß ich nicht, aber dieser Punkt wird eigentlich fast immer genannt, wenn es um „typische“ Eigenschaften von HSP geht. Ich bin da keine Ausnahme …

 

Über manches kann ich heute herzhaft lachen

Zum Beispiel habe ich einmal als Jugendliche oder Kind beim Abendessen meiner versammelten Familie erzählt, dass jetzt auch Männer Kinder bekommen könnten. Das hatte ich am vorherigen Tag im Radio gehört. Ehrlich gesagt, sah ich überhaupt keinen Anlass, an dieser Aussage zu zweifeln. Was in Büchern stand, war für mich lange, lange Zeit immer „wahr“, bzw. die „Wahrheit“.  Und sicherlich habe ich das Radio nicht anders wahrgenommen, als ein Medium der „Wahrheit“. Und dass es Forschung und Wissenschaft gab, wusste ich auch. Ich sah überhaupt keinen Grund, warum es Forschern nicht gelungen sein könnte, diese ureigene weibliche Eigenschaft zu „knacken“ und war sogar sehr ehrfürchtig vor dieser vermeintlichen Errungenschaft, davor, was alles möglich sein könnte.

Meine Familie sah das anders. Die anderen haben mich ausgelacht „Gestern war der 1. April!“ DAS hatte ich natürlich überhaupt nicht geschnallt. Auch wenn das Auslachen an sich natürlich ziemlich demütigend war und mir noch eine ganze Zeit nachging, kann ich heute herzhaft darüber lachen.

Dass ich den Wahrheitsgehalt des Radiobeitrages überhaupt nicht in Frage gestellt habe, liegt vermutlich daran, dass

Lügen mir fremd ist.

Natürlich habe ich schon lustige Geschichten oder Bücher gelesen, wo Menschen den festen Vorsatz fassen, ab sofort nie mehr zu lügen und sich selbst innerhalb kürzester Zeit in so ein Chaos stürzen, dass ihr ganzes bisheriges Leben wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Natürlich war ich dann überzeugt, dass man Lügen irgendwie auch braucht, zumindest kleine Notlügen manchmal, aber das war alles, bevor ich um das Phänomen der Hochsensibilität wusste. Heute sehe ich das nämlich vollkommen anders. Heute bin ich überzeugt davon, dass

Wahrheit einen Wert für hochsensible Menschen darstellt,

vielleicht sogar einen unverhandelbaren Wert. Während ich dieses schreibe, kommen mir so viele Ideen in den Kopf, dass ich darüber noch einen extra Beitrag schreiben könnte. Es ist natürlich klar, dass es „die Wahrheit“ gar nicht gibt, im Zusammensein mit anderen Menschen wird man immer wieder merken, dass jeder seine eigene Wahrheit hat, die genauso richtig ist wie die eigene Wahrheit.

Dinge, die für mich wahr sind

empfinde ich als echt, authentisch oder auch richtig. Und die Wahrheit ist für mich ein fester Boden, der nicht nur mir Halt gibt, sondern auch den Menschen, die mit mir zu tun haben. Ich möchte, dass unsere Kommunikation aufrecht ist, geradeheraus und dass ich Dinge so sagen kann,wie ich sie als wahr erlebe. Wenn mein Gegenüber ebenso handelt, haben wir eine gemeinsame Kommunikationsbasis.

Wenn einer von uns Dinge sagt, die eventuell nicht wirklich so sind, werden wir das als hochsensible Menschen merken und schon ist der Boden nicht mehr stabil, sondern kann nachgeben oder wanken. Dann macht sich Unsicherheit breit und die gemeinsame Kommunikationsbasis geht flöten. Vielleicht ist das auch ein Grund, weswegen HSP der Wahrheit sehr zugeneigt sind?

Ich versuche jedenfalls nicht zu lügen

Das heißt, das andere Menschen sich darauf verlassen können, dass ich das, was ich sage, auch so meine. Dies bedeutet ja nicht, dass man anderen Menschen ungehemmt alles ins Gesicht wirft, was einem in den Sinn kommt. Das hat mit Wahrheit nichts zu tun. Natürlich kommt es auch vor, dass ich manche Dinge einfach nicht über die Lippen bringe. Dann sage ich eben gar nichts. Und so kommen wir zu einem sehr wichtigen Aspekt der Gutgläubigkeit: weil ich nicht lüge, kann ich einfach nicht verstehen, dass andere Menschen lügen.

Ich glaube immer an das Gute im Menschen

und kann es ebensowenig verstehen, dass Menschen andere Menschen betrügen. Das macht für mich so wenig Sinn. Das macht mich natürlich zu einer leichten Beute.

Kürzlich bin ich daher fast jemandem auf den Leim gegangen.

Es war im Rahmen meiner Wohnungssuche. Da war ein Inserat in der Zeitung, in dem von mir gewünschten Stadtteil in einer ruhigen Straße, eine wunderbar sonnige Wohnung, mit Dachterasse und Blick auf den Wald, eine eingerichtete Einbauküche, ein modernes Bad und nur 600,- EUR Warmmiete … Für mich sah das aus wie die perfekte Wohnung. Ich habe mich also schriftlich beworben. Bald bekam ich eine E-Mail auf englisch, in der die Besitzerin „Gina“ mir schrieb, sie lebe jetzt in Italien und würde die Wohnung über AirBnB vermieten und das Verfahren war etwas kompliziert. Ich sollte erst eine Kaution in Höhe von 600,- EUR hinterlegen, dann bekäme ich den Schlüssel zur Besichtigung.

Das war natürlich etwas sonderbar, aber andererseits habe ich mir gedacht, die Wohnung ist so gut ausgestattet, ich könnte so ein Vorgehen verstehen, vor allem, wenn man im Ausland lebt und möchte, dass die eigene Wohnung pfleglich behandelt wird. Es gab für mich keinen Grund an dieser Stelle schon zu sagen, das klingt zu sonderbar. Außerdem hatte ich mich schon festgebissen. Ich wollte diese Wohnung! Sie war sozusagen die Verkörperung meiner Wunschvorstellung.

Ich habe dann ein bisschen mit der Besitzerin hin und hergeschrieben,ob ich die Möbel irgendwo lagern könnte, wann könnte ich einziehen usw. Irgendwie ist mir dabei schon aufgefallen, dass ich es dabei aber mit verschiedenen Personen zu tun haben schien, deren Beherrschung der englischen Sprache offenbar unterschiedlich war. Es hat mich allerdings nicht davon abgehalten, die ganze Aktion abzusagen. Dazu kam auch noch, dass es offenbar überhaupt kein Problem mit meiner Selbstständigkeit zu geben schien.

Statt dessen bin ich in das Viertel gefahren um mir die Umgebung, die Straße und das Haus anzusehen. Dabei musste ich feststellen, dass es die Hausnummer in der Straße überhaupt nicht gab. Erst habe ich einen Schreck bekommen und bin in Stress geraten, dann aber habe ich mir gesagt, ja, aber vielleicht macht sie das nur, um sich zu schützen und es ist nicht die Hausnummer 43, sondern 17. Allerdings bekam mein Vertrauen schon die ersten Risse, zumal auch ich nirgendwo eine Wohnung entdecken konnte, die von der Lage geeignet gewesen wäre.

Zum Glück hat mich jemand beschützt

Ich muss gestehen, dass ich sogar schon Geld abgehoben hatte und die Überweisung für die vermeintliche Kaution tätigen wollte und nur deshalb nicht getätigt hatte, weil Wochenende war. Aus Italien kamen zunehmend drängende E-Mails, ich solle doch jetzt endlich die Kaution überweisen.

Ich habe das einer Bekannten erzählt, die nicht so gutgläubig ist wie ich und nicht ertragen konnte, dass ich dabei war, einen in ihren Augen riesigen Fehler zu machen. Jedenfalls suchte sie so lange im Internet herum, bis sie einen Artikel aus Österreich fand, in dem vor einer besonderen Betrugsmasche gewarnt wurde. Nämlich genau dies: man inseriert eine Wohnung, die nicht existiert, kassiert 600,- EUR Kaution für die vermeintliche Schlüsselübergabe und wird nicht mehr gesehen. Das Geld ist dann natürlich futsch. Diesen Artikel hat sie mir geschickt.

Da musste ich wohl oder übel die Augen aufmachen.

Die Sache kam dann ganz schnell zu einem Ende übrigens. Ich habe sofort nach Italien geschrieben, dass ich bitte erst einmal die Kopie des Kaufvertrages sehen wolle und auch eine Kopie des Personalausweises. Vorher würde ich kein Geld schicken. Das kam natürlich nicht. Statt dessen noch ein paar mal immer drängendere E-Mails. Ich habe „Gina“ oder wen-auch-immer dann einfach blockiert. Ich habe noch kurz überlegt, ob ich versuchen soll, sie irgendwo anzuzeigen, aber es war mir dann zu lästig und ich war ja auch mit der Wohnungssuche beschäftigt.

Diese irgendwie etwas peinliche Begebenheit hat nicht dazu geführt, dass ich meine Gutgläubigkeit generell aufgegeben habe. Aber ich habe dabei doch gelernt, dass ich versuchen sollte, genauer hinzusehen und Maßnahmen zu meinem Schutz zu ergreifen. Heute kann ich auch darüber lachen, wie sehr ich entschlossen bin, in anderen das Gute zu sehen.

Kennen Sie das auch? Wem sind Sie auf den Leim gegangen? Haben Sie schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bildnachweise:  Courtany auf Pixabay

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