Verkehrsnervös

Verkehrsnervös

Vor einigen Jahren hat einmal ein SAT 1-Team versucht, einen 2-minütigen Beitrag für das Fernsehen über Hochsensibilität zu drehen, mit mir als Hauptdarstellerin. Zu diesem Zweck sollte ich mich mitten auf einen der belebtesten und befahrensten Plätz meiner Heimatstadt stellen und gestresst aussehen.

Natürlich ist es äußerst schwierig, innere Prozesse visuell darzustellen (ich weiß auch nicht mehr, ob ich eigentlich gestresst aussah), aber trotzdem ist dieser Tag als Meilenstein in meinem Gedächtnis haften geblieben. Es war nämlich der Tag, an dem mir klar wurde, dass ich besonders

verkehrsnervös

bin. Dies ist das Wort, das ich dafür für mich gefunden habe. Ich stand auf einer Verkehrsinsel, mitten auf der Straße, wo die Bahnen halten, links und rechts floß der Autoverkehr vorbei. Es war sehr, sehr laut. Ich sah mich um.

  • Ich sah den flügellahmen Vogel im Rinnstein, der drohte von vorbeifahrenden Autos überrollt zu werden
  • Ich sah den Fahrradfahrer, der fast angefahren worden wäre
  • Ich sah das Auto, das aufgrund eines riskanten Überholmanövers im falschen Augenblick nur knap einem Unfall entging.
  • Ich sah einen Betrunkenen, der schwankend an der Ampel stand und bereit schien, in jedem Augenblick einen fatalen Schritt auf die Fahrbahn zu machen.

Alles in Sekundenbruchteilen.

Aber so geht es mir,

immer, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Offenbar habe ich ein sehr gesteigertes Bewusstsein für die Empfindlichkeit des Systems – solange alle fahren und alles glatt läuft, ist es gut. Aber eine kleine Unachtsamkeit im Straßenverkehr von Seiten eines am System Beteiligten kann das ganze System in Sekundenbruchteile lahmlegen. Draußen zu sein ist demzufolge ziemlich stressig für mich. Der Stress wächst proportional zur Größe, bzw. Breite der Straße. Ich glaube durchaus, dass es auch irgendetwas zu tun hat mit dem für

Verkehr kann bei Hochsensibilität ein Trauma seinviele hochsensiblen Menschen typischen Verhalten, 

die eigene Aufmerksamkeit mehr auf andere zu richten, als auf sich selbst zu achten. Aber es gibt noch andere Aspekte, die ebenfalls eine Rolle spielen.

Als Kind wuchs ich auf in einer der vielen Neubausiedlungen, die in den 60er Jahren überall gebaut wurden und wenige Jahre später entstand gleich neben dieser Siedlung die A565, ebenso wie 4 Auf- und Abfahrten zu dieser Autobahn. Sie alle kreuzten einen äußerst trostlosen Platz (der wegen der darüberhinwegführenden Autobahn A565 immer dunkel war), über den auch noch die Straßenbahn fuhr. An diesem Platz kam es häufig zu Unfällen. Ich erinnere mich an ein Kind, das den Versuch, den Platz zu überqueren nicht überlebte. Ich erinnere mich an eine verletzte Frau, deren Bild mich noch Wochen verfolgte.

Damals war das ja völlig anders als heute, wo ich

um meine Hochsensibilität und Empfindsamkeit weiß und das leben und verstehen kann.

Heute mache ich einen großen Bogen um Unfälle, wenn es möglich ist. Damals war das einfach nicht möglich. Es ist etwas passiert und alle sind hingerannt um zu gucken und niemandem wäre es eingefallen, die Kinder beiseite zu nehmen und sie am Gucken zu hindern … geschweige denn, dass es irgendeine Möglichkeit gegeben hätte, das ganze im Gespräch aufzuarbeiten (obwohl ich nicht glaube, dass so etwas möglich ist). Irgendwie haften diesen Erfahrungen jedoch etwas Traumatisches an – und das Schlimmste erzähle ich dir hier lieber gar nicht. Mittlerweile weiß ich ja, dass es sich hier tatsächlich Verkehrsunfall Trauma handelt, ganz egal, ob ich den Unfall tatsächlich beobachtet habe, in einen Unfall verwickelt war oder Unfallopfer gesehen habe – gerade die Bilder der Unfallopfer haben mich lange lange verfolgt. Es gibt sogar einige, die kann ich heute noch mühelos abrufen . Wichtig ist, dass ich den

Straßenverkehr als nicht sicher verinnerlicht

habe. Sicherheit wäre das letzte Wort, das mir zu Straßenverkehr einfiele (Das werde ich ganz bestimmt demnächst mal mit einem Coach beklopfen). Ich weiß nicht, ob es an diesen Erfahrungen lag oder an anderen Dingen, über die ich nichts weiß, jedenfalls entwickelte ich so eine krankhafte Furcht vor kranken und verletzten Menschen – was wiederum neuen Stress auslöste.

Einmal war ich auf einem Bürgersteig unterwegs, als zwei Autos auf der Straße daneben sehr laut ineinander krachten. Dann Stille. Schließlich öffnete sich die Tür des VWs und eine Frau, die im Gesicht blutete rief mir zu, ich solle die Polizei rufen. Und ich rief, ich wüsste nicht, wo hier ein Telefon ist (Das war, als es noch keine Handys gab) und lief einfach weg. Den Großteil meines Lebens habe ich mich für diese kleine Begebenheit in Grund und Boden geschämt. Mittlerweile habe ich jedoch ziemlich viel Mitgefühl für mein damaliges 13jähriges Selbst entwickelt. Natürlich wusste ich, dass es nicht in Ordnung war, einfach wegzulaufen, aber ich konnte gar nicht anders. Ich fühlte mich so überfordert mit dieser Situation, dass irgendein Teil von mir die Beine in die Hand genommen hat. Heute weiß ich: Ich hatte einen Schock. Heute weiß ich auch: Der Impuls weglaufen zu wollen, war ein guter  Impuls.

Vermutlich ist es nicht wirklich überraschend, dass ich den

Führerschein erst mit 40 gemacht

habe und die Jahre mit Fahrpraxis relativ kurz waren. Für mich ging hochsensibel sein nicht wirklich mit Autofahren zusammen. Obwohl mir das Autofahren Spaß machte, ist es mir doch nie gelungen, den Stress loszuwerden, den bestimmte Verkehrssituationen mit schöner Regelmäßigkeit in mir hervorriefen – heute habe ich den Stress beim Autofahren immer noch – als Beifahrerin. Zu den wirklich schlimmen Situationen, die ich als Teilnehmerin im Verkehr erlebt habe, gehört der Tag, als ich

eine Art von Panikattacke beim Fahren auf der Autobahn

erlitt und einfach nicht mehr wusste, was ich als nächstes tun sollte. Es war die reine Überforderung. Heute glaube ich stressbedingt. Nichtsdestotrotz habe ich das Autofahren relativ bald danach aufgegeben, ich fühlte mich einfach überfordert mit all den gleichzeitigen Handlungen, die Autofahren erfordert. Je älter ich werde, desto weniger vertrage ich überhaupt – aber ich glaube, das ist ganz normal. Jetzt bin ich schon gestresst, wenn ich mit dem Fahrrad gleichzeitig eine Steigung hinauffahren, links abbiegen und auch noch den Arm ausstrecken soll um mich verkehrskonform zu verhalten! Keine Ahnung, ob du als Leser:in hiermit etwas anfangen kannst. Dieser Artikel gärte schon seit Jahren in mir. Jetzt, wo ich am Ende angekommen bin, denke ich mir jedenfalls „Kein Wunder, dass ich diese Verkehrsnervosität habe!“ Es wäre eher komisch, wenn es anders wäre.

Ein kleines Update für das Jahr 2022: Mittlerweile habe ich mich ja ziemlich eingehend mit Trauma beschäftigt und lerne mit Trauma umzugehen. Und zwar mit dem ganzen Paket:

Hochsensibilität, belastende Kindheitserfahrungen, Entwicklungstrauma und Bindungstrauma.

Jetzt erst wird mir klar, dass auch diese traumatischen Erfahrungen im Vekehr damit zu tun haben, denn ich hatte nicht das Umfeld, diese Erfahrungen verarbeiten zu können. Dabei findet eine traumatische 2-Wege Befruchtung statt (oder sage ich mal, das triggert in beide Richtungen).

Im Zuge meiner Selbstbeobachtung ist mir aufgefallen, dass immer dann, wenn mich der Verkehr besonders nervös macht, ich mich in irgendeiner Form in einem traumatischen Zustand befinde, in dem irgendetwas in mir arbeitet … Seit ich das erkannt habe, komme ich etwas besser klar mit dem Verkehr.

Wie geht es dir in und mit dem Verkehr? Oder gibt es etwas anderes, das du zu fürchten gelernt hast aufgrund von belastenden Erfahrungen in der Kindheit? Wie immer freue ich mich über deine Kommentare.

Von Herzen,

Deine Monika Richrath 

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Schmerz lass nach!

Schmerz lass nach!

Eigentlich hatte ich nur eine ganz kleine Blogpause geplant, um wieder einmal tief durchzuatmen, schöne Dinge mit meiner Nichte zu unternehmen und meine Seele ein bisschen baumeln zu lassen. Leider ist dieser schöne Plan nicht so richtig aufgegangen, denn ich musste mich unerwartet sehr intensiv mit dem Thema Schmerz auseinandersetzen – dies war schlussendlich auch der Grund dafür, dass meine Blogpause sich dann sehr in die Länge gezogen hat …

Ein Zahn, genau gesagt, der Zahn Nr. 12,  hat mein aktuelles Schmerzdebakel ausgelöst. Eigentlich ist Nr. 12 schon lange tot. Und weil ich immer wieder mit den Zähnen zu tun habe und mein Zahnfleisch sich in einem chronisch schlechten Zustand befindet, hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich merkte, dass ich es diesmal nicht mit der üblichen Zahnfleischentzündung zu tun hatte, sondern viel mehr im Busch ist …

Beim Zahnarzt stehe ich mit meiner Hochsensibilität besonders auf Kriegsfuß

(Dazu habe ich schon verschiedene Beiträge veröffentlicht.)

Es beginnt damit, dass ich Schmerzen wahrnehme, wenn noch gar nichts zu sehen ist (häufig muss ich tatsächlich mehrmals zum Arzt, bis die Ursache erkannt werden kann)

Die Spritzen tun mir so weh, dass im Grunde genommen nach der Spritze schon alles gelaufen ist, weil ich mich so anstrengen muss, nicht zu weinen und „groß, stark und erwachsen“ zu bleiben, dass ich dann schon in einem emotionalen Ausnahmezustand bin.

Mir ist erst vor kurzem klargeworden, dass alle Arten von Zahnarztbesuchen vermutlich bei mir verschiedene Erlebnisse von Polypenoperationen als Kind triggern (ich nehme an, wegen der weißen Kittel und der Instrumente). Vielleicht ist das der Auslöser einer großen Zahnarzt-Angst, von der ich mich in meinen frühen Erwachsenenjahren habe verleiten lassen, jeglichen Zahnartztbesuch für den unglaublichen Zeitraum von zehn Jahren überhaupt zu meiden. Was dann wiederum dazu geführt hat, dass ich heute mindestens alle 3 Monate zum Zahnarzt gehen muss … und wenn ich das nicht tue, rächt sich das auf jeden Fall. Zum Zahnarzt zu gehen, bedeutet für mich einen Megastress.

Danach bin ich immer völlig fertig und geschafft

und muss mir was Schönes gönnen, wenn ich dann wieder essen darf (zum Glück dauert das heute ja nicht mehr so lange wie früher!). Zumindest habe ich dann die Gewissheit, dass es eine ganze Weile dauern wird, bis ich wieder hin muss.

Diesmal war es leider anders. Mein Zahnfleisch blies sich auf und entwickelte sich zu einer Megaentzündung –  ich erspare Ihnen die hässlichen Einzelheiten – jedenfalls musste ich alle paar Tage hin und hatte sogar schon die private Telefonnummer meiner Ärztin für den Fall, dass ein Notfall am Wochenende einträte … Zum Glück kam es nicht so weit. Das Antibiotikum schlug allerdings nur sehr zögerlich an und wenn es eine Sache gab, die mir in dieser Zeit wirklich half, dann waren es die Endorphine, die ich zu diesem Zeitpunkt aus anderen Gründen eingenommen habe. Zuguterletzt hat sich dann herausgestellt, dass ich eine große Zyste an der Zahnwurzel habe, die operiert werden muss. Und es gab dann noch einmal einen Schreck, als ich erfuhr, dass es nur eine 50%ige Erfolgschance gibt …Dummerweise musste ich mich AN ORT UND STELLE ENTSCHEIDEN. Und wie viele andere hochsensible Menschen auch, habe ich ein echtes Problem mit schnellen Entscheidungen. Also habe ich mich für die Lösung mit dem (wie mir schien) geringsten Aufwand entschieden. Erstmal Zyste raus und auf Heilung hoffen.

Ich habe meine Zahn-OP ordentlich vorher beklopft, was mir auch geholfen hat – immerhin bin ich nach der OP vollkommen ohne Schmerzmittel ausgekommen!

Das hat mich auf die Idee gebracht, mich einmal näher mit dem Thema Schmerz zu beschäftigen. Ich habe mich gefragt, ob hochsensible Menschen vielleicht mehr Schmerzrezeptoren haben als andere, weniger empfindliche Menschen?

Schmerz wird definiert als ein unangenehmes, vielleicht auch heftiges Sinneserlebnis, das mit Gewebeschäden verbunden sein kann, aber nicht zwangsläufig verbunden sein muss. Die tatsächliche Funktion von Schmerz ist es, uns zu warnen und darauf aufmerksam zu machen, dass uns evtl. eine solche Gewebeschädigung bevorsteht. Schmerzwahrnehmung wird als

Nozizeption

bezeichnet und ist, wie andere Wahrnehmungsfähigkeiten auch, vollkommen individuell. Die Schmerzrezeptoren werden dementsprechend Nozizeptoren genannt. Rund 3 Millionen davon soll unser Körper besitzen. Dabei handelt es sich um die verzweigten Enden von Nervenfasern, die in allen schmerzempfindlichen Geweben unseres Körpers vorkommen. Sie reagieren empfindlich auf Dehnung, Druck oder Temperatur. Der so aufgenommene Reiz wird in ein elektrisches Signal umgewandelt und über spezielle Nervenfasern an das Nervensystem im Rückenmark gesendet (dabei sind bestimmte Nervenfasern für bestimmte Schmerzformen zuständig). Von dort aus werden die Schmerzsignale dann ins Gehirn geschickt, um uns zur Handlung zu bewegen.

Die Antwort auf die Frage, ob hochsensible Menschen vielleicht mehr Schmerzrezeptoren haben als andere muss ich leider schuldig bleiben. Aber wenn wir uns vor Augen halten, dass Hochsensibilität erwiesenermaßen mit einer intensiveren Verarbeitung der Sinneseindrücke einhergeht, reicht das fürs erste vielleicht schon. Ob es nun daran liegt, dass wir mehr Schmerzrezeptoren haben oder uns vielleicht bestimmte Neurotransmitter im Gehirnstoffwechsel fehlen, die für die Verarbeitung von Schmerzreizen benötigt werden oder noch etwas ganz anderes wird hoffentlich noch jemand in diesem Leben erforschen … Sicher ist:

Die Schmerzwahrnehmung ist nie ganz gleich,

was nicht nur mit unterschiedlichen Tageszeiten zu tun hat, sondern auch individuellen Befindlichkeiten, bzw. mit der Gefühlsverarbeitung, die ebenfalls am Schmerzgeschehen beteiligt ist.

Besonders tragisch wird es,

wenn der Schmerz chronisch wird,

obwohl der ursprüngliche Schmerz schon lange nicht mehr besteht. Menschen mit Fibromyalgie wissen jedenfalls ein Lied davon zu singen. Für chronischen Schmerz kommen offenbar jeweils unterschiedliche Ursachen in Betracht.

Bei Fibromyalgie geht man z. B. davon aus, dass die Nervenenden geschädigt wurden. Beim Reizdarmsyzndrom hingegen haben Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Menschen mit einem Reizdarm über mehr Schmerzrezeptoren im Dickdarmggewebe verfügen als andere … man kann offenbar also mehr Schmerzrezeptoren verfügen …

Meine Zahngeschichte ist noch nicht zuende

leider, leider. Die Zyste wurde operiert und eine Woche lang habe ich mich super gefühlt. Nach einer Woche war es vorbei, der Zahn beginnt wieder zu pochen und zu drücken und ich denke, der will doch raus. Mist. Hätte ich mich doch besser anders entschieden. Am Sonntagmorgen, wo ich den letzten Absatz dieses Artikels schreibe, sitze ich hier, während mein Zahn weiter sanft vor sich hin pocht. Der Chirurg hat sich glattweg geweigert, ihn zu ziehen („Wieso? Sieht doch alles super aus. Sie müssen Geduld haben.“) Meine Zahnärztin ist jetzt im Urlaub und mir bleibt nichts, als darauf zu warten, dass sie wiederkommt, ohne die Gewissheit zu haben, dass es mir gelingen wird, sie davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, mir den Zahn zu ziehen … Vielleicht beschäftige ich mich in der Zwischenzeit einmal mit dem Thema holistische Zahngesundheit …

Was für Erfahrungen machen Sie mit Ihren hochsensiblen Zähnen? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

 

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Ich kann einfach nicht NEIN sagen

Ich kann einfach nicht NEIN sagen

Ganz vorsichtig und sacht umrundet sie unsere kleine Gruppe, bleibt immer wieder prüfend stehen, spürt und horcht, schüttelt dann den Kopf und nimmt die Runde wieder auf. Wenn sie an mir vorbeikommt, schließe ich die Augen, um mich nur ja nicht durch ein Grinsen zu verraten, das sich irgendwie auf meinem Gesicht ausbreiten will oder eine andere Reaktion, die sie in die Irre führen könnte. Sie bleibt schließlich stehen. „Hier?“ und zeigt auf eine Stelle zwischen zwei anderen TeilnehmerInnen.

Wir befinden uns gerade in einem meiner Seminare, wo es tradtionell am Morgen des zweiten Tages zum Einstieg eine Übung gibt, die „Tor der Liebe“ heißt. Es ist eine äußerst spannende Wahrnehmungsübung, die von jeder Gruppe unterschiedlich aufgenommen wird und immer wieder neue Erkenntnisse hervorbringt.

Die Person, die ihre Wahrnehmungsfähigkeiten ausprobieren möchte, entfernt sich von der Gruppe. Ihre Aufgabe wird es sein, herauszufinden, an welcher Stelle der Kreis durchlässig ist – wo sich das Tor der Liebe befindet – ohne dabei mit den anderen TeilnehmerInnen zu sprechen. Diese stehen in einem Kreis mit dem Gesicht nach außen und verabreden, welche beiden nebeneinanderstehenden Personen das Tor der Liebe sein möchten. Diese beiden denken das Wort JA, während die Person die Gruppe umkreist. Alle anderen denken das Wort NEIN.

Es ist unglaublich spannend, was dann passiert

selbst, wenn man nicht die Person ist, die die Gruppe umkreist. Jede hat einen anderen Ansatz.  Es gibt immer wieder TeilnehmerInnen, die es gleich auf Anhieb schaffen.  Andere verlassen sich nicht auf ihr Bauchgefühl, sondern suchen die Antwort in den Gesichtern. Wieder andere spüren die richtige Antwort und trauen ihrer Wahrnehmung nicht. Kürzlich kam sogar eine Teilnehmerin auf die Idee, es kinesiologisch auszutesten (mit Erfolg!) Ich selbst habe es übrigens noch niemals geschafft, das Tor der Liebe zu finden, weil ich mich immer durch andere  Emotionen ablenken lasse, die vage bei mir ankommen und die ich nicht einordnen kann. Neulich hat jedoch eine Teilnehmerin in einem Seminar eine (für mein Empfinden) bahnbrechende Bemerkung gemacht. Sie sagte

„Es fällt mir so schwer, nein zu sagen

– wie soll die andere das wirklich wahrnehmen können?“ Und ich merkte, dass es mir genauso ging. Ich versuche mir  das NEIN bildlich vorzustellen, in Großbuchstaben und Fettdruck, aber ich merkte selbst, dass überhaupt keine Energie dahinter war, mein NEIN war ganz kraftlos, eher wie ein zartes Flüstern als eine mit Nachdruck vorgebrachte Äußerung.

Das war wie eine Erschütterung

denn mir wurde klar, dass, wenn es mir schon nicht gelang in einem spielerischen Kontext ein kräftiges NEIN zu produzieren, es in meinem realen Leben noch viel weniger der Fall sein würde. Und dass dies vielleicht der Grund dafür ist, warum es mir einfach nicht gelingen will, andere Menschen davon abzuhalten, bestimmte Dinge zu tun.

Früher war es sogar noch schlimmer.

Da war mir zwar bewusst, dass es Dinge gab, die mir nicht gut taten, aber ich hatte so wenig Selbstbewusstsein, dass es ausgeschlossen schien, mich entschieden zur Wehr zu setzen und für mich selbst und meine Belange einzutreten. Ich glaubte, wenn ich dies täte, würde sich die betreffende Person von mir abwenden und für immer verschmähen. Und das erschien mir schier UN-ER-TRÄG-LICH! Dies war also etwas, was es um jeden Preis zu vermeiden galt. Also sagte ich anderen nie, was mir nicht passte und was ich nicht wollte. Das Ergebnis war natürlich, dass ich dann irgendwann so voller Groll steckte (denn ich bin darüberhinaus auch sehr nachtragend), dass ich von mir aus die Beziehung kappte. So kann man natürlich auch durchs Leben gehen.

Aber an mir nagte doch das Bewusstsein, für andere kein gleichwertiger Partner zu sein, jemand, dem man auf Augenhöhe begegnet, sondern immer unterlegen – die Verbindung zu

„minderwertig“

kommt mir da ganz automatisch. Zu all den anderen gemischten Gefühlen gesellte sich dann auch noch Neid auf die anderen (die das konnten, was ich nicht konnte) und Scham über die eigene Unfähigkeit, ganz abgesehen von dem Stress, der sich aus der Situation ergibt.

Ich wusste natürlich lange Zeit nicht, dass die Unfähigkeit NEIN zu sagen, etwas ist, was häufig mit Hochsensibilität verbunden ist, da das häufig seit frühester Kindheit empfundene Gefühl des Andersseins viele hochsensible Menschen dazu verleitet, sich an ihre erwachsenen Bezugspersonen und deren Werte anzupassen. Als Kinder haben wir ja keine andere Wahl. Als Kind muss es für uns bedrohlich sein, wenn wir das Gefühl haben, dass wir

für unsere Empfindlichkeit abgelehnt werden

– in einem Alter, wo wir Zuspruch und Ermutigung brauchen, um psychisch gut gedeihen zu können. Es erscheint nur logisch, dass viele HSP die Überlebensstrategie entwickeln, möglichst nichts zu tun, was ihre Bezugspersonen gegen sich aufbringen könnte. So verlernten wir häufig schon von klein auf, unsere eigenen Interessen mit Nachdruck zu vertreten.

Gottseidank kann man diese Überlebensstrategie auch wieder verlernen, selbst, wenn es einige Zeit und Mühe braucht. Das geht nicht so über Nacht.

Ich selbst weiß auch erst seit ein paar Jahren, wie toll es sich anfühlen kann, laut zu sagen

„ICH WILL DAS NICHT!“

Der Weg dorthin war ganz schön steinig – und ganz sicher bin ich immer noch nicht am Ende angelangt! Es könnte auf jeden Fall schon einmal helfen, das NEIN-Sagen zu klopfen. Durch die Klopfakupressur merken Sie schneller (auf unaufgeregte Weise) was Sie eigentlich wollen und können es auch eher aussprechen.

Ich habe schon öfter den Einwand gehört, dass Beziehungen sich durch das Klopfen verschlechtern können. Das kann natürlich vorkommen, denn es kann ja sein, dass andere Menschen Sie vorher überhaupt nicht richtig für voll genommen haben, weil Sie sich  nicht gewehrt haben. Wenn Sie beginnen, sich zu wehren, sind andere oftmals erst einmal verdutzt, weil Sie sich anders verhalten als gewohnt. Aber das ist an sich ja nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Sie begeben sich jetzt auf Augenhöhe und das ist wunderbar für das Selbstbewusstsein. Sie sind jetzt eben nicht mehr bequem. Sie sind jetzt jemand, mit dem man rechnen muss. Vor allem sind Sie ein gleichwertiger Partner, dessen Bedürfnisse genauso viel gelten wie die des anderen.

Es kann auch vorkommen, dass sich Ihre Beziehungen dadurch verbessern, dass Sie Ihre Bedürfnisse besser kommunizieren. Vielleicht stößt das bei Ihrem Gegenüber auf Erleichterung … man kann es nicht wissen.

Sicher ist jedenfalls, dass es für unsere Selbstwerdung wichtig ist, uns auszudrücken, anderen unsere Wünsche und Bedürfnisse mitzuteilen. Auch unser Selbstbewusstsein und unsere Selbstachtung werden dadurch unglaublich gepusht – außerdem können sich dadurch eine Vielzahl ungeahnter Nebeneffekte ergeben, z. B. im Berufsleben, im Freundeskreis usw. Darum wäre dies ein Thema, das anzugehen sich für hochsensible Menschen immer lohnt …

Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bildquelle: Pixabay

Was Freundschaft für mich bedeutet

Was Freundschaft für mich bedeutet

Ich glaube nicht, dass es einfach nur ein Klischee ist, dass die meisten hochsensiblen Menschen eher wenig Freunde haben. Das habe ich nun einfach so dahingeschrieben, aber schon drängen sich mir jede Menge Fragen auf. Was ist ein Freund oder eine Freundin? Es mag stimmen für die überwiegend introvertierten Hochsensiblen, die sich nicht so gerne in größeren Menschengruppen aufhalten, weil dies schnell zu Überforderung und Stress führt. Aber was ist mit den extravertierten Hochsensiblen? Vielleicht ist auch die Annahme mit den Freunden falsch, vielleicht geht es eher um gute Freunde als Freunde an sich …

Was macht einen guten Freund aus?

Diese Frage wird jedeR sicherlich anders beantworten. Ich glaube aber, dass meine Hochsensibilität da wirklich maßgeblich mitbestimmt.  Jemand, mit dem ich nicht reden kann, kann nie ein Freund werden. Für mich ist ein guter Freund (tatsächlich habe ich eher gute Freundinnen) jemand, mit dem ich über alles reden kann, jemand, zu dem die Verbindung nie abreißt, auch wenn sie manchmal sehr dünn wird, jemand, der sehr viel von mir weiß und jemand, von dem ich sehr viel weiß.

Tatsächlich kann ich meine guten Freundinnen an einer Hand abzählen

Darüber hinaus sind meine wenigen Freundinnen über das ganze Land zerstreut und sind eher Fern-Freundschaften. Das finde ich total schade, aber so ist es eben. Freundschaften entwickeln sich, oder eben nicht, oder verlassen ein gewisses Stadium nie.

Freundschaften sind für mich eigentlich Liebesbeziehungen

ohne Sexualität und mit einem anderen Vorzeichen. Es gibt ja diesen Spruch „Ein Freund ist jemand, der dich kennt und dich trotzdem liebt.“ Das „trotzdem“ darin hat mich immer schon gestört. Für mich haben Freundschaften Liebesbeziehungen gegenüber den Vorteil, dass das Wissen über den anderen einfach anders bewahrt und nicht eingesetzt wird um die Freundschaft zu verändern. Jedenfalls ist es so bei meinen Freundschaften. Vermutlich habe ich in Sachen Freundschaften ziemlich hohe „Qualitätsansprüche“ …

Vertrauen

Einer Freundin muss ich vertrauen können und zwar bedingungslos. Ich bin in dieser Hinsicht ziemlich geschädigt.

Ich war ein total einsames Kind

trotz meiner vier Geschwister. Bestimmt habe ich in irgendeinem Artikel schon erwähnt, dass ich an einer geradezu pathologischen Schüchternheit litt und es sich  für mich wahnsinnig schwierig bis unmöglich gestaltete, mit anderen Kindern außerhalb meiner Familie in Kontakt zu treten. Ich glaubte nicht, dass mich irgendjemand interessant finden könnte und gerne mit mir zusammen wäre.

Es gab natürlich immer wieder Ausnahmen

Im zweiten Schuljahr hatte ich einen ganz entzückenden Freund namens Alvaro. Wir haben uns sogar geküsst, aber wieso und warum dass dann vorbei war, daran erinnere ich mich nicht mehr. Danach kam dann sehr lange Zeit niemand mehr. Im Wesentlichen ging ich meine ganze Kindheit hindurch

Zweckgemeinschaften

mit anderen Menschen ein. Keine Spur von Zuneigung, auf beiden Seiten nicht. Wenn ich mir das so recht überlege, waren es häufiger Kinder, die aus dem Klassengefüge herausfielen, dort auch keinen rechten Platz hatten. Häufig wuchsen sie in wesentlich mehr Wohlstand auf als ich und ich genoss das sehr, bei anderen Menschen zu sein, wo man fühlen konnte, dass es mehr Geld gab. Wo man an einem ganz normalen Wochentag nachmittags Rosinenstullen bekam (den gab es bei uns nur an Festtagen). Wo man fernsehen konnte – ganz ganz große Motivation für mich …

Leider nahm es oft ein schlechtes Ende

Sobald die Mütter (Väter kamen in unserem Alltag meistens nichts vor) mitbekamen, dass ich aus ganz anderen wirtschaftlichen Verhältnissen kam, kamen sie auf die Idee, mir Strumpfhosen zu schenken. Gebrauchte natürlich. Ich habe mich natürlich artig bedankt (ich wusste, was sich gehört), aber das war dann meistens auch der Beginn des Anfangs vom Ende. Rosinenbrote in der Woche und Fernsehgucken war ok, Almosen nicht.

Meiner sozialen Defizite war ich mir nur zu deutlich bewusst

In jeder, wirklich jeder Klasse, die ich besucht habe (aber ich nehme an, das wird auch in den Klassen heute noch so sein), gab es einen Kern wirklich beliebter Kinder. 3–4 Mädchen (meistens blond), in die sich alle Jungen verliebten und 3–4 Jungen, in die sich alle Mädchen verliebten. Die Alpha-Mädchen und die Alpha-Jungen. Die Mädchen spielten in der Pause Vater-Mutter-Kind. Neidisch und sehr eifersüchtig schielte ich auf diese Gruppe, während ich bei den Eisenbahnfahrern mitmachte. Das totlangweiligste Spiel, das Sie sich nur vorstellen konnten: wir verbrachten die gesamte Pause damit, eine imaginäre Bahnstrecke zurückzulegen, zu tuten oder die Bremse zu ziehen – ich könnte weinen, wenn ich heute nur daran denke. Denn das fühlte sich total danach ein, ein LOSER zu sein (obwohl ich das Wort damals natürlich noch nicht kannte). Die Alternative dazu wäre gewesen, wirklich für alle deutlich sichtbar alleine herumzustehen, das hatte ich schon probiert. Den Eisenbahnfahrern hatte ich mich aus purer Verzweifelung angeschlossen, aber mir war selbst klar, dass ich mich schämte, für alle sichtbar allein zu sein.

Der Wechsel aufs Gmynasium brachte eine Veränderung

Tatsächlich bekam ich eine Freundin. Jemand aus meiner Grundschulklasse kam auf das gleiche Gymnasium wie ich und weil wir uns schon kannten, setzten wir uns zusammen in eine Bank. Das war der Beginn einer großartigen Zeit. Zum ersten Mal hatte ich eine richtige Freundin! Ich verbrachte viel Zeit mit K. Wir schafften uns sogar identische T-Shirts an mit unseren Namen drauf. Wir verstanden uns ziemlich gut, interessierten uns beide für Bücher, Filme und Musik … bis irgendwas passierte. Ich habe keine Ahnung mehr, was es war. Irgendwann zogen wir einen Strich auf der Mitte des Pultes und wehe, eine kam mit dem Ellenbogen drüber, dann gab es Krach … In der nächsten Klasse saßen wir dann nicht mehr zusammen in einer Bank.

Alles wie gehabt

Jetzt war ich wieder allein. K. hatte ganz schnell eine neue Freundin, G., die dann mit ihr in der Bank saß. Ich weiß nicht mehr, wer mein Banknachbar war. Ich erinnere mich an eine kurze Verbundenheit mit einem Mädchen, die aufhörte, als die Mutter des Mädchens tot aufgefunden wurde. Hat sie die Schule gewechselt? Ich weiß bloß, dass ich in den Pausen wieder alleine war. Kurzfristig habe ich es noch einmal mit Eisenbahnfahren probiert, es aber gleich wieder aufgegeben, das war zu doof.

Allmählich änderten sich die Dinge

Ich habe mich oft geärgert, dass ich mich mit K. verkracht hatte. G. und sie passten überhaupt nicht zusammen. Ich weiß gar nicht, wann und wo die Wende eingeläutet wurde, ich schaffte es im Laufe der Zeit doch, mir einen Platz im Klassengefüge zu schaffen und ich hatte sogar die ein oder andere Freundin. Mädchen, die auf mich zukamen und mit mir befreundet sein wollten. Aber es stellte sich dann jedesmal heraus, dass es einen Zusammenhang hatte mit meinem nahenden Geburtstag, zu dem die betreffende eingeladen zu werden hoffte. War der Geburtstag vorbei, dann wandte sich diese Freundin dem Mädchen zu, das als nächstes Geburtstag haben würde. Ganz schön traurig, könnte ich heute sagen. Damals war ich nur verstört. Ich begriff einfach nicht, wieso ich gestern noch die beste Freundin von jemand gewesen war und heute nur noch die zweitbeste, obwohl ich gar nichts gesagt oder getan hatte um so degradiert zu werden.

Das hat in mir ein ziemliches Misstrauen gesät

das auch heute noch dann und wann mal wieder aufpoppt und Stress verursacht … Es ist ein bisschen kurios, dass mir das vorhin nicht eingefallen ist. Aber natürlich ist ein Freund jemand,

dem ich vertrauen kann und für den ich alles tun würde

Puh, alle möglichen Gefühlszustände haben mich durchlaufen, während ich über die Geschichten meiner Freundschaften nachgedacht habe. K. habe ich übrigens zurückerobert, mit sehr, sehr viel Geduld und dem Wissen, dass wir viel besser zueinander passten als K. und G. Und wir waren richtig lange befreundet, mindestens zwanzig Jahre lang.

Leider nahm es aber auch ein schlechtes Ende mit uns

Nachdem wir unglaublich lange Zeit durch dick und dünn gegangen sind, hatte ich mehr und mehr den Eindruck, für K. nur noch ein Teil der Clique zu sein, die sie gerne um sich scharte. Ich fühlte mich nicht mehr gesehen und zunehmend unwohl. Und irgendwann habe ich die Freundschaft dann richtig beendet. Dieses Schicksal haben auch andere Freundschaften erlitten. Dass eine Freundschaft sich einfach so verliert, kenne ich kaum. Aber ich finde das ist ok so.

Freundschaften haben einen sehr hohen Stellenwert für mich

und ich finde es gut, sie zu beenden, wenn es einfach nicht mehr passt (genauso, wie man eine Liebesbeziehung beendet, die nicht mehr passt). Ich habe schon öfter gelesen, dass hochsensible Menschen dazu tendieren, mehr in Beziehungen zu sehen als ihr Gegenüber, bzw. der- oder diejenige zu sein, die die Beziehung am Laufen hält. Für mich stimmt das ganz definitiv.

Was haben Sie für Erfahrungen mit Freundschaften? Wie viele Freunde haben Sie? Was machen Sie, wenn die Chemie nicht mehr stimmt? Wie immer freue ich mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen.
Herzlichst,

Ihre Monika Richrath

7 Unterschiede – Traumatisierung oder Hochsensibilität

7 Unterschiede – Traumatisierung oder Hochsensibilität

Es gibt zwei Arten der Hochsensibilität …

  • Die eine ist genetisch bedingt und angeboren. Die „echte Hochsensibilität“. Diese ist nicht ablegbar genau wie die Augenfarbe.
  • Die zweite entsteht durch Traumatisierung. Die erhöhte Sinneswahrnehmung und auch der Hang zur Überreizung gehen zurück, wenn das Trauma verarbeitet ist.

Eine These, die zurzeit im Internet grassiert, besagt, die Hochsensibilität sei immer auf ein Trauma zurückzuführen ist. Einige meiner Seminarteilnehmer sind dadurch sehr verunsichert und suchen nach einem Trauma, wo eventuell gar keins ist.

Gleichzeitig ist diese These, wenn man sich genau mit Hochsensibilität auseinandergesetzt hat genauso nahe liegend – aber falsch. Warum? In vielen Aspekten haben die Hochsensibilität und die Auswirkungen von Traumatisierungen das gleiche Gesicht.

Das Modell des Stresstoleranzfensters erklärt die Zusammenhänge

Jeder Mensch hat eine emotionale Komfortzone. Wie groß diese Komfortzone ist, hängt zu einem großen Teil von unserer Fähigkeit der Selbstregulation ab. Also davon, wie gut wir mit Über- oder Unterstimulation umgehen können. Schaffen wir es nicht, uns bei Überstimulation zu regulieren, läuft unsere Hormonproduktion auf Hochtouren und unser Körper reagiert mit Flucht oder Kampfimpulsen.

Beispiel: Wenn ich im Winter dick angezogen in ein Kaufhaus gehe, wird es mir sehr schnell unerträglich warm. Einfach die dicken Sachen ausziehen, ist nicht immer möglich, wenn ich schon einiges an Taschen trage. Ich fange an zu schwitzen, es fängt überall an zu jucken und meine Kleidung fühlt sich tonnenschwer an. Da ich in diesem Geschäft unbedingt etwas besorgen will, bleibt mir im Moment nur, die Situation auszuhalten. Ich habe also subjektiv nicht die Möglichkeit mein Unbehagen zu regulieren. Es dauert keine 5 Minuten und meine Adrenalinproduktion ist in Gang gesetzt. Da ich mir die Flucht verwehrt habe, komme ich in den Kampfimpuls. Besser, wenn man mir dann nicht in die Quere kommt.

In diesem Moment ist meine Komfortzone überschritten und ich rase in die Übererregung. Komme ich dann wieder in angenehmere Gefilde dauert es ungefähr 5 Minuten, und ich habe mich akklimatisiert. Nach meiner Erfahrung benötigt ein traumatisierter Mensch wesentlich länger um sich zu beruhigen.

Hochsensible haben genetisch bedingt ein schmaleres Stresstoleranzfenster, damit sie schneller auf Reize reagieren können. Dies dient zur Erhaltung der Art und findet sich auch bei allen höheren Säugetieren. Auch bei Ihnen sind, wie beim Menschen, ca. 20 Prozent hochsensibel.

Auch traumatisierte Menschen haben ein schmaleres Stresstoleranzfenster und gelangen leicht in die in die Über- oder Untererregung. Gleichzeitig gibt es große Unterschiede zwischen „reinen“ Hochsensiblen und traumatisierten Menschen. Selbstverständlich kann auch ein hochsensibler Mensch traumatisiert sein. In vielen Fällen ist das so. Dazu später mehr.

Es ist immens wichtig als Therapeut beides unterscheiden zu können, da der (reine) Hochsensible und der traumatisierte Mensch ein anderes therapeutisches Vorgehen benötigen. Hier kann Unwissenheit viel Schaden anrichten.

Ich habe 2007 meine erste Trauma Ausbildung gemacht. Seitdem habe ich mich sehr intensiv mit Trauma und Hochsensibilität auseinandergesetzt. Folgende Unterschiede resultieren aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen.

 

Traumatisierte Menschen:

 

Hochsensible Menschen:

sind oftmals permanent in Bewegung. Sie tun alles, um nicht zur Ruhe zu kommen, da das für sie ein unangenehmer Zustand ist. Häufig werden sie im Urlaub krank, weil der Organismus dann kollabiert und er von der Übererregung in die Untererregung rauscht. suchen die Ruhe. Sie brauchen Zeit, gerne auch allein, ohne Input. Diese Zeiten genießen sie. Wenn sie diese Zeiten nicht bekommen, fühlen sie sich unbehaglich. Durch „Auszeiten“ kommen sie wieder in ihre Kraft.
haben eher eine egozentrische Empathie, die darauf abscannt, ob Gefahr droht. Das hält andere eher auf Distanz. haben „echte“ Empathie, durch die sich andere gesehen und verstanden fühlen.
haben oft wenig bis gar kein Körpergefühl. Sie können Köperempfindungen nur schwer wahrnehmen und benennen. haben ein extrem gutes Körpergefühl. Sie haben ein ausgeprägtes körperliches Frühwarnsystem. Hochsensible Frauen können oft Ihren Eisprung spüren und viele schildern, dass sie den Zeitpunkt der Eiverschmelzung gespürt haben und wussten, dass sie nun schwanger sind. Sie nehmen sehr differenziert Empfindungen wahr und können diese auch benennen.
neigen zur Selbstmedikation zur Beruhigung; zum Beispiel durch Alkohol oder Medikamente. tendieren eher dazu, sogar ärztlich verschriebene Medikamente nicht zu nehmen und trinken häufig gar keinen oder nur wenig Alkohol.
fühlen sich häufig allein (zum Teil auch in Gesellschaft) mit einem Gefühl der Einsamkeit. sind gerne allein, weil sie dann besser zu sich kommen.
nehmen ihr “Bauchgefühl“ nicht wahr. nehmen ihr Bauchgefühl wahr, aber leider nicht immer ernst.
Wenn Sie noch mehr Unterscheidungsmerkmale wissen möchten klicken Sie hier:

 

Das waren nur einige der Merkmale, woran man Hochsensibilität und Trauma unterscheiden kann. In den Situationen, in denen die Komfortzohne verlassen wird, sind die Reaktionen identisch.

Die Hochsensibilität führt dazu, dass das Stresstoleranzfenster schneller verlassen wird als bei Normalsensiblen. Das ist mit den Auswirkungen einer Traumatisierung deckungsgleich.

In über 200 Seminaren zur Hochsensibilität wiederholte sich die grundlegende Teilnehmerstruktur immer wieder.
Ein Teil der Teilnehmer sind Hochsensible, die einfach Interesse daran haben mehr über sich zu erfahren (auch eine typische Eigenschaft der Hochsensiblen). Außerdem möchten Sie einige Dinge in ihrem Leben optimieren. Sie sind mit ihrem Leben und ihrem Sein generell zu frieden.

Ein Teil hat Schwierigkeiten mit einigen Herausforderungen, die die Hochsensibilität bietet, führen aber generell ein befriedigendes, glückliches Leben.

Und ein Teil leidet sehr stark unter der Hochsensibilität. Bei diesen Menschen ist eine Traumatisierung sehr wahrscheinlich. In dieser Gruppe finden sich Hochsensible und Normalsensible, die Ihre Trauma-Auswirkungen fälschlich als Hochsensibilität interpretieren oder von anderen diese Interpretation erhalten haben.

Was genau ist ein Trauma?

Es gibt verschiedene Arten von Trauma. Auf zwei gehe ich hier näher ein.

Das Schocktrauma

ist das allgemein geläufige Trauma. Hier gab es eine einmalige Situation, zum Beispiel einen Unfall als Auslöser.

Die Negativerfahrung ist im Gehirn gespeichert. Unser Organismus möchte uns nun vor weiteren Erfahrungen dieser Art schützen und geht hormonell auf „Hab-Acht-Stellung“. Die Folge ist eine innere Wachheit, die sich häufig in Unruhe und Anspannung, und eine erhöhte Reaktion auf Sinnesreize zeigt. Gibt es dann später einen Reiz, der an diese Situation erinnert (Trigger), werden wir emotional aus dem Stresstoleranzfenster geschleudert und reagieren mit heftigen Angriff/Flucht-Reaktionen (Der Sympathikus wird aktiviert. Das Stresstoleranzfenster wird überschritten) oder wir kollabieren (Der Parasympathikus wird aktiviert, wir gehen nervlich unter das Stresstoleranzfenster).

Nach der Verarbeitung des Traumas gehen die Betroffenen wieder auf ihr ursprüngliches Erregungs- und Sinneswahrnehmungsniveau zurück.

Das Entwicklungstrauma oder auch Komplextrauma

Hier ist der Betroffene wiederholt durch toxischen Stress überfordert. Das Vorderhirn und der Hippocampus schalten sich ab und wir reagieren instinktiv mit archaischen Verteidigungsreaktionen. Das Entwicklungstrauma konkretisiert eigentlich den Begriff des Komplextraumas, da es sich speziell auf unsere Erfahrungen im frühen Kindesalter bezieht.

  • Wie werden wir erzogen?
  • Was prägt uns in dieser Zeit?
  • Wie ist die Bindung zu den Bezugspersonen?

Gerade wenn wir im ersten Lebensjahr mit ständigen negativen Erfahrungen aufwachsen, erleben wir das als toxischen Stress. Dieser Stress hat in der Regel ein Entwicklungstrauma zur Folge.

Toxischer Stress kann entstehen durch:

  • Gewalterfahrungen, psychischer und physischer Art.
  • Überbehütung
  • Erziehung zur Angst (die Welt da draußen ist schlecht, nur hier bist du sicher)
  • Zwanghaftes Umfeld
  • Sehr rigide Erziehung
  • Verwahrlosung
  • Permanente Grenzüberschreitung
  • Fehlendes Spiegeln der kindlichen Wahrnehmung und der kindlichen Gefühle
  • Keine Unterstützung der Stressregulation durch die Eltern (z.B. das Baby schreien lassen)
  • Fehlender Kontakt – körperlich und emotional. Viele Menschen können sich nicht mehr angemessen mit ihrem Kind

beschäftigen. Ihnen fehlen selbst die entsprechenden Erfahrungen.

Erziehung ist ein Abbild aus unseren Erfahrungen und Möglichkeiten.

Unsere Erziehung ist immer noch geprägt aus den Vorstellungen des dritten Reiches. Babys sollte man schreien lassen, damit sie lernen sich selbst zu regulieren und den Eltern nicht auf der Nase rumtanzen. Die damals propagierte Erziehung war eine Anleitung zur Bindungsunterbrechung und damit zur frühkindlichen Traumatisierung.

Leider halten sich einige extrem schädigende Ehrziehungsvorstellungen bis heute noch hartnäckig. Eltern, die Ihre Kinder wie oben genannt behandeln, tun das nicht, weil Ihnen ihre Kinder egal sind. Sie selbst sind geprägt von ihrer eigenen Geschichte, ihren Bindungserfahrungen und ihrem Wissen. Viele sind selbst traumatisiert. Jeder erzieht nach seinen Möglichkeiten. Bei einigen sind diese Möglichkeiten einfach begrenzt.

Das kann ein tröstender Gedanke sein. Das Handeln meiner Eltern ging nicht gegen mich, sie konnten es nicht besser. Und auch wenn man selbst erzieht, kann dieser Gedanke entlastend sein. Die meisten Hochsensiblen wollen gerne alles richtigmachen. „Fehler“ in der Erziehung machen ihnen oft sehr zu schaffen. Auch das Kind braucht Erfahrungen, an denen es wachsen kann. Es ist wichtig zu erleben, dass die Eltern nicht unfehlbar sind. So kann es die eigene Unfehlbarkeit besser annehmen. Ist ein Elternteil traumatisiert, wird das Trauma häufig an das Kind weitergegeben. Um das zu verhindern, ist es meines Erachtens wichtig das Trauma zu bearbeiten.

Wo sehen sie sich nach diesem Text? Hochsensibel, traumatisiert oder beides? Geht die Tendenz in Richtung Trauma?
Ein Trauma ohne Unterstützung aufzulösen, ist kaum möglich. Hier braucht es kompetente Unterstützung; für ein zufriedenes, glückliches Leben. Leider ist gerade das Annehmen von Hilfe für viele traumatisierte Menschen sehr schwer.

Hochsensibilität und Trauma zusammengefasst:

  • Es gibt Hochsensible, „nur“ traumatisierte und hochsensible, traumatisierte Menschen.
  • Leiden sie sehr stark unter der Hochsensibilität, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie traumatisiert sind groß.
  • Viele Hochsensible sind „nur“ traumatisiert. Sie sind durch das Trauma übersensibilisiert, aber nicht hochsensibel im eigentlichen Sinne.
  • Man unterscheidet zwischen Schock- und Entwicklungstrauma.
  • Um Traumatisierungen aufzulösen, braucht es kompetente therapeutische Unterstützung.

Dies ist nur ein kleiner Einblick in ein sehr komplexes Thema. Ich schreibe gerade ein Buch über das Thema Hochsensibilität und Trauma. Es wird Ende des Jahres erscheinen.

Des Weiteren werde ich ein entsprechendes Onlineseminar anbieten. Vielleicht haben Sie ja auch Interesse, noch mehr über das Thema zu erfahren.

Ich wünsche Ihnen alles, was sie für ein befriedigendes und glückliches Leben brauchen. Es ist nicht immer einfach, aber es ist machbar. Gönnen Sie sich Zeit.

Herzliche Grüße
Sandra Quedenbaum

Sandra Quedenbaum

Sandra Quedenbaum

Sandra Quedenbaum Coaching

Erzieherin Sozialpädagogin Heilpraktikerin für Psychotherapie. NLP-Lehrtrainerin Systemische Familienberaterin Marte Meo Therapeutin iEMDR Coach
In ein paar Sekunden kann alles vorbei sein

In ein paar Sekunden kann alles vorbei sein

Alles geht ganz schnell. Innerhalb von Sekundenbruchteilen wechseln sich die unterschiedlichsten Emotionen ab: Schock, Ärger, Angst, Scham (Ich bin nicht allein), Verwunderung und – Beten (Bitte …

bitte, nicht der Kopf. Ich versuche noch, irgendwie mein Gleichgewicht zu halten, aber umsonst. Während meine inneren Prozesse im Zeitraffer ablaufen, sehe ich alles andere in Zeitlupe. Wie der Boden immer näher kommt, erst das eine, dann das andere Knie auf dem Boden aufschlägt, wie ich noch versuche, mich mit der rechten Hand abzustützen, dabei aber nur auf das Handgelenk aufschlage, und schließlich doch noch der Kopf.

Einen Augenblick bleibe ich noch liegen, überwältigt von Panik und Angst um meinen Kopf. Dann kommt der Ärger. Ausgerechnet! Alles hat so gut geklappt und jetzt das …

Schließlich lasse ich mir von meinen besorgten Freundinnen aufhelfen. Was gar nicht so einfach ist, in dem kleinen Bad ist eigentlich kein Platz für 3 Personen, erst recht nicht, wenn eine davon auf dem Boden liegt.

Kein schöner Abschluss

eines ansonsten äußerst erfolgreichen Tages. Liebe Freundinnen hatten sich bereit erklärt, mir beim Streichen meiner alten Wohnung zu helfen, alles hat supergut geklappt und nun das. Um den anderen beim Auswaschen meiner Pinsel nicht in die Quere zu kommen, habe ich diese Tätigkeit direkt in der Badewanne erledigt und bin anschließend mit den nassen Füssen auf dem Badezimmerboden ausgerutscht.

Am meisten Angst hatte ich vor einer Gehirnerschütterung. Aber nachdem mein Kopf offenbar ok ist und ich mir nicht mehr als ein paar blaue Flecken geholt habe, geht der Tag erstmal weiter. Ich merke allerdings schnell, dass es doch nicht so einfach ist. Den Rest des Tages bin ich sehr benommen. Ich muss mir schließlich eingestehen, ich bin nicht nur einfach gestürzt, sondern

ich bin erschüttert

bis ins Mark meiner Seele. Habe ich einen Schock? Vielleicht. Bin ich wegen meiner Hochsensibilität besonders erschrocken? Vielleicht. Die Erschütterung ist auch am nächsten Tag nicht vorbei. Vielmehr ist sie wie eine Art Schwelbrand, der sich nun auch in andere Teile meines Lebens ausbreitet. Ich traue mich kaum auf mein Fahrrad und bin dann ungewöhnlich ängstlich und besorgt.

ich bin geschockt über meinen sturzWas, wenn ich mit dem Fahrrad stürze?

Es ist jetzt so rutschig mit all den Blättern … vermutlich würde das nicht so glimpflich ablaufen …

Auch wenn das sich unnötige Sorgen ein ganz typisches Merkmal der Hochsensibilität ist, neige ich im Allgemeinen kaum zu Sorgen. Im Laufe der Jahre habe ich es geschafft, dem Leben gegenüber eine vertrauensvolle Haltung zu entwickeln und ich weiß ganz genau:

  • Ich bekomme was ich brauche
  • alles, was ich brauche, ist schon in mir
  • wenn ich etwas nicht bekomme, brauche ich es auch nicht
  • Ich bin behütet

Aber das ist einfach eine ganz andere Nummer. In den Tagen nach dem Sturz vergesse ich alles, was ich weiß. Dann allmählich schält sich für mich eine Art Botschaft heraus. So schnell kann es also gehen.

In ein paar Sekunden kann alles vorbei sein.

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Und das sage ich nicht nur so dahin. Aber ich habe Angst davor, meine eigenen Möglichkeiten meiner menschlichen Erfahrung nicht genug gelebt zu haben, mir selbst nicht genug Raum zu geben, immer nur hinter der Arbeit zurückzubleiben (soviel Freude meine Arbeit mir auch macht!).

Der Sturz ist jetzt schon etliche Wochen her

die blauen Flecken sind längst verschwunden, die Knochen, auf die ich aufgeschlagen bin, schmerzen aber immer noch und zeigen mir auf eindrucksvolle Weise, wie alles, was uns widerfährt im Körper gespeichert wird. Denn jedesmal, wenn ich mich hinknie und die Stelle den Boden berührt, an der ich aufgeschlagen bin, ist sofort alles wieder da, der Sturz, der Schock, der Stress, die Verunsicherung. Zwar nicht mehr so intensiv wie vorher, aber vorhanden. Das will ich unbedingt mal auflösen lassen mit irgendeiner Form von Körperarbeit. Damit ich dieses Erlebnis als Erinnerung daran benutzen kann, dass ich vergänglich bin und mich auf keinen Fall selbst verpassen möchte.

Haben Sie schon etwas Ähnliches erlebt? Ich freue mich über Ihre Kommentare!

Herzlichst, Ihre
Monika Richrath

de_DEDeutsch