Verlorener Zwilling und Hochsensibilität

Verlorener Zwilling und Hochsensibilität

Anne Frihs aus Berlin habe ich auf dem Kongress Female Revolution 2022 zur Schoßraumheilung kennen gelernt. Annes Arbeit dreht sich um das total spannende Thema “Verlorener Zwilling”. Und wie sich dann herausgestellt hat, hat das Thema “Verlorener Zwilling” auch etwas mit Hochsensibilität zu tun.

Liebe Anne, ich glaube, die meisten Menschen können mit dem Begriff “verlorener Zwilling” nicht so viel anfangen, magst du mal erklären, 

was ein verlorener Zwilling ist …?

Ein verlorener Zwilling ist ein Geschwister, das man im Mutterleib oder kurz nach der Geburt verloren hat. 

Wir können davon ausgehen, dass mindestens 20% aller Schwangerschaften, an deren Ende ein Kind lebend geboren wird, als Mehrlingsschwangerschaften beginnen, nicht nur als Zwillingsschwangerschaften, sondern auch mit Drillingen, Vierlingen oder sehr selten weiteren Mehrlingen. 

Verlorener Zwilling ist einer der ersten Begriffe, der für diese Art von Verlust geprägt wurde.  

In der ersten Zeit, in der ich mich mit dem Thema auseinander gesetzt habe, hab ich mich oft gefragt, wer von den beiden Zwillingen eigentlich der verlorene ist – denn 

das Gefühl von verloren sein ist bei den Alleingeborenen oft sehr stark ausgeprägt.

Alleingeboren ist ein zweiter Begriff der für Menschen geprägt wurde, die im Mutterleib mindestens einen Mehrling hatten und dann allein geboren wurden. 

Alleingeblieben beschreibt eher die Menschen, die ihren Zwilling oder Mehrlingsgeschwister kurz nach der Geburt verloren haben. 

Lebender Zwilling oder überlebender Zwilling bzw. Drilling, Vierling … sind auch Möglichkeiten, es in Worte zu fassen. 

waspassiertwennman einen zwilling verliertVielleicht ist das für Dich interessant: Ich habe eine Zeit lang eine Statistik geführt. Von ca. 200 Menschen, die mit dem Thema Verlorener Zwilling zu mir kamen, waren ca. 60% Zwillinge, bei ca 25% zeigte sich, dass sie ursprünglich Drillinge waren und ca 15% Vierlinge. Schwangerschaften mit noch mehr Mehrlingen traten nur sehr selten Fällen auf.

In der Vergangenheit hat man sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, was es für einen Menschen bedeuten kann, wenn er im Mutterleib oder kurz nach der Geburt

einen Zwilling verloren hat. 

Da wurde wenig bis gar nicht drüber gesprochen. Oft wurde das auch gar nicht bemerkt. Viele frühe Verluste werden auch heute trotz moderner Technik nicht bemerkt. Das Thema bekommt erst seit wenigen Jahren etwas mehr Aufmerksamkeit.

Das ist mega spannend, Anne. Ich hatte schon mit ein paar Menschen darüber gesprochen und alle hatten die gleiche Reaktion: niemand wollte glauben, dass so ein Verlust unbemerkt vonstatten gehen könnte … Kannst du dazu etwas sagen? 

Das ist tatsächlich schwer vorstellbar. 

Das was wir uns vielleicht vorstellen können, ist dass eine Frau in der Schwangerschaft Blutungen haben könnte und es dadurch irgendwie sichtbar wird. Aber dass niemand bemerkt, dass da eine Zeit lang zwei oder drei winzige Wesen sind und dann plötzlich nur noch eins? Das ist schwierig. 

Der Körper hat verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. 

Blutungen sind eine Möglichkeit. Das abgestorbene Gewebe, das klingt ziemlich hart, innerlich zu isolieren oder abzubauen, sind weitere. Es kann also sein, dass nach der Geburt bei der Betrachtung der Plazenta deutlich wird, dass im Gewebe etwas eingeschlossen ist, was zu einem Zwilling gehören könnte oder klar als Zwilling erkennbar ist. Manchmal wird auch eine zweite Plazenta geboren, in der es aber kein lebendiges Wesen mehr gibt. 

Mitunter haben Alleingeborene in ihrem Körper auch Anteile ihres Zwillings. So etwas kann sich entwickeln, weil über den Blutkreislauf auch Zellmaterial ausgetauscht wird. Im ganz frühen Stadium ist es natürlich auch möglich, dass der Körper der Frau das abgestorbene Gewebe eines Mehrlings ohne erkennbare Zeichen vollständig abbaut. 

Ich kann aus meinen Schwangerschaften erzählen,

dass bei mir nicht eine Mehrlingsschwangerschaft festgestellt wurde, aber meine letzten drei Schwangerschaften alle als Mehrlingsschwangerschaften begannen. 

Bei den Zwillingen, die in der 6. und 7. Woche gingen, gab es zuerst nur einen Fruchtwasserverlust. Das war kaum ein Schnapsglas voll, aber das hab ich bemerkt. Die Ärztin konnte das nicht nachvollziehen, bemerkte nur eine Einblutung, die sie sich nicht erklären konnte. Kurz darauf ging der Zwilling auch. 

Bei meiner ersten Tochter hatte ich ganz am Anfang eine Blutung und auch einen inneren Kontakt zu den Mehrlingen, so dass ich das nachträglich als Mutter auch nachvollziehen kann, obwohl es bei den späteren Ultraschalluntersuchungen keine erkennbaren Zeichen mehr gab. Und die Schwangerschaft mit meiner Jüngsten war gänzlich ohne Komplikationen. Bei ihr hätte ich nie einen Zwilling vermutet, aber 

sie spricht von ihrer Zwillingsschwester, die sie sehen und fühlen kann. 

Da steh ich dann mit den Menschen, mit denen Du gesprochen hast, in einer Reihe und frage mich, wie so etwas unbemerkt geschehen kann. 

Danke, Anne, das macht es sehr viel nachvollziehbarer. Das bedeutet also, dass der Fötus eine mehr oder weniger lange Zeit gar nicht allein ist in der Gebärmutter, und auf jeden Fall andere – wie soll man das sagen, “Seelenpräsenzen” vielleicht? – um sich hat, selbst wenn der Zwilling oder die Mehrlinge gehen, ohne sich körperlich entwickelt zu haben?

Bei den Alleingeborenen ist das so. Es gibt natürlich auch Menschen, die allein im Mutterleib ankommen und fein damit sind. 

Was bedeutet es für das Wesen, das da bleibt? Und ich stelle meine nächste Frage gleich hintendran: 

Was passiert, wenn man einen Zwilling verliert,

wie wirkt sich das aus?

Das Wesen, das bleibt, erlebt mit dem Sterben seines Zwillings bzw. seiner Mehrlingsgeschwister etwas zutiefst Erschütterndes, womit es völlig allein ist und dann wird es in eine Welt geboren, in der es sich lange Zeit nicht mitteilen kann. 

Vielleicht kannst Du Dich an eine Situation erinnern, in der ein geliebter Mensch oder Dein Lieblingstier gestorben ist. Stell Dir mal vor, niemand außer Dir hätte sie gekannt und Du hättest auch niemandem davon erzählen können und Du wärst mit Deiner Trauer gänzlich allein geblieben? Unvorstellbar. 

Genauso unvorstellbar ist, dass so winzig kleine Wesen, wie wir es im Mutterleib waren, schon fühlen und erinnern können. Da werden viele Forscher darüber streiten, ob und wie das wohl geht, wenn das eine oder andere aus ihrer Beobachtung heraus erst später entwickelt wird. Ich kann mich da nur daneben stellen und sagen: und dieses Erinnern gibt es trotzdem. Ich erlebe es in meinen Coachings immer wieder mit. 

Du hast gefragt, wie sich das auswirkt: 

alleingeborener zwilling fühlt sich einsamViele Alleingeborene haben eine tiefe Sehnsucht oder Trauer in sich, 

die sie nicht zuordnen können. Sie laufen durch die Welt und suchen. Aber diese Leere kann nichts wirklich füllen. Sie können in bester Gesellschaft sein und gleichzeitig sagen, hier ist niemand für mich da, niemand, der mich interessiert. 

Sie fühlen sich irgendwie nicht richtig und kommen nicht so richtig in ihrem Leben an. 

Beziehungsschwierigkeiten sind durch den Zwillingsverlust vorprogrammiert. 

Das Bedürfnis den Zwillingsplatz wieder zu füllen, um die Leere nicht mehr spüren zu müssen ist groß. So sollen andere Geschwister, Eltern, Freunde, später auch Partner oder Kinder den Zwilling ersetzen. Diese Verwechslungen bergen natürlich jede Menge Konfliktpotential. 

In Bezug auf Nähe gibt es häufig ein großes Bedürfnis mit anderen Menschen zwillingsähnlich zu verschmelzen oder – das beobachte ich häufiger bei Menschen, die einen leblosen Zwillingskörper noch eine Zeitlang in ihrer Nähe hatten und sich vor diesem befremdlichen Körperkontakt fürchteten, auch Angst vor Berührung. 

Verlustängste 

erscheinen mit Blick auf einen Zwillingsverlust plötzlich in einem ganz anderen Licht. Wenn manche Menschen kontrollierend wirken, weil sie immer wissen müssen, wo die Liebsten sind und ob es ihnen gut geht und fast durchdrehen, wenn sie länger auf eine Antwort warten müssen, dann fragen sie eigentlich: Lebst du noch? 

In so einem Moment keine Antwort oder böse Worte zu erhalten, ist hart. Denn der Zwilling, der nicht mehr geantwortet hat, konnte nicht mehr antworten, weil er tot war. Und diese furchtbare Stille sitzt noch ganz tief in allen Zellen. Das Helfersyndrom hat aus meiner Sicht hier auch seinen Ursprung. 

Diese Suche nach einem Lebenszeichen ist aus meiner Sicht

auch eine Ursache für Hochsensibilität. 

Wir schalten unsere Sinne seismographisch scharf, um noch einen Herzschlag zu hören, irgendein Signal zu empfangen … aber für das kleine Wesen im Mutterleib ist da niemand mehr, der so antwortet, wie der Zwilling, den es sucht. Im späteren Leben kann diese Hochsensibilität nur mühsam reguliert werden, 

solange die unbewusste Suche nach dem verlorenen Zwilling noch anhält. 

Wenn Alleingeborene ihren Zwilling, der auf der Seelenebene sehr oft noch in der Nähe ist, wieder spüren, dann können sie lernen, diese Hochsensibilität zu regulieren. Sie bleiben natürlich hochsensibel, aber sie sind den oft schlimmen Abgrenzungsschwierigkeiten und der Reizüberflutung nicht mehr so hilflos ausgesetzt. 

Das Gefühl, es alleine nicht zu schaffen,

zeigt sich bei Alleingeborenen auch immer wieder. Sie kaufen oft doppelt oder dreifach ein, kochen auch für so viele, arbeiten für so viele. Haben dennoch das Gefühl, es reicht nicht und sie sind an allem Schuld. Es ist so ein unbewusstes für den anderen mitleben, mitarbeiten müssen, sich an seinem Tod schuldig fühlen und sich gar nicht wert oder nicht erlaubt fühlen, dieses Leben überhaupt zu leben und dann auch noch in Freude. 

– Das war jetzt eine lange Antwort, liebe Monika. Ich könnte Dir noch viel mehr erzählen. Es ist so ein tiefgründiges, faszinierendes Thema. Diese unsichtbare Welt der Zwillinge, die wir verloren haben mit unserer sehr physisch orientierten Welt zu verbinden, ist wie ein Wunder und so erleichternd, heilsam für diese Welt. 

Oh, ich frage dir ein Loch in den Bauch … Ich kenne das alles von mir selbst. Vor allen Dingen so eine grundsätzliche Einsamkeit, 

das Gefühl “keiner ist wie ich und niemand kann mich verstehen.” 

Und auch so ein dringliches Gefühl, diese Person finden zu müssen, damit es mir gut gehen kann! Das Gefühl hat sich eigentlich erst in den letzten Jahren befriedet, je mehr ich zu mir selbst komme oder ich habe mich vielleicht auch damit abgefunden, dass es eben so ist und kann besser damit leben …

Ich habe mehrere Kleidungsstücke doppelt und wenn ich Fotos mache, dann immer 2. Das ist wie eine Art Zwang …

Als wir die Hinterlassenschaften meiner Mutter aussortiert haben, ist mir aufgefallen, dass meine Mutter viele Gegenstände 3- und 4-fach hatte …

Nächste Woche geht es weiter mit dem Interview. Konntest du schon etwas Interessantes für dich mitnehmen? Wie immer freue ich mich über deine Kommentare.

Von Herzen,

Unterschrift Monika Richrath

 

 

Image by wgbieber from Pixabay 

Anne Kathrin Frihs

Anne Kathrin Frihs

Zuversicht Praxis für Energiearbeit und Lebensfreude

Entwicklungstrauma heilen: Klopfen mit dem Vagus Nerv

Entwicklungstrauma heilen: Klopfen mit dem Vagus Nerv

Wie kann man Entwicklungstrauma durch belastende Kindheitserfahrungen mit Klopfen heilen? Geht das überhaupt? Und was hat der Vagusnerv mit alldem zu tun?

Die Frage, wie man Entwicklungstrauma heilen kann

wird im Netz oft gestellt. Bevor ich darauf eingehe (und auch, wie man das erreichen kann) stellt sich natürlich die Frage:

Was ist ein Entwicklungstrauma eigentlich?

Um Resilienz zu entwickeln und adäquat auf das Leben und die Welt reagieren zu können, müssen wir gewisse (emotionale) Lernerfahrungen machen, z. B. die Erfahrung auf dieser Welt willkommen zu sein, angenommen werden,  geliebt, geborgen zu sein usw. Nun ist es aber so, dass viele von uns Eltern haben, die durch den zweiten Weltkrieg, den sie als Kind oder Jugendliche:r erlebt haben, ein Trauma erlitten und diese Traumatisierung nicht aufgearbeitet haben. Für viele von uns bedeutet dies, dass wir als Kind zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben.

Zu den Symptomen der Traumafolgen gehören

z. B. ein Gefühl der Entfremdung anderen gegenüber, stark schwankende Gefühle anderen gegenüber sowie eine gewisse Ich-Bezogenheit. Kurz: Das, was wir für eine gute Entwicklung gebraucht hätten, haben wir von unseren Eltern nicht in dem Maß bekommen können, in dem es nötig gewesen wäre. Sie waren meistens zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Dies führt zu Störungen in der eigenen Entwicklung.

Zum Beispiel wird dadurch unsere Stressreaktion verändert. Nicht selten führt ein Trauma zu einer Aktivierung einer permanenten Kampf- oder Flucht-Reaktion. Dies wiederum führt zu Stoffwechselveränderungen im Gehirn, was sich zunächst auf das Gehirn insgesamt nachteilig auswirkt und letztendlich eben auch auf die kognitive und psychosoziale Entwicklung.

Entwicklungstrauma wird auch als Bindungstrauma bezeichnet.

Denn ein ein sehr großer Teil der Beeinträchtigungen bezieht sich auf unser Verhältnis zu anderen Menschen und auch auf unsere Beziehung zu uns selbst. Wir tun uns schwer mit Selbstakzeptanz und Selbstliebe, stellen die Bedürfnisse anderer über unsere eigenen, können uns häufig nur sehr schwer abgrenzen, haben häufig Schwierigkeiten Beziehungen aufzubauen.

Ebenso gibt es körperliche Symptome als Traumfolgestörung.

(Fast alle Menschen, die wegen eines besseren Umgangs mit Hochsensibilität zu mir gekommen sind, litten an einer Nebennierenschwäche, viele ebenfalls an einer chronischen Eppstein-Bar-Infektion, Hashimoto Thyreoiditis usw. …)

Vor einiger Zeit habe ich auf meinem Blog das Buch „Der Selbstheilungsnerv“ von Stanley Rosenberg vorgestellt. In dem Buch stellt Stanley Rosenberg uns die Polyvagal Theorie von Stephen Porges vor.

Laut der von Stephen Porges entwickelten Polyvagal-Theorie gibt es nämlich 3 Nervenkreisläufe (statt wie bisher angenommen 2): Der vordere Ast des Vagus Nerves, der für positive Entspannungszustände, Zugewandtheit und soziales Engagement sorgt, der Grenzstrang des Sympathikus, der bei Angriff oder Flucht aktiviert wird und der hintere Ast des Vagus, der für

Verlangsamung, Abschaltung und depressives Verhalten

sorgt.

Diese 3 Kreisläufe regeln unsere Körperfunktionen und helfen uns, einen konstanten, inneren Zustand aufrechtzuerhalten. Und sie hängen auch mit unseren emotionalen Zuständen zusammen (vielleicht hast du bei “Abschaltung, depressives Verhalten” schon aufgemerkt!) Diese Zustände wiederum steuern unser Verhalten.

Eine Trauma Folge ist die chronische Aktivierung des hinteren Vagus.

Der sorgt dafür, dass wir uns dem Leben entfremdet oder vom Leben abgeschnitten fühlen, oder dass wir uns nicht wirklich selbst leben.

Jetzt kommen wir zurück, zu der Frage:

Kann man ein Entwicklungstrauma heilen?

Es ist die falsche Frage. Bzw. vermutlich verknüpft mit den falschen Vorstellungen und Bedingungen. Was bedeutet es „geheilt zu sein“? Ist dann alles so wie vorher? Wird dann schlagartig alles gut? Nun – das wird es nicht. Eine Heilung im herkömmlichen Sinn, so, wie man von einer Krankheit geheilt wird, findet nicht statt. Es geht vielmehr darum, die erlebten belastenden Kindheitserfahrungen zu integrieren, in die eigene Biografie, in das eigene Selbst, ins eigene Leben und dadurch bzw. damit zu wachsen.

den vorderen Vagus beklopfenHier kommt die EFT Klopftechnik für Hochsensible ins Spiel.

Durch das Klopfen wird nämlich der vordere Vagus Ast aktiviert, der Ast, der für positive Entspannungszustände, Zugewandtheit und soziales Engagement zuständig ist. Da eine Folge von Entwicklungstrauma aber ist, dass der hintere Vagusast chronisch aktiviert ist, ist es also sehr förderlich, auf dem vorderen Vagus Ast zu klopfen, um dem Körper so nach und nach beizubringen, die Aktivierung des hinteren Vagus Astes aufzugeben.

Ich weiß natürlich nicht, wie alt du bist, wenn du diesen Artikel liest. Aber wenn du mit belastenden Kindheitserfahrungen aufgewachsen bist, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese sich über Jahrzehnte in dein System eingeschrieben haben. Und es wird dir einleuchten, dass es etwas vollkommen anderes braucht als ein bisschen Sätzeklopfen hier und da, um wirklich etwas für dein Leben zu verändern. Dazu braucht es gewisse Dinge. Bereitschaft, wirklich etwas für dich verändern zu wollen und Ausdauer.

Genau aus diesem Grund habe ich

meinen online Kurs zum Thema Hochsensibilität, den Intensivkurs

entworfen. (Ich gebe zu, es war vielleicht nicht so schlau, ihn Intensivkurs zu nennen!) Denn eigentlich ist es eher eine Reise, die du zu dir selbst machst. Die Reise dauert ein Jahr – denn das ist ein minimaler Zeitraum für eine wesentliche Veränderung durch das Klopfen. Im Laufe der Reise kannst du die wichtigsten Lernerfahrungen, die du in den belastenden Kindheitserfahrungen gemacht hast, verändern und/oder auflösen. Indem du zuhause für dich klopfst, und zwar ganz spezielle positive Impulse, die genau auf dich zugeschnitten sind.

Ich bin deine Lotsin in diesem Prozess und sorge dafür, dass das Klopfen für dich jederzeit sicher ist. Ein unglaublich heilsamer Aspekt auf dieser Reise ist das Erleben der Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie du. Zusammen bilden wir einen sehr tragfähigen Boden. Zweimal im Monat kommen wir online zusammen, beklopfen gemeinsam das entsprechende Modulthema oder tauschen uns aus über das Klopfen oder anderes.

In einem sicheren, geschützten, triggerfreien Raum.

Ohne über das zu sprechen, was wir erlebt haben.

Wie schön das ist, illustriert vielleicht die Tatsache, dass meine erste Kursgruppe, die das Jahr jetzt um hat, noch mit mir weitermachen will – eine bessere Reklame kann ich mir nicht vorstellen!

Der Kurszugang ist vom 21. bis 27. April 2023 geöffnet und hat Platz für 10 Teilnehmer:innen. Es gibt allerdings ein paar Grundvoraussetzungen: du solltest in der Lage sein, vor der Kamera mit einem Bild zu erscheinen und in ein Mikrofon zu sprechen. Unsere Meetings werden für die Teilnehmer:innen aufgezeichnet, auch das sollte kein Problem für dich sein.

Eventuell besteht die Möglichkeit, zu einem geringeren Betrag teilzunehmen. Schreibe mir ggfs an eftloesung@gmail.com. Warte aber nicht bis zum letzten Moment damit.

Schau dir einfach die Seite mal an und die schönen Testimonals bisheriger Teilnehmer:innen. Macht dir das nicht Lust, auch auf eine Reise zu dir selbst zu gehen?

Von Herzen,

 

Unterschrift Monika Richrath

Von Selbstregulation und Selbstwirksamkeit

Von Selbstregulation und Selbstwirksamkeit

Letzte Woche hatte ich ein sonderbares Erlebnis in Sachen Selbstregulation und Selbstwirksamkeit. Ich bin immer noch verblüfft, wie schnell eine stabile innere Landschaft bei entsprechenden Reizen von außen instabil wird … Aber der Reihe nach.

Mein Personalausweis war abgelaufen.

Also habe ich mir bei der Stadtverwaltung meiner Stadt einen Termin besorgt. Ich habe mir ein Buch eingesteckt, weil ich noch gut in Erinnerung hatte von meinem letzten Besuch, dass mit Wartezeiten zu rechnen ist.

Sehr zufrieden habe ich registriert, dass im Wartebereich seit dem letzten Mal aufgrund von Corona die Sitzplatzmöglichkeiten aufgestockt wurden. Endlich nicht eingepfercht sein in zu enge Sitzgelegenheiten mit zu viel Nähe zu Menschen, denen ich nicht so nah sein möchte …

Ich habe mich also hingesetzt, versucht mein Buch zu lesen (war gar nicht so einfach, wegen der Maske konnte ich die Lesebrille nicht aufsetzen). Ich habe versucht, die sehr reizintensive Umgebung auszublenden.

Wegen meiner Hochsensibilität bzw. Hochsensitivität war das alles andere als einfach.

Überall hingen große Anzeigentafeln, auf denen Nummern standen und die Schalter für diese Nummern. Und mit einem sehr lauten Ping erschienen in kurzen Abständen immer neue Nummern. Meine Nummer lautete @4453.

Ich bin von einer Wartezeit von mindestens 20 Minuten ausgegangen und habe zunächst versucht, diese Tafeln zu ignorieren. Nicht nur die Geräusche, sondern auch die damit verbundene Bewegung auf den Tafeln und die Bewegung der Menschen um mich herum. Das ging ganz gut, solange ich lesen konnte. Leider nicht sehr lange, weil meine Augen ohne die Brille schnell müde wurden. Und ab dem Zeitpunkt, wo ich eigentlich meinen Termin hatte, musste ich natürlich auch auf die Tafel gucken.

Dann ging es so. Ein Pling ertönt: ich hebe den Blick, sehe zur Tafel, nicht meine Nummer, ich senke den Blick wieder, lese zwei, drei Worte, der nächste Pling ertönt, ich muss wieder gucken …

Sofort ist alle Selbstregulation futsch.

Relativ schnell habe ich mein Buch weggelegt, weil das Lesen so unmöglich wurde. Ich habe versucht, dort entspannt zu sitzen und auf meine Nummer zu warten. Unmöglich.

Ich weiß eigentlich (also rational), dass die Zahlen nicht in einer logischen Reihenfolge aufgerufen werden, aber als die Zahl @4479 aufgerufen wurde, begann ich richtig in Stress zu geraten. (Vermutlich war ich durch

die totale Reizüberflutung

schon ziemlich destabilisiert!) Ein Teil von mir begann sich zu fragen, wieso die 44er-Reihe jetzt schon schon so weit fortgeschritten ist. Hatte ich etwas verpasst, war meine Zahl doch schon aufgerufen wurden, während ich gelesen hatte?

Richtig schlimm wurde es, als dann nach und nach Zahlen auftauchten, die sich um meine Zahl herum bewegten @4449, @4450, @4451, @4452 … und dann plötzlich @4456, @4457 …

hochsensibler mann von zahlen überwältigtMittlerweile befand ich mich in einem Zustand hochgradiger Verwirrung.

Immer wieder habe ich mein Handy rausgekramt um mich zu vergewissern, dass meine Zahl wirklich @4453 ist. Ich habe natürlich gemerkt, dass etwas vor sich geht. Irgendwie hatte sich mit der Verwirrung ein großer Zweifel auf mich gelegt. War das wirklich meine Nummer? Warum kam die denn nicht? Warum alle anderen zuerst? Hatte man mich vergessen? Was mache ich eigentlich hier? Soll ich nicht wieder gehen? Brauche ich wirklich einen Personalausweis, ich habe doch einen gültigen Reisepass …

Und irgendwo hat ein Teil von mir registriert, dass es sich anfühlte wie in einer Art Traumazustand. Ein Gefühl, wo man sich selbst total in Frage stellt. Ein Gefühl, das definitiv zu tun hat mit

belastenden Kindheitserfahrungen, Vulnerabilität und Entwicklungstrauma.

Es fühlte sich an wie z. B. eine Situation, wo man sich fragt, ob man das Recht hat, etwas für sich zu tun und sich zum Beispiel abzugrenzen gegen jemandem, dem es schlecht geht. Vielleicht kennst du das ja. Vielleicht hast du dich dann auch schon gefragt: Darf ich das? Und wenn man sich diese Frage nur lang genug stellt, kommt diese Verwirrung über einen gekrochen.

In solch einem Zustand befand ich mich dann jedenfalls.

Für mein Empfinden hat es unendlich lang gedauert.

Bis plötzlich die @4453 oben auf dem Bildschirm erschien.

Und sofort war alles wieder gut. Ich sprang auf und lief zu meinem Schalter.

Meine Selbstregulationsfähigkeiten waren wieder da.

Sofort habe ich die Sachbearbeiterin in ein Gespräch über Augenfarben verwickelt. Das habe ich natürlich ganz automatisch gemacht, nicht bewusst, aber ich denke, ich war irgendwie getrieben von dem Wunsch, wieder Selbstwirksamkeit zu erfahren. Ans Klopfen habe ich in dieser Situation leider nicht gedacht, dabei wäre das so gut gewesen …vor allem am Notfallpunkt.

Ich glaube,

es wurden außerdem Ohnmachtsgefühle angetriggert.

Weil ich dieser Situation nicht entfliehen konnte. Weil ich warten musste, bis meine Zahl kommt (trotz des Zweifels).

Tatsächlich hat es dann ziemlich lange gedauert, bis ich wieder nach Hause gehen konnte, weil der Scanner meine Finger nicht einscannen wollte.

Als ich nach Hause fuhr, ging es mir wieder gut.

Allerdings hat mich so ein Abglanz dieser sonderbaren Verwirrung noch ein paar Tage lang begleitet. Wie eine Art Schatten. Und ich bin nach wie vor verblüfft, wie schnell es gehen kann, von einem stabilen Zustand in einen instabilen Zustand zu kommen. Aber auch:

wie schnell es geht dann wieder von dem instabilen in den stabilen Zustand.

Und das ist ja letzten Endes das, was man erreichen kann, wenn man mit Entwicklungstrauma bzw. Bindungstrauma zu tun hat. Es geht nicht darum, das Entwicklungstrauma zu heilen, sondern zu lernen, so mit den Folgen umzugehen, dass sie das eigene Leben nicht beherrschen, sondern handhabbar werden.

Kennst du Situationen, die ähnliche Dinge in dir auslösen? Ich freue mich, wenn du sie mit uns teilst.

Von Herzen,

Unterschrift Monika Richrath

 

 

 

 

Image by Gerd Altmann from Pixabay 

Image by Júlia Orige from Pixabay 

Wo leben im Alter?

Wo leben im Alter?

 In der letzten Zeit kommt im Gespräch mit anderen gleichaltrigen Menschen häufig die Frage auf, wie und wo wir im Alter leben sollen?

Vor kurzem war ich auf einem Gartenfest eingeladen, wo ich mehrere Menschen kennen gelernt habe. Wir haben uns sofort verstanden (ich nehme an, wir waren alle ähnlich sozialisiert).  Klopfen, Yoga, Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung waren ganz normale Themen, die unsere Unterhaltung streiften. Ich habe mir natürlich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, aber ich war dann doch ein wenig geschockt, zu erfahren, dass alle mehr oder weniger um die 60 Jahre alt waren. Was ich keinem zugeschrieben hätte.

Dabei werde ich selbst in ein paar Monaten 60 Jahre alt.

Aber immer, wenn ich an einem Spiegel vorbeikomme, denke ich: „Du? 60? Never!“ Diese Zahl scheint so gar keinen Bezug zu mir zu haben. Ich weiß noch, dass ich mit 30 dachte, die Hälfte meines Lebens ist jetzt vorbei! Und früher waren Menschen mit 60 alt.  So habe ich sie zumindest wahrgenommen. Alte Menschen haben (in meinen Augen) ganz abwegige Dinge getan (sowas wie sich für den Blauen Bock und das Musikantenstadl interessiert).  Aber wir sind heute eben anders alt oder älter als die Menschen früher.

ALT fühle ich mich schon gar nicht.

Nicht mal ÄLTER. Eigentlich fühle ich mich wie gerade erst im Leben angekommen. Als hätte ich gerade erst an der Oberfläche dessen gekratzt, was möglich sein könnte. Ich habe wenig Lust, mich jetzt schon damit zu befassen, was in 10 Jahren sein wird. Vorzusorgen. Erste Schritte zu unternehmen. Solange ich es noch gut bis in die 3. Etage schaffe, ist doch alles gut oder?

Als Kind hatte ich in dem Alter zwischen 7 bis 10 Jahren eine Zeitlang furchtbare Ängste,

ich könnte qualvoll sterben im Alter

und habe deswegen den lieben Gott gebeten, mich, wenn es soweit wäre, sanft entschlafen zu lassen. Heute weiß ich, dass ich da schon verdammtes Glück haben müsste, denn dass wir krank zu werden scheinen und uns die ganze Zeit elend dahinschleppen (wenn wir das überhaupt noch schaffen und nicht bettlägerig werden) oder

pflegebedürftig werden,

ist heute wohl eher die Norm als die Ausnahme. In meinem Freundeskreis ist es jedenfalls fast ausnahmslos so. Und wenn es keinen körperlichen Verfall gibt, hat man es statt dessen mit geistigem Verfall zu tun, was kein Deut besser ist.

Es ist schon klar, dass ich alles daran setze, dass es bei mir nicht so sein wird. Aber ich möchte nicht so überheblich sein, zu behaupten, dass mir das nicht passieren wird. Ich weiß das ja gar nicht. Dass man sein Leben daran ausrichtet, andere zu unterstützen bedeutet nicht zwangsläufig, dass man selbst verschont bleibt. Ich muss immer daran denken, dass Colin Tipping z. B. an Krebs gestorben ist – und er hat so Tolles geleistet für die Welt! Ich kann es also auch nur versuchen. Wie erfolgreich ich damit sein werde, weiß ich erst später.

Meine Mutter ist 2016 an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) gestorben. 

(Mehr darüber kannst du in diesem Artikel erfahren.) Das hat mir eine ganz nüchterne Sicht darauf verschafft, was körperlicher Verfall bedeutet und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. 

Dabei hatte meine Mutter noch wahnsinniges Glück, sie bekam einen Platz in einer Intensivbetreuung, hatte eigene vier Wände und wurde trotzdem betreut. Außerdem hatte sie noch fünf Kinder, die sich darum kümmerten, es ihr in der verbleibenden Zeit so gut wie möglich schön zu machen.

Nun, ich habe keine fünf Kinder. Nicht mal eins. Es gibt also niemanden,

der sich dann um mich kümmern würde.

Im Falle meiner Mutter war es ja so, dass die „richtige“ Pflege von Fachpersonal durchgeführt wurde und trotzdem waren wir fünf Kinder mit dem Rest ziemlich überfordert. Meine Mutter hat dann wenig mehr als sich selbst gesehen. (Ich denke, das ist eine Traumafolge nichtverarbeiteter Kriegserlebnisse und hochsensibel war meine Mutter übrigens auch.) Die Lebenserwartung mit ALS ist recht kurz, aber zwei Jahre waren doch mehr als genug um den Beschluss zu fassen, dass ich nicht möchte, (falls ich mich noch einmal verlieben sollte), dass meine Partnerin ihr eigenes Leben für meines aufgeben muss.

Ein konventionelles Altenheim ist überhaupt keine Option.

Was wäre dann mit meiner Hochsensibilität? Was wäre mit meinen Nahrungsmittel-unverträglichkeiten? Was wäre mit meiner Würde? Ich habe zu schreckliche Dinge gehört/gesehen/mitbekommen. 

Siechtum ist sowieso keine Option. (Es kann natürlich sein, dass ich, wenn es soweit sein wird, mich doch mit aller Kraft ans Leben klammere, ich glaube es aber nicht). Ich kann nur hoffen, bitten, beten, dass ich immer genug Klarheit habe, um entsprechende Vorkehrungen zu treffen.

Eigentlich träume ich von einer Hausgemeinschaft für Alte.

Jede hat ihren eigenen Raum. Wir teilen uns die Pflegekräfte (das ist bestimmt billiger) und wir haben trotzdem ein Maximum an Autonomie. Aber wann ist man denn alt? Neulich habe ich jemanden in einer Wohnanlage besucht, die explizit angelegt ist für eine Klientel ab 50+. Das war ein sehr komisches Gefühl.

Ich weiß weder, wer dieser Hausgemeinschaft angehören sollte, noch, wo ich wirklich leben will. Vor kurzem ist bei mir noch einmal der Wunsch aufgewallt, in ein ganz anderes Land zu ziehen. Aber ganz allein ist das jetzt auch nicht sehr attraktiv. Zumal ich ja herausgefunden habe, dass ich gut darin bin, Gemeinschaft zu stiften und diese auch selbst brauche. Ich stelle mir vor, dass es einfacher sein wird, mit den Macken anderer zurecht zu kommen, die ich noch nicht kenne, als mit den Macken meiner Freundinnen.

Richtige Lust auf ein „Projekt“ habe ich übrigens auch nicht.

Schon beim Gedanken an mögliche Projekttreffen stehen die 80er Jahre mit den vielen endlosen Plenumssitzungen wieder auf und ich werde ganz matt. Am liebsten wäre mir, ich könnte irgendwo einsteigen.

Am Anfang dieses Artikels war ich noch ein wenig ratlos. Schreiben hilft wirklich! Ich werde jetzt also langsam mal anfangen, mich zu erkundigen, was es für Projekte gibt, wie so etwas aussieht und falls du, liebe Leserin, lieber Leser in der Altenpflege tätig bist und/oder solche Projekte kennst, schreibe mir bitte (gerne auch in die Kommentare).

Es schadet ja nichts, wenn ich das ganz locker in Angriff nehme. Ich freue mich, wie immer von dir zu hören. Wo willst du im Alter leben?

Von Herzen,

 

 

 

 

P. S. Dieses Foto hat meine Ex-Partnerin übrigens mit Face App erstellt. Und das ist total krass, weil ich sehe aus wie ich. Aber ich sehe auch genauso aus wie meine Mutter …

Wie lange dauert Persönlichkeitsentwicklung?

Wie lange dauert Persönlichkeitsentwicklung?

Wenn man mit Entwicklungstrauma, also belastenden Kindheitserfahrungen – vielleicht auch noch in Verbindung mit Hochsensibilität oder Hochsensitivität zu tun hat, kommt man um Persönlichkeitsentwicklung eigentlich nicht herum.

Beziehungsweise, man kann sich von Persönlichkeitsentwicklung durchaus fernhalten, aber das hat eben Konsequenzen, man bleibt in den Lernerfahrungen, die man gemacht hat verhaftet.

Dann bleibt man meistens auch abhängig von anderen Menschen

auf die eine oder andere Weise. Denn man ist dann so beschäftigt mit dem Versuch, alles Unkontrollierbare unter Kontrolle zu bringen oder halten und ein Gefühl für die eigene Sicherheit aufrechtzuerhalten. Wachstum, Expansion, Umsetzung eigener kreativer Impulse scheinen nicht mehr möglich, vielleicht sogar nicht denkbar. Aber trotzdem gibt es diesen Anteil in uns, der dies genau registriert, der weiß, dass das nicht richtig ist, dass man dabei ist, sein eigenes Leben zu verpassen.

Ich begegne relativ häufig der Vorstellung,

dass man irgendwann fertig ist mit der Persönlichkeitsentwicklung.

Dass es einen Punkt geben könnte, an dem man sagen kann: „Jetzt bin ich gut“, oder „jetzt ist es gut“. Ich glaube nicht, dass es diesen Punkt gibt. Und ich würde niemandem glauben, der versucht, mir etwas anderes zu erzählen.

Was es natürlich gibt, sind „Plateauphasen“, wo man vielleicht etwas erreicht hat, eine gewisse Stabilität und wo die Dinge erstmal ruhig und geklärt scheinen. Was aber nicht heißt, dass nicht im nächsten Moment wieder ein heißes Thema aufkommen könnte, das diese Stabilität sehr schnell ins Wanken bringt. So ist eben unsere menschliche Existenz. Und das gilt selbstredend für alle Menschen, auch für Super Coaches, die ausstrahlen, alles im Griff zu haben und über den Dingen zu stehen.

Persönlichkeitsentwicklung hört einfach nie auf.

Prinzipiell ist es ja so, dass wir uns spiralförmig nach oben bewegen. Alle Themen kommen periodisch immer wieder, bis sie aufgelöst sind, aber auf einer anderen Ebene. Ich habe schon oft ein Schmunzeln unterdrückt mit neuen Klient:innen im Coaching, wo es hieß, ich habe schon so viel an/mit dem Thema XY gemacht. Wenn wir dann angefangen haben zu klopfen, war meistens das Erstaunen darüber groß, wie viel emotionale Ladung noch in dem Thema war. (Das liegt einfach daran, dass Körperarbeit auf einer viel tieferen Ebene stattfindet und  im Körper gespeicherte Emotionen auflösen kann!)

Wenn du meinem Blog ein wenig folgst, dann weißt du ja schon, dass auch bei mir Persönlichkeitsentwicklung ein ständig laufender Prozess ist.

Vor 30 Jahren habe ich angefangen damit, mich und mein Leben zu hinterfragen.

Ich habe versucht, herauszufinden, wer ich eigentlich bin und was ich will und warum ich so und so reagiere und nicht anders. Ich glaube, ich habe selbst ganz lange Zeit gedacht, irgendwann würde ich der Mensch sein, der ich gerne sein wollte.

Der perfekte Mensch versteht sich.

Ich fürchte, mein perfektes Bild von mir beinhaltete, dass ich vollkommen autonom bin, keine anderen Menschen brauche, mir aber auch von anderen nichts sagen lasse, ruhig und abgeklärt bin, aber beliebt bin und angesehen.

Vor kurzem hat Isabelle Maria Kühler mit mir ein facebook live über Liebesbeziehungen gemacht, da fiel das Wort Bedürftigkeit. Dieses Wort habe ich schon lange, lange nicht mehr gehört.

Dabei hat Bedürftigkeit meine sozialen Beziehungen so lange bestimmt.

Ich hätte das früher natürlich nicht so für mich formulieren können (ich kannte das Wort nicht mal) aber der Wunsch autonom zu sein, keine anderen Menschen zu brauchen, ist sicherlich aus dem Wunsch entstanden, dieses schreckliche Gefühl von Bedürftigkeit nicht mehr spüren zu müssen. Dies war sozusagen der Motor, der bei mir die ersten Schritte in die Persönlichkeitsentwicklung eingeleitet hat. Eine traumatische Trennung war der Auslöser gewesen.

Irgendwie finde ich es total schräg, dass ich jetzt, 30 Jahre nachdem ich mich aufgemacht habe auf diesem Weg,

erst jetzt in dem Thema Entwicklungstrauma angekommen bin.

Aber so ist es eben. Es gibt kein wirkliches Ziel. Keinen Weg von A nach B, sondern eher ein Prozess mit Umwegen und Irrwegen. Sicher hat es auch etwas damit zu tun, dass ich jetzt erst in der Lage bin, mich wirklich mit mir auseinanderzusetzen, ohne mich komplett zu überfordern. Vielleicht auch, weil ich ein gewisses Level immerhin erreicht, die Freude in mir gefunden habe. Und ich habe eben im Laufe der Zeit auch verstanden, dass ich niemals ein anderer Mensch werden werde. Ich werde immer ich selbst sein. Aber je mehr ich in mich hineinwachse,

umso schöner fühlt es sich an, ich selbst zu sein.

Mittlerweile sehe ich diesen Prozess weniger als die oben beschriebene Spirale (obwohl das sicherlich seine Gültigkeit nicht verloren hat). Ich sehe mein Leben eher wie ein Stück Kuchen: ich knabbere mal hier eine Ecke ab und dort eine Ecke. Kann schon sein, dass mir in diesem Prozess wie ein kalbender Gletscher öfter mal ein größeres Stück vor die Füße fällt, das mich dann längere Zeit beschäftigt hält … aber im Prinzip ist der Prozess viel weniger zielgerichtet heute.

Und ich finde, das wirklich Wunderbare an diesem Prozess ist, dass man sich ihm einfach hingeben kann.

Es wird an anderer Stelle entschieden, welches Thema jetzt für mich dran ist.

Es ist nicht so, als würde ich nicht auch versuchen, mich vor bestimmten Themen zu „drücken“ – um das Trauma Thema habe ich mich bestimmt 20 Jahre lang gedrückt. Aber das hatte ja auch seinen Sinn. Ich war offenbar noch nicht bereit.

Vor kurzem wurde sozusagen der Healy in mein Leben geworfen, was zur Folge hatte, dass ich mich jetzt doch mal mit meinem Vater beschäftigen muss. Das Thema an sich ist so komplex, mit so vielen Aspekten, das wird mich sicherlich eine Weile beschäftigt halten. Manchmal geschehen wunderbare Synchronizitäten. Lt. Healy gibt es offenbar eine Störung im YING/YANG Bewusstsein (genau habe ich das nicht verstanden, was es bedeutet), aber als ich mich gestern hingesetzt habe und eine Session von Andreas Goldemann aus claim your brain gemacht habe, ging es genau darum!

Übrigens habe ich gelernt,

den youtube Algorithmus als eine Art spirituelle Kraft zu betrachten.

Ich habe es schon ganz oft erlebt, dass in dem ersten Video, das mir immer vorgeschlagen wird, ein Ausweg aus einer misslichen Lage aufgezeigt wird, oder grundsätzlich darum,  wie es weitergeht, manchmal fehlt eine kleine Information oder ein kleiner Trost … Das ist ein kleines Mysterium, was mich immer wieder auf neue verblüfft.

Von daher kann ich dir nur raten – wenn du mit deinem Leben haderst – geh los! Egal wie, egal wo. Und wenn du es mal mit dem Klopfen probieren möchtest, habe ich meinen kostenlosen E-Mail Kurs wieder online gestellt.

Ich wünsche dir viel Freude dabei, dich selbst zu entdecken! Falls du etwas mit uns teilen möchtest, freue ich mich.

Von Herzen,

 

 

Image by Sasin Tipchai from Pixabay 

Scham: Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls – eine Rezension

Scham: Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls – eine Rezension

Als mir klar geworden ist, dass Scham bei Hochsensibilität in Verbindung mit belastenden Lebenserfahrungen durch Entwicklungstrauma ein sehr wichtiges Thema ist und darum in meinem Intensivkurs nicht fehlen darf, habe ich mich auf die Suche gemacht nach guter Literatur. Das Buch „Scham: Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls“* hat mich sofort verführt. Konkurrenzlos.

Zum einen durch das Cover. Alleine das Wort

Scham so groß

und in roter Farbe zu lesen, macht etwas mit einem.

Ich finde es unglaublich, wie gut es dem Verlag fischer & gann gelungen ist, das Wesen der Scham optisch darzustellen! Auf der linken Seite befindet sich ein roter Streifen, der langsam in einen größeren, weißen Bereich übergeht. Das ist wie die Scham selbst, die leise und unmerklich in uns einsickert.

Auch die Farbe rot ist gut gewählt, denn das lässt an eine Wunde denken und ich denke die Wunde der Scham haben sicherlich alle, die mit

Hochsensibilität und Bindungs- und Entwicklungstrauma zu tun haben.

Auch der Untertitel „Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls“ ist extrem gut gewählt. Alleine diesen Titel zu lesen, machte was mit mir.

Plötzlich konnte ich gar nicht mehr verstehen, warum ich mich in 30 Jahren Persönlichkeitsentwicklung noch nie wirklich mit dem Thema Scham beschäftigt habe! Ehrlich gesagt, hatte ich null Vorstellung davon, was Scham eigentlich ist, wo sie herkommt, was sie bewirkt.

Nur wie sie sich anfühlt, wusste ich ganz genau.

Der Autor, der französische Neuropsychiater Boris Cyrulnik, hat selbst ein sehr großes Scham-Thema. Er hat als „verstecktes Kind“ den Holocaust überlebt, musste vorgeben, jemand anderer zu sein …

Ich gebe zu, anfangs war ich etwas nervös, als ich begann, mich in das Buch zu vertiefen. Schon bald habe ich mich entspannt, denn der Text ist ausgesprochen unterhaltsam.  Tatsächlich beleuchtet Boris Cyrulnik in jedem Kapitel

ganz unterschiedliche Aspekte der Scham.

Ganz leicht und spielerisch, plaudernd gar, werden wir Leser:innen dabei mitgenommen. Tatsächlich fand ich das Buch so unterhaltsam zu lesen, dass ich direkt ein bisschen irritiert war:

Darf ein Buch über Scham

Spaß machen?

Ich glaube, dass der Autor mit Absicht diese Erzählweise gewählt hat. Natürlich enthält das Buch für jeden, der ein Scham Thema hat, verschiedene  Scham „Bomben“, aber Cyrulnik versteht es meisterlich, diese zu entschärften, indem er sie in kleine Geschichten und Begebenheiten verpackt und sowieso bestimmte Aspekte nur ganz kurz berührt, um sie in einem anderen Kapitel wieder aufzugreifen.

Ich wurde allerdings nach einer Weile etwas ungeduldig und nervös, weil ich das Gefühl hatte, die Information, die ich suche, entgleitet mir und verschwindet zwischen all den anderen Informationen. Hauptsächlich war ich ja an Scham Aspekten im Zusammenhang mit

belastenden Kindheitserfahrungen, Bindungs- und Entwicklungstrauma

interessiert.

Ich habe dann noch einmal von vorne begonnen und habe in alle Seiten, von denen ich dachte „Ja, das ist interessant für die Art von Scham, die ich suche“, einen kleinen Zettel gesteckt.

Am Ende habe ich mir dann nur die markierten Stellen hintereinander duchgelesen und dann hatte ich die Informationen, die ich suchte. Es war ein wenig so, als hätte ich nicht von links nach rechts, sondern von oben nach unten gelesen. Und es ist sehr schlau, dass der Autor in Informationen so angeordnet hat, denn als ich alles das, was ich als interessant markiert hatte, hintereinander weg las, gingen meine Scham Bomben los. Eine nach der anderen. Ich hatte keine Vorstellung davon,

wie sehr mein Leben durch Scham bestimmt wird.

Weil es ein Gefühl ist, das sich ganz unten verbirgt, am Boden unter allen möglichen Bewusstseinsschichten. Und trotzdem alles durchtränkt irgendwie.

Von daher kann ich nur sagen, dass die vermeintliche Schwäche des Buches seine größte Stärke ist. Boris Cyrulnik hat alles so gut und schön verpackt, dass es nämlich nicht weh tut.

Gut gefallen hat mir auch die Kapitelverteilung mit sehr poetisch klingenden Überschriften, wenngleich ich auch nicht immer einen Bezug zum Inhalt herstellen konnte.

Meine Vermutung ist, dass

„Scham: die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls“*

wohl mehrmals gelesen werden muss, um die Inhalte (von denen ich hier bewusst überhaupt nichts verraten habe) zu erfassen und in das eigene Leben zu integrieren. Gerade die Integration ist so wichtig: Jetzt, wo

ich das Ausmaß meiner Scham erahnen oder ermessen kann,

habe ich mehr Selbstmitgefühl, vielleicht verurteile ich mich auch weniger? Oder mir ist dadurch aufgefallen, dass ich mich selbst dauernd verurteile …

Ich freue mich jedenfalls schon auf die Entdeckungen, die ich bei der nächsten Leserunde dieses Buches machen werde.

Wie geht es dir beim Lesen dieser Rezension? Scham ist auf jeden Fall ein super gutes Thema zum Klopfen. Ich freue mich, wenn du einen Kommentar hinterlässt und/oder meinen Artikel teilst.

Von Herzen,

 

 

 

Boris Cyrulnik
Scham: die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls*
fischer & gann
ISBN 978-3903072725

20 EUR

de_DEDeutsch