Leben wie im Paradies

Leben wie im Paradies

Gabriella Kaufmann hat mir die abenteuerliche Geschichte ihrer Auswanderung nach der kanarischen Insel El Hierro erzählt. Dabei geht es auch um Vulkane, Hochsensibilität, Unwetter, das Alter und die Liebe.

Bei so viel Themen ist unser Gespräch ziemlich lang geworden, auch in der gekürzten Fassung. Den ungekürzten Text können Sie übrigens lesen, wenn Sie im Kasten unten das + anklicken.

Gabriella, du bist vor einigen Jahren aus Deutschland ausgewandert. Magst du mir erzählen, wie es dazu gekommen ist?

Die Sehnsucht nach dem Süden habe ich schon vor sehr langer Zeit in mir entdeckt. Denn gefroren habe ich immer in diesem Land, wo der Sommer höchstens ein ewiger April Tag war. Also habe ich begonnen zu träumen. Vom Meer, dem Duft der tropischen Blüten, der Wärme, den blutroten Sonnenuntergängen … 

Ich kannte das Meer ja schon, denn mit 3 Jahren hatte ich es zum ersten Mal gesehen. Und fast jedes Jahr machten wir Urlaub auf der Insel Elba. Ich war begeistert, wie weich und zärtlich das Meer sein konnte, aber auch wütend und windgepeitscht. Es war als würde sich meine Seele in diesem unglaublichen Blau wiederfinden. Und dann dieses königliche Licht des Südens, das aus einem Küchenmesser auf dem Tisch eine Skulptur zaubert. Ich nahm das alles so intensiv auf, die Farben, die Düfte, alles schien zu atmen und wirklicher zu sein. Damals wusste ich ja noch nicht, dass ich hochsensibel bin. Das weiß ich überhaupt erst seit 3 Jahren, da war ich schon 52. 

Eines Tages, als ich 17 war, ging ich über einen Platz in Florenz. Plötzlich fasste mich ein Mann an der Schulter und rief auf italienisch: „Aber du bist ja die Primavera!“ (Gemälde von Boticelli). Tatsächlich habe ich Ähnlichkeit mit ihr. Von diesem Moment an schrieb ich meine Gedichte und Geschichten, und heute meinen Abenteuerroman unter dem Pseudonym Primavera. 

Mein Traum und meine Identität waren also geboren, aber es dauerte noch lange, bis sie Wirklichkeit werden durften. Erst musste ich in den noch kälteren Norden ziehen um Logopädie zu studieren, mich zu verlieben und zu heiraten. Trotzdem war ich fest entschlossen, den Ort meiner Träume zu finden. Wann immer es mir möglich war, machte ich mich auf große Reisen. 

Ich besuchte die Karibik, die Südsee, Afrika, die Seychellen, Australien, Costa Rica und viele traumhafte Inseln. Eigentlich war ich dort nie wirklich im Urlaub. Ich wollte immer als erstes wissen, ob man da leben kann und wovon, und wie teuer es ist, und wie die Menschen sind und und und… Immer war etwas schwierig oder unmöglich oder zu unsicher um dort ernsthaft bleiben zu wollen. Aber ich gab nie auf. 

Meine Eltern wurden langsam etwas zerbrechlicher, und mir wurde immer deutlicher dass ich als einzige Tochter nicht einfach so ans andere Ende der Welt ziehen konnte. So kam ich auf die Kanaren, die ja nicht so weit von Europa entfernt sind. El Hierro kannte ich noch nicht. Aber es wurde schnell klar, dass diese Insel am weitesten draußen lag und dort nur sehr wenige Menschen lebten. 

Ich wollte sie mir einfach nur mal ansehen, und das Tat ich im Dezember 1998. Es war warm und auch ziemlich trocken. Man sagte mir, der Winterregen sei noch nicht gefallen. Ich erkundete die Küsten, die Wälder, die wilden Lavafelder und fand immer wieder dasselbe. Stille! Keine Menschen, kein Geschrei, kein Müll, keine Flugzeuge am Himmel, nur wilde, stille Natur. Am dritten Tag saß ich auf einem überhängenden Felsen am Hang eines Vulkans und schaute aufs Meer. Ein paar rosarote Wölkchen zogen am Horizont entlang und malten ihre weichen Schatten aufs Wasser. Da hörte ich mich laut sagen: „Also ich bleibe hier!!!“ 

Und wie ging es dann weiter?

Ja, auch mein damaliger Partner konnte sich vorstellen, hier zu leben, und von diesem Moment an war unser Urlaub mehr oder weniger vorbei. In der noch verbleibenden Zeit mussten wir so viele Informationen wie möglich über dieses kleine Eiland sammeln. Wo würden wir wohnen, und wovon würden wir uns ernähren? Voller Enthusiasmus flogen wir zurück und stürzten uns in wilde Pläne. 

Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich zum ersten Mal den Palast sah, der heute mein Zuhause ist. Auf einer Klippe gelegen, von einer herrlichen Terrasse mit schneeweißer Balustrade umsäumt, mit Blick auf die ganze Bucht und die bewaldeten Vulkanhänge. Als ich dort stand, direkt über dem Meer, überkam mich das Gefühl, an Bord eines Schiffes zu sein, das im Begriff ist, in See zu stechen. 

Aber dann packten mich Zweifel. So etwas konnten wir uns doch überhaupt nicht leisten, oder etwa doch? Ich schrieb sofort an die deutschen Besitzer und teilte ihnen meine Begeisterung mit. Und so lernte ich eine wunderbare Familie kennen, deren Sohn in sehr jungen Jahren diesen Traum als Alterssitz für seine Eltern entworfen und gebaut hatte. Doch kam  es dann anders, und sie konnten nicht hier wohnen. Aber trennen wollten sie sich davon auch nicht, es sei denn, es gäbe einen Menschen, der dieses Haus so sehr lieben würde wie sie. Ja, und in diesem Moment trat ich in ihr Leben. Zum Glück war das ja noch vor der Einführung des Euros. Und so konnte durch den Verkauf meiner Praxis und die wunderbare Hilfe meiner Eltern das Geld zusammen gebracht werden. 

Das neue Jahrtausend brach an, und mit ihm kam der lang ersehnte Tag. Es war im Januar, auf den Wiesen lag Schnee, das Haus in Deutschland war ausgeräumt, der Überseecontainer vollgepackt. Endlich sollte ich also dieses kalte Land verlassen und zu den ersehnten Meeresufern aufbrechen. 

Und als das große Schiff in der Nacht ablegte und die Lichter des europäischen Kontinents langsam in der Dunkelheit verblassten, da atmete ich auf. Ich hatte es geschafft, ein neues Leben würde nun beginnen. Ich war 38 Jahre alt. 

Mein Traumhaus Queluz ( sein Name bedeutet: welch ein Licht), liegt im wildromantischen El Golfo Tal. Es ist von über 1.000 Meter hohen Bergen umgeben, in denen oft die Wolken hängen. 

Mein damaliger französischer Lebensgefährte musste bald in sein Land zurück um als Arzt Geld für uns zu verdienen. Schon nach wenigen Wochen fand ich mich allein im Traumhaus wieder und hatte meinen ersten Härtetest zu bestehen. Es war immerhin Winter, und ein gewaltiger Sturm zog vom Meer auf. Später sollte ich noch viele solche Stürme überstehen, aber diesen ersten werde ich nie vergessen. Schon am Nachmittag fing es an allen Ecken und Enden des Hauses an zu heulen. Das Meer verwandelte sich in eine gischtgepeitschte weiße Oberfläche. Ich fand’s toll und fing an zu singen. Das sollte mir aber später noch vergehen. 

Denn dann kam der Regen. Ich dachte, ich hätte mich in einem Halbwüstenklima angesiedelt, so wie ich auch dachte, dass Regen von oben nach unten fällt. In dieser Nacht sollte ich den horizontalen Regen kennenlernen, der vom Wind ins Haus gepeitscht wird. 

Am nächsten Morgen lag die Bucht im lieblichsten Sonnenlicht da. Heute weiß ich natürlich Bescheid. So macht die Insel das immer. Erst tobt sie wie eine Furie, und dann tut sie so als wäre nichts gewesen. 

Das war also Anfang 2000, d. h. du lebst seitdem hier? Bist du immer noch in diesem Haus?

Ja und ob.Mein Traum war, einen tropischen Garten zu haben. Aber das ist gar nicht so einfach in einer Halbwüste, und dazu noch an der Küste, wo immer Salznebel in der Luft liegt. So nah am Meer kann man keinen Garten haben, sagten die Leute. Und genau das ist der Satz, der mich herausfordert. Aber nach harter Pionierarbeit und vielen Rückschlägen habe ich es am Ende geschafft. Der Beweis ist, dass ich in diesem Moment unter einem Johannisbrotbaum sitze und dem plätschern meines Wasserfalls am Teich lausche. 

Aber vom Garten und seinem Gemüse allein kann man nicht leben, und nach ein paar Monaten eröffneten wir die erste private Arztpraxis im Ort. Was liegt näher für einen Arzt und eine Therapeutin? Bisher hatte es nur eine öffentliche medizinische Versorgung auf El Hierro gegeben. Also schon wieder eine Pionieraufgabe. Der Anfang war ganz schön hart, vor allem wegen der Sprache. Ich lernte zwar sehr schnell, aber die Herreños sprachen immer noch etwas schneller, als ich verstehen konnte. 

Die Praxis lief ganz gut an, und unsere Patienten waren eine Freude für mich, so freundlich und liebenswürdig. Leider wurde diese Phase brüsk beendet, als mein Partner beschloss, dass das Leben auf so einer kleinen Insel doch nicht das richtige für ihn sei. Er fühlte sich beengt und trat die Flucht an. Das war ein schwerer Schock für mich, von dem ich mich lange nicht erholen konnte. Die nächsten Jahre schlug ich mich mit Massagen, Sprachunterricht in mehreren Sprachen, Häuserverwaltung und auch putzen durch. 

Niemals kam mir aber der Gedanke, aufzugeben und nach Deutschland zurück zu kehren. Das liegt nicht in meiner Natur. Mit einem lieben Freund baute ich mein Gästezimmer und Bad zu einem kleinen Apartment aus. Das Feriendomizil Los Delfines war geboren. Von jetzt ab gings bergauf. Meine Gäste waren begeistert von dem Meeresblick, der Stille und meiner liebevollen Einrichtung. 

Das Leben war schön und abwechslungsreich, und ich konnte alle meine Fähigkeiten so richtig entfalten, bis diese Episode eines Tages ein abruptes Ende fand. Das war, als die Erde zu beben begann. Das vulkanische Herz der Insel war erwacht und das Magma drängte nach oben.

Oh, es gibt also einen aktiven Vulkan auf El Hierro?

El Hierro ist die Insel der 1.000 Vulkane. Auf keiner anderen Kanarischen Insel gibt es so viele. Im Frühjahr 2011 begannen die Seismographen leichte Erdbeben zu registrieren. Ich machte mir da noch keine Sorgen, aber ihre Intensität nahm schnell zu, und damit auch eine ständige innere Anspannung. Mit meiner Sensibilität spürte ich auch schon ganz leichte Erschütterungen, denen wenig später stärkere folgen sollten. Mein Haus ist erdbebensicher gebaut. Was ich nicht wusste, ist, dass ein solches Haus viel mehr vibriert, weil es ja flexibel ist. Im Sommer waren die Erdbeben für mich bedrohlich geworden. 

Sie zerstörten zwar keine Gebäude, aber sie erinnerten an eine unheimliche Kraft, die tief unter der Insel lauerte. Fensterscheiben schepperten, das Wasser in den Vasen zitterte ununterbrochen, der Boden schwankte unter den Füßen. Nachts rollte das Magma mit dumpfem Grollen unter dem Haus hindurch, und gleich darauf wackelte wieder das ganze Bett. Der Tunnel war nun schon lange geschlossen, und auch die wilde Lavastraße im Westen war gesperrt. Einziger Ausweg aus dem Golf Tal war im Notfall die Straße durch die Berge. Die Lage spitzte sich immer weiter zu. Schulkinder lernten, sich beim Signal einer Trillerpfeife unter ihre Tische zu werfen. Der Vulkan war zu einem Dauerstress geworden. 

Die ersten Menschen verließen die Insel. Wir erhielten Instruktionen für den Ernstfall, und ich war auf alles gefasst. Im Auto hatte ich Decken, Kopfkissen und Proviant für mehrere Tage. Neben meinem Bett stand der gepackte Rucksack, Taschenlampe Atemmaske, Schutzbrille, Trinkwasser … Befürchtungen wurden laut, dass das Magma vielleicht durch den Krater des Hauptvulkans der Insel, Tanganasoga, nach oben drücken könnte. 

Eines schönen Tages bestieg ich diesen majestätischen Vulkan, der sich hinter meinem Haus erhebt, um mir ein Bild von seinen Ausmaßen und dem Krater zu machen. Stundenlang stolperte ich durch eine Lava zerrissene Landschaft, in Wolken gehüllt und mit Flechten bewachsen, bis mir endlich klar wurde, dass dies der Krater war. Da beschloss ich, mein Haus zu verlassen. 

Ich versiegelte Fenster und Türen mit Klebeband gegen Ascheflug, befestigte eine Leiter in meinem Swimmingpool, damit dort notfalls herumirrende  Tiere trinken konnten, dann packte ich meine wichtigsten Sachen, trug meine beiden Katzen zum Auto und zog in ein Häuschen in den Bergen. Von hier aus konnte ich zumindest Hafen und Flughafen schnell erreichen. Jeden Tag lief ich zum nahegelegenen Restaurant auf einem Bergkamm mit herrlichem Blick ins Golf Tal. Dort schaute ich sehnsüchtig auf mein Haus herab. Mein Laptop hatte ich immer dabei um mich über neueste Beben und Instruktionen der Inselregierung zu informieren. Das Restaurant war immer voll von Reportern und Fernsehjournalisten, die Interviews gaben oder an ihren Berichten schrieben. 

Inzwischen war auch der Katastrophendienst eingetroffen und hatte ein Notfalllager mit 2000 Betten neben dem Flughafen errichtet. Und immer stärker wurden die Beben, jetzt schon manchmal bis 5 auf der Richterskala. Das führte zu jeder Menge Erdrutsche und machte das Passieren der Straße gefährlich. 

Am 11. Oktober passierte es dann, der Vulkan brach aus. Und zwar an der Südspitze der Insel, und zur größten Erleichterung aller, unter Wasser. Schwefelgase drängten an die Oberfläche und die Menschen mussten ihr Fischerdorf verlassen. In wenigen Tagen hatte sich das Meer in eine grünliche Brühe verwandelt, die sich stündlich ausdehnte und bald die ganze Insel umgab. Überall trieben tote Fische an der Oberfläche. Dann plötzlich tauchten knollenartige, ganz leichte Vulkansteine auf und trieben an die Strände. Kein Geologe konnte sie bestimmen, und so wurden sie nach dem Fischerdorf Restinga, Restingoliten genannt. 

Immer höher türmte sich der Vulkan auf. Er war jetzt schon so hoch wie ein 18stöckiges Gebäude, aber dann, ganz plötzlich, ließen seine Kräfte nach, und 200 Meter unter der Wasseroberfläche kam die Eruption zum Stillstand. Der Spuk war vorbei und der Vulkan wieder eingeschlafen, vermutlich für die nächsten 1.000 Jahre. Ich kehrte zurück  in mein Haus zurück und nahm mein Leben im Paradies wieder auf. Aber ich wusste jetzt, wie es sich anfühlt, alles zu gewinnen und auch wieder alles zu verlieren. 

Puh, das klingt sehr unheimlich … Wenn ich es richtig verstanden habe, hat der ganze Spuk ein rundes halbes Jahr gedauert? Du hast dich aber dennoch entschieden, zu bleiben …

Ja, die Beben bis zum endgültigen Ausbruch des Vulkans haben zirka ein halbes Jahr gedauert. Die Eruption ging aber dann noch über mehrere Monate. Für die Leute im Süden war das eine besonders schwere Zeit. Es kommt nämlich zu einem sogenannten Tremor, das ist ein Dauerzittern der Erde, während der Vulkan seine Lava ausspuckt. 

Die Fischer waren auch von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit, denn das Meer war ja zum Hexenkessel geworden. Für mich normalisierte sich das Leben schnell wieder, die Insel hatte ein Ventil gefunden und der unglaubliche Druck ließ nach. Was allerdings auch nachließ war unser Tourismus. Es sind ja sowieso sehr wenig Menschen, die unsere Insel besuchen, aber jetzt wollte gar niemand mehr kommen. 

Das hat aber auch Vorteile: Naturliebhaber aus aller Welt begannen die Insel zu entdecken. Sie machte als sogenannte grüne Insel Schlagzeilen. Ein aufwendiges Windwasserkraftwerk wurde gebaut. Man legte immer mehr Wert auf Umweltverträglichkeit und biologischen Anbau, die Insel kämpfte um ein zeitgemäßes Image. Ich selbst habe zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, sie wirklich zu verlassen. Sie ist mein ganzer Kosmos. 

Und abgesehen von diesen äußeren Ereignissen, geschehen hier auch subtile Dinge. Es mag für manchen weit hergeholt klingen, aber manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einem hier Dinge vor Augen geführt werden, die man anderswo nicht gesehen und gelernt hätte. Wie eine mystische Kraft, die den Menschen hilft, die auf der Suche nach der Wahrheit sind. Kräfte und Energien, die hier am Ende der Welt ungehindert an die Oberfläche strömen, so wie die Lava im Vulkanschlot. 

Diese Erfahrungen sind nur schwer zu vermitteln, aber man kann sie spüren, wenn man oben im Wald steht oder auf einer Klippe über dem schäumenden Meer. Diese Kräfte haben hier schon so manchen inspiriert. Darum leben auch viele Künstler auf der Insel. Ihre Schönheit und Vielfalt ist nur schwer zu beschreiben, sie ist verborgen und muss erst vom Suchenden entdeckt werden. 

Ja, manche Orte auf der Welt sind eben ganz besonders … Nun hast du also dort Wurzeln geschlagen, scheint es. Reist du denn auch weniger?

J a das ist wahr, ich reise jetzt weniger. Das hat zum einen damit zu tun, dass ich nicht mehr die finanziellen Mittel habe, die ich in Deutschland hatte, und zum anderen, dass ich meine Mutter vor einigen Jahren nach Teneriffa über gesiedelt habe. 

Im Jahre 2012 ist mir etwas Schlimmes zugestoßen. Ich hatte einen Unfall und so eine Art Schleudertrauma mit ganz starken Schmerzen, die ich tapfer aushalten wollte. Das war ein großer Fehler, denn sie sind nach 3 Monaten chronisch geworden. Ich hatte früher schon etwas über chronische Schmerzen gehört, aber nicht die geringste Ahnung gehabt, was das in Wirklichkeit für einen Menschen bedeutet. 

Leider musste ich feststellen, dass auch die meisten Ärzte keine Ahnung von diesem speziellen Gebiet hatten. Das ganze Nervensystem ist betroffen, und man kann überall am Körper Schmerzen bekommen. Inzwischen bin ich mir so gut wie sicher, dass das vor allen Dingen hochsensiblen Menschen passiert. Ich habe zwar noch nie eine Studie zu dem Thema gefunden, aber inzwischen mehrere Leute mit den gleichen Beschwerden kennengelernt. Unser Nervensystem ist eben anders, viel sensibler und damit auch anfälliger für Störungen. 

Mein Vater hatte Epilepsie, die er ohne jeden erkennbaren Grund mit 16 Jahren entwickelte. So wie ich es heute verstehe, handelt es sich bei dieser Form der Epilepsie um eine Art Schutzreaktion. Er wusste ja nichts von seiner Hochsensibilität, wie so viele Menschen, und er empfand sich immer als anders und seltsam. Und wenn alles zu viel wurde, war das vielleicht seine Möglichkeit um sich aus der Realität abzumelden. Seit ich weiß, dass ich hochsensibel bin, verstehe ich meinen Vater natürlich viel besser im Nachhinein. 

Jedenfalls begann für mich eine lange Odyssee von Arzt zu Arzt, und eigentlich konnte mir niemand helfen. Ich war bei insgesamt fünf Chefärzten aus  drei verschiedenen Ländern. Das einzige, was ich von denen bekommen habe, waren lange Rechnungen, aber keine Hilfe in meiner inzwischen verzweifelten Situation. Letztlich habe ich selbst heraus gefunden, was mir fehlt und mich an eine Schmerzklinik gewandt. Dort gab es dann zum ersten Mal Verständnis und Hilfe. Für mich war das wie meine Lebensrettung. Ich konnte mich wieder bewegen und auch leichte Arbeiten verrichten. 

Trotzdem, mein Leben war nicht mehr wie vorher. Die Arbeiten auf der Finca, im Garten, das Apartment, alle diese Dinge die mir so viel Freude gemacht hatten, waren nun zur schweren Bürde geworden. Vor einem Jahr nahte dann die Rettung in Gestalt einer jungen Frau, die ich eigentlich schon lange kannte, und die eine Praxis für Naturheilmedizin im Ort eröffnete. Es stellte sich heraus, dass sie selber hochsensibel ist und über enorme naturheilkundliche Kenntnisse verfügt. 

Für mich ist es immer noch wie ein Wunder. Sie kennt und versteht jede Faser meines Körpers und meines Seins. Unter ihrer Obhut hat sich meine Situation ganz enorm verbessert. Da sieht man es mal wieder. Man sucht hinter dem Horizont, und die Hilfe liegt gleich um die Ecke. 

Größere Arbeiten und sitzen am Computer machen mir immer noch viel zu schaffen, aber zum Glück bin ich nicht mehr allein. Vor drei Jahren kam auch die Liebe zu mir zurück. Ein Mann von der Nordküste Spaniens, der sein Leben lang auf den Meeren der Welt unterwegs gewesen war, entschied sich, an Land zu gehen um vielleicht doch noch die Liebe seines Lebens zu finden. So landete er eines Tages auf dieser Insel am Ende der Welt an. Jetzt habe ich alle Unterstützung, sowohl körperlicher als auch seelischer Art, und wer könnte wohl besser zu mir passen als ein Kapitän, der das Meer, die Freiheit und den weiten Horizont liebt. 

Jetzt ist unser Leben hier, und wir erkunden jede Woche die Insel, kraxeln an allen Küsten entlang, steigen auf alle Berge und kriechen in alle Höhlen. Vielleicht setzen wir ja eines Tages nochmal die Segel und steuern neue ferne Inselgefilde an. Vielleicht ein tropisches Eiland mit einer türkisblauen Lagune. Wer weiß das schon… 

Wie hast du denn erfahren, dass du hochsensibel bist?

Ich habe das gar nicht von einem auf den anderen Tag erfahren. Nach und nach ist diese Wahrheit in mein Bewusstsein aufgestiegen. Dabei hat mir das Internet geholfen. Ich gehe dort ganz oft irgendwelchen Fragen nach, und eines Tages fand ich einen Test. Irgendwie hatte ich schon so eine Ahnung, und die wurde dann Gewissheit, als ich alle Fragen mit ja beantworten konnte. Ich war also hochsensibel. 

Erstaunlicherweise beeindruckte mich diese Erkenntnis zunächst gar nicht besonders. Aber dann setzte sich ein Prozess in Gang. Immer mehr Dinge aus der Vergangenheit fielen mir wieder ein. Ich begriff plötzlich, warum ich als kleines Kind nicht mit nackten Beinen durch hohes Gras gehen konnte. Das stach mir immer dermaßen in meine zarte Haut. Ich konnte auch beim leisesten Geräusch nicht einschlafen, und hatte immer taused bunte und abenteuerliche Träume, während sich alle anderen an nichts erinnern. Ich spielte stundenlang alleine mit den kleinsten Dingen. 

Die Erwachsenen konnten sich gar nicht erklären, was ich da tat, aber für mich waren das riesige Welten. Und auch meine Liebe zur Makrofotografie bekam einen neuen Sinn. Auf meinen Fotos war nicht die ganze Kuh zu sehen, sondern ihre wunderschönen langen Wimpern. Inzwischen habe ich diese Art der Fotografie perfektioniert und sogar schon eine Ausstellung gemacht.  Viele Worte aus der Vergangenheit bekamen für mich eine neue Bedeutung. All die verletzenden Sätze meiner Mutter fielen mir wieder ein. Sei doch nicht immer so hypersensibel! Jetzt bausch das doch nicht so auf! Aber ich fühlte eben so, und jetzt wusste ich auch endlich, warum. Immer war ich wie ein Fremdkörper über diesen Planeten gewandelt. War ich denn wirklich der einzige Mensch, der sich fragte, warum wir hier sind und was dann mit uns geschieht. Konnte es denn noch wichtigere Fragen als diese im Leben überhaupt geben? 

Nach und nach begann sich mein ganzes Bild von mir selbst und den anderen Menschen zu verändern. Da flossen auch viele Tränen. Ich war also gar nicht komisch und unnormal, ich war einfach nur anders, und es gab noch mehr Menschen, die so fühlten wie ich. Das war so befreiend. Ich begann Bücher zu dem Thema zu lesen und im Internet zu recherchieren. 

So stieß ich auf deinen Blog. Alles war so neu und aufregend für mich, als hätte ich mich neu erfunden oder wäre neu geboren worden. Ich eignete mir sogleich die Klopftechnik an und  fand sie ganz fantastisch. Ich mache das jetzt jeden Tag und spüre ihre tiefe Wirkung. 

Meine Vergangenheit und meine Familie sehe ich plötzlich in neuem Licht. Immer hatte ich versucht, so wie meine Mutter zu sein. Es war ja klar, dass sie normal war und mein Vater seltsam und anders. Hätten mein Vater und ich doch nur die Wahrheit gekannt. Wie anders wäre unser Verhältnis gewesen. Inzwischen erkenne ich ganz leicht, ob ein Mensch hochsensibel ist. Ich habe mir fest vorgenommen, allen diesen Menschen, die meinen Weg kreuzen, zu helfen. 

Neulich habe ich eine Familie angesprochen, die hier auf der Insel lebt. Sie versuchen seit Jahren ihren kleinen hochsensiblen Jungen abzuhärten. Das Kind war schon komplett verängstigt und wollte mit niemandem mehr Kontakt aufnehmen. Endlich konnte ich den Vater überzeugen, ein Buch zu dem Thema zu Rate zu ziehen. Nach ein paar Monaten war das Kind nicht wiederzuerkennen. 

Mein nächstes Ziel ist, einen Vortrag hier auf der Insel zu organisieren. In Spanien gibt es schon Gruppen für Hochsensible, aber hier auf den Kanaren ist das Thema wohl noch  unbekannt. 

Ich möchte dir an dieser Stelle sehr danken, Monika. Es berührt mich außerordentlich, dass du so offen über dich und deine Vergangenheit sprichst. Ich finde deine Arbeit kurz gesagt lebensrettend. Bitte mach so weiter. Vielleicht können ja wir, die hochsensiblen Menschen,  aus dieser Welt einen besseren Ort machen. 

Oh vielen Dank, Gabriella. Das machen wir ganz bestimmt 🙂

Direktinfo und Buchung: gabriellahierro@hotmail.com

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Gabriella, du bist vor einigen Jahren aus Deutschland (?) ausgewandert. Magst du mir erzählen, wie es dazu gekommen ist? 

 

Die Sehnsucht nach dem Süden habe ich schon vor sehr langer Zeit in mir entdeckt. Richtig angefangen hat das, als ich 14 war. Über meinem Bett hing ein Poster mit einer Pinguinfamilie auf einer Eisscholle. Der Pinguin Vater zeigt aufgeregt auf das kleine Pinguinkind und ruft: „Es hat sein erstes Wort gesagt!“ „Was ist es“ fragt die Mutter: „Papa Mama?“ Aber das Pinguinkind sagt: „Mistkälte!“ Eigentlich sagt es noch ein viel schlimmeres Wort, aber das kann ich doch hier nicht wiedergeben. Aber es sprach mir eben aus dem Herzen. Denn gefroren habe ich immer in diesem Land wo der Sommer höchstens ein ewiger Apriltag war.  

Also habe ich begonnen, zu träumen. Vom Meer, dem Duft der tropischen Blüten, der Wärme, den blutroten Sonnenuntergängen … Davon hatte ich übrigens eine Sammlung an den Wänden meines Kinderzimmers, 52 Stück um genau zu sein. Während andere Schulkinder in ihre Hefte schrieben, komponierte ich unter der Schulbank sehnsuchtsvolle Gedichte über das Meer.  

Ich kannte das Meer ja schon, denn mit 3 Jahren hatte ich es zum ersten Mal gesehen.  Das war das Mittelmeer in Italien. Meine Mutter, die eine Zeit lang in Florenz lebte, hatte dort einige Freunde. Und fast jedes Jahr machten wir Urlaub auf der Insel Elba. Ich war begeistert, wie weich und zärtlich das Meer sein konnte, aber auch wütend und windgepeitscht. Es war, als würde sich meine Seele in diesem unglaublichen Blau wiederfinden. Und dann dieses königliche Licht des Südens, das aus einem Küchenmesser auf dem Tisch eine Skulptur zaubert. Ich nahm das alles so intensiv auf, die Farben, die Düfte, alles schien zu atmen und wirklicher zu sein. Damals wusste ich ja noch nicht, dass ich hochsensibel bin. Das weiß ich überhaupt erst seit 3 Jahren, da war ich schon 52.  

Ich bin in Bad Godesberg am Rhein geboren und aufgewachsen. Und das mitten im Villenviertel der schönsten Botschaften aus aller Welt. Für mich war es ganz normal, manchmal die einzige Weiße im Bus zu sein. Das hat natürlich auch meine Neugier auf fremde Länder geweckt. Als ich 15 wurde, trat Stella in mein Leben. Sie war die Tochter des Botschafters von Paraguay und kam auf mein Gymnasium.  

Von da an wurde irgendwie alles anders. Sie kannte viele Südamerikaner, und ich lernte die südamerikanische Musik und das Tanzen kennen. Mann, was taten uns manchmal die Hüften weh. Ich wusste gar nicht, dass man da auch Muskelkater haben kann. Es gefiel mir viel besser mit den Südis zusammen zu sein, wie Stella ihre Leute nannte.  

Bei einer deutschen Silvesterparty wünschte man sich ein frohes neues Jahr, auf einer Party mit Südis ging um Mitternacht ganz einfach das Licht aus, und alle fingen an zu kreischen. Stella nannte mich als erste Primavera, was ja sowohl auf spanisch als auch auf italienisch Frühling bedeutet. Auf den wartete ich nämlich chronisch. Und auf die Rückkehr der Wärme, Farben und der Düfte. Außerdem war ich immer in irgendwelche Blumenmuster gekleidet.  

Eines Tages, als ich 17 war, ging ich über einen Platz in Florenz. Plötzlich fasste mich ein Mann an der Schulter und rief auf italienisch: „Aber du bist ja die Primavera!“ Ich war perplex, wie konnte er das nur wissen? Er hingegen meinte das berühmte Gemälde von Sandro Botticelli: La Primavera. Darauf Sind vier Grazien zu sehen die die vier Jahreszeiten symbolisieren. Eine davon ist der Frühling, also die Primavera, und es ist wahr, sie hat mein Gesicht. Sogar heute noch werde ich von Italienern darauf angesprochen. 

Von diesem Moment an schrieb ich meine Gedichte und Geschichten, und heute meinen Abenteuerroman unter dem Pseudonym Primavera.  

Mein Traum und meine Identität waren also geboren, aber es dauerte noch lange, bis sie Wirklichkeit werden durften. Erst musste ich in den noch kälteren Norden ziehen um Logopädie zu studieren, mich zu verlieben und zu heiraten. Trotzdem war ich fest entschlossen, den Ort meiner Träume zu finden. Wann immer es mir möglich war, machte ich mich auf große Reisen.  

Ich besuchte die Karibik, die Südsee, Afrika, die Seychellen, Australien, Costa Rica und viele traumhafte Inseln. Eigentlich war ich dort nie wirklich im Urlaub. Ich wollte immer als erstes wissen, ob man da leben kann und wovon, und wie teuer es ist, und wie die Menschen sind und und und… Immer war etwas schwierig oder unmöglich oder zu unsicher um dort ernsthaft bleiben zu wollen. Aber ich gab nie auf.  

Meine Eltern wurden langsam etwas zerbrechlicher, und mir wurde immer deutlicher dass ich als einzige Tochter nicht einfach so ans andere Ende der Welt ziehen konnte. So kam ich auf die Kanaren, die ja nicht so weit von Europa entfernt sind. Und die vor allem, politisch gesehen, Europa sind, und man sich dort aufhalten darf. Von Teneriffa und Gran Canaria hatte ich die Vorstellung, dass man dort höchstens eine Reise im Pulk mit dem Kegelklub antreten könne. El Hierro kannte ich noch nicht. Aber es wurde schnell klar, dass diese Insel am weitesten draußen lag und dort nur sehr wenige Menschen lebten.   

Ich wollte sie mir einfach nur mal ansehen, und das tat ich im Dezember 1998. Es war warm und auch ziemlich trocken. Man sagte mir, der Winterregen sei noch nicht gefallen. Ich erkundete die Küsten, die Wälder, die wilden Lavafelder und fand immer wieder dasselbe. Stille! Keine Menschen, kein Geschrei, kein Müll, keine Flugzeuge am Himmel, nur wilde, stille Natur. Am dritten Tag saß ich auf einem überhängenden Felsen am Hang eines Vulkans und schaute aufs Meer. Ein paar rosarote Wölkchen zogen am Horizont entlang und malten ihre weichen Schatten aufs Wasser. Da hörte ich mich laut sagen: „Also ich bleibe hier!!!“ 

 

Und wie ging es dann weiter? 

Ja, auch mein damaliger Partner konnte sich vorstellen, hier zu leben, und von diesem Moment an war unser Urlaub mehr oder weniger vorbei. In der noch verbleibenden Zeit, mussten wir so viele Informationen wie möglich über dieses kleine Eiland sammeln. Wo würden wir wohnen, und wovon würden wir uns ernähren? Voller Enthusiasmus flogen wir zurück und stürzten uns in wilde Pläne.  

Im kommenden Frühjahr waren wir wieder auf der Insel. In einer Zeitschrift hatte ich die Annonce eines kleinen Häuschens gefunden, das zu vermieten war. Es lag an einer wilden Lavaküste, aber es war so winzig, dass wir beim besten Willen nicht reinpassten. Die deutsche Frau, die dieses Häuschen betreute sagte: „Ich kenne da noch ein anderes Haus, das zum Verkauf steht, aber das ist eigentlich eine Villa.“ Meine Neugier war geweckt.  

Aber mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich zum ersten Mal den Palast sah, der heute mein Zuhause ist. Auf einer Klippe gelegen, von einer herrlichen Terrasse mit schneeweißer Balustrade umsäumt, mit Blick auf die ganze Bucht und die bewaldeten Vulkanhänge. Als ich dort stand, direkt über dem Meer, überkam mich das Gefühl, an Bord eines Schiffes zu sein, das im Begriff ist, in See zu stechen.  

Aber dann packten mich Zweifel. So etwas konnten wir uns doch überhaupt nicht leisten, oder etwa doch? Ich schrieb sofort an die deutschen Besitzer und teilte ihnen meine Begeisterung mit. Und so lernte ich eine wunderbare Familie kennen, deren Sohn in sehr jungen Jahren diesen Traum als Alterssitz für seine Eltern entworfen und gebaut hatte. Doch kam es dann anders, und sie konnten nicht hier wohnen. Aber trennen wollten sie sich davon auch nicht, es sei denn, es gäbe einen Menschen, der dieses Haus so sehr lieben würde, wie sie. Ja,und in diesem Moment trat ich in ihr Leben. Zum Glück war das ja noch vor der Einführung des Euros. Und so konnte durch den Verkauf meiner Praxis und die wunderbare Hilfe meiner Eltern das Geld zusammen gebracht werden. Vom kaufen herrlicher Häuser habe ich nun wirklich überhaupt keine Ahnung, aber ich wusste instinktiv, dass ich dieser Familie vertrauen konnte. Das ist eben die besondere Gabe der Hochsensibilität.  

Heute weiß ich, dass der Sohn, der dieses Haus gebaut hat, auch hochsensibel ist. Manchmal denke ich, dass hochsensible Menschen wie durch unsichtbare Strahlen miteinander verbunden sind. Damals wusste ich von all dem nichts, aber ich warf mich ohne jede Bedenken ins Abenteuer.  

Wir machten eine Anzahlung, und als wir den Rest gezahlt hatten, gaben uns die Besitzer die Zinsen für die Anzahlung zurück. Da wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Im Oktober betrat ich dann also zum ersten Mal mein Haus. Es war auch noch komplett eingerichtet, mit wunderschönen Möbeln, die Schränke voller Tischtücher,Gläser und Porzellan, Handtücher, Bettwäsche, alles war da. Ehrfürchtig öffnete ich alle Kommoden und Schränke, mir war als hätte ich eine Erbschaft gemacht. 

Das neue Jahrtausend brach an, und mit ihm kam der lang ersehnte Tag. Es war im Januar, auf den Wiesen lag Schnee, das Haus in Deutschland war ausgeräumt, der Überseecontainer vollgepackt. Endlich sollte ich also dieses kalte Land verlassen und zu den ersehnten Meeresufern aufbrechen.  

Mit meinem alten Renault Dr. Rouge fuhren wir zuerst durch ganz Frankreich, das Land meines damaligen Lebensgefährten, dann ging es weiter über die Pyrenäen nach Spanien, wo wir nach einer guten Woche in Cádiz am Hafen angelangten. Die Bäume hingen voller Apfelsinen, und der Wind wehte lau und verheißungsvoll vom Meer. Mein Herz lachte. Und als das große Schiff in der Nacht ablegte, und die Lichter des europäischen Kontinents langsam in der Dunkelheit verblassten, da atmete ich auf. Ich hatte es geschafft, ein neues Leben würde nun beginnen. Ich war 38 Jahre alt. 

Nach 2 Tagen und 2 Nächten auf ziemlich unruhiger See kam Land in Sicht, Gran Canaria. Hier mussten wir die Fähre wechseln und weiter nach Teneriffa reisen, dort zu einem anderen Hafen fahren und die Fähre nach El Hierro besteigen. Damals dauerte die Fahrt von Teneriffa nach El Hierro noch viereinhalb Stunden. Heute schafft die Schnellfähre das fast in der halben Zeit. Überhaupt war ja damals alles noch ganz anders.  

Mein Traumhaus Queluz ( sein Name bedeutet: welch ein Licht), liegt im wildromantischen El Golfo Tal. Aber das ist von über 1.000 Meter hohen Bergen umgeben, in denen oft die Wolken hängen und einem die Sicht nehmen. Damals gab es ja den Tunnel noch nicht. Außerdem hatte Queluz keinen Strom, das heißt, es hatte schon welchen, aber nur in Form von Solar Energie. 10 Solarpaneele auf dem Dach und 4 alte LKW Batterien zum Speichern der Energie. Damals gab es  noch nicht die modernen Solaranlagen von heute. Die LKW Batterien wollten auch fast nichts mehr aufnehmen, und wir hatten kein Geld um neue zu kaufen, so war das ganze erste Jahr Kerzenschein angesagt. Das ist zwar sehr romantisch, aber definitiv nicht geeignet um zum Beispiel schnell den Autoschlüssel zu finden.  

Mein damaliger französischer Lebensgefährte musste bald in sein Land zurück um als Arzt Geld für uns zu verdienen. Schon nach wenigen Wochen fand ich mich allein im Traumhaus wieder und hatte meinen ersten Härtetest zu bestehen. Es war immerhin Winter, und ein gewaltiger Sturm zog vom Meer auf. Später sollte ich noch viele solche Stürme überstehen, aber diesen ersten werde ich nie vergessen. Schon am Nachmittag fing es an allen Ecken und Enden des Hauses an zu heulen. Das Meer verwandelte sich in eine gischtgepeitschte weiße Oberfläche. Ich fand’s toll und fing an zu singen. Das sollte mir aber später noch vergehen.  

Denn dann kam der Regen. Ich dachte, ich hätte mich in einem Halbwüstenklima angesiedelt, so wie ich auch dachte, dass Regen von oben nach unten fällt. In dieser Nacht sollte ich den horizontalen Regen kennenlernen, der vom Wind ins Haus gepeitscht wird. Außerdem stürzte unter allen großen Terrassentüren das Wasser gleichzeitig herein. Und davon gab es immerhin vier. Immer wenn ich mit aufwischen an der letzten Tür fertig war, konnte ich wieder zur ersten rennen. So ging das bis tief in die Nacht. Nach dem ganzen auswringen konnte ich kaum noch meine klammen Finger bewegen.  

Am nächsten Morgen lag die Bucht im lieblichsten Sonnenlicht da. Heute weiß ich natürlich Bescheid. So macht die Insel das immer. Erst tobt sie wie eine Furie, und dann tut sie so als wäre nichts gewesen. 

Später entdeckte ich, dass das Bodenniveau auf der Terrasse höher war als im Haus. Natürlich stürzte es da wie Wasserfälle herein. Solche Sachen passieren, wenn der Bauherr nicht immer da sein kann. Zum Glück ist das heute behoben. 

Das war also Anfang 2000, d. h. du lebst seitdem hier? Bist du immer noch in diesem Haus? 

Ja und ob. Mein Traum war es, einen tropischen Garten zu haben. Aber das ist gar nicht so einfach in einer Halbwüste, und dazu noch an der Küste, wo immer Salznebel in der Luft liegt. So nah am Meer kann man keinen Garten haben, sagten die Leute. Und genau das ist der Satz, der mich herausfordert. Wenn ich höre, das ist unmöglich oder das geht nicht, dann sage ich, das werden wir ja mal sehen.  

Aber wo anfangen in einer Steinwüste ohne Erde. Als erstes brauchte ich anständiges Werkzeug, vor allem eine Spitzhacke. Aber wie heißt sowas auf Spanisch. Meine gestotterten Worte aus dem Lexikon ließen die Männer im kleinen Baumarkt nur in schallendes Gelächter ausbrechen. So lernte ich meine ersten nützlichen Wörter.  

Ich hackte also nun auf das Geröll ein, dass mir die Funken um die Ohren flogen und grub überall Löcher für die Pflanzen. Bei jeder Fahrt über die Berge schleppte ich 5 Eimer Erde herbei. Aber nach harter Pionierarbeit und vielen Rückschlägen habe ich es am Ende geschafft. Der Beweis ist, dass ich in diesem Moment unter einem Johannisbrotbaum sitze und dem Plätschern meines Wasserfalls am Teich lausche. Jetzt wollen natürlich alle wissen, wie hast du denn das geschafft? Ganz einfach, sage ich, man darf nur nicht auf andere hören. Diese Erfahrung muss man als hochsensibler Mensch sowieso machen. 

Aber vom Garten und seinem Gemüse allein kann man nicht leben, und nach ein paar Monaten eröffneten wir die erste private Arztpraxis im Ort. Was liegt näher für einen Arzt und eine Therapeutin? Bisher hatte es nur eine öffentliche medizinische Versorgung auf El Hierro gegeben. Also schon wieder eine Pionieraufgabe.  

Der Anfang war ganz schön hart, vor allem wegen der Sprache. Ich lernte zwar sehr schnell, aber die Herreños sprachen immer noch etwas schneller, als ich verstehen konnte. Besonders schwierig war das am Telefon, auch die Namen waren mir natürlich nicht geläufig. Aber ich hatte schon immer zündende Ideen. Also machte ich mich eines Tages zum Friedhof auf. Dort schrieb ich mir eine lange Liste Namen von den Gräbern ab. Und siehe da, es gab nur ganz wenige Nachnamen. Das ist der Vorteil, wenn alle irgendwie miteinander verwandt sind.  

Die Praxis lief ganz gut an, und unsere Patienten waren eine Freude für mich, so freundlich und liebenswürdig. Leider wurde diese Phase brüsk beendet, als mein Partner beschloss, dass das Leben auf so einer kleinen Insel doch nicht das richtige für ihn sei. Er fühlte sich beengt und trat die Flucht an. Das war ein schwerer Schock für mich, von dem ich mich lange nicht erholen konnte. Die nächsten Jahre schlug ich mich mit Massagen, Sprachunterricht in mehreren Sprachen, Häuserverwaltung und auch putzen durch.  

Niemals kam mir aber der Gedanke, aufzugeben und nach Deutschland zurück zu kehren. Das liegt nicht in meiner Natur. Mit einem lieben Freund baute ich mein Gästezimmer und Bad zu einem kleinen Apartment aus. Das Ferien Domizil Los Delfines war geboren. Von jetzt ab gings bergauf. 

Meine Gäste waren begeistert von dem Meeresblick, der Stille und meiner liebevollen Einrichtung. Ich trat einer Folkloregruppe bei, denn mein Spanisch war jetzt schon richtig gut. Den Kanarischen Akzent hatte ich mir auch einverleibt, keiner musste sich schämen, wenn ich ein Solo sang. Groß und blond wie ich bin, war ich natürlich ein exotischer Vogel unter den eher kleinwüchsigen Canarios. Aber ich fühlte mich immer angenommen, geliebt und ermutigt.  

Die Gruppe war in dieser Zeit wie meine Familie. So stand ich auf vielen Bühnen hier und auf anderen Inseln und sogar in anderen Ländern, auch einmal in Deutschland. Das Leben war schön und abwechslungsreich, und ich konnte alle meine Fähigkeiten so richtig entfalten, bis diese Episode eines Tages ein abruptes Ende fand. Das war, als die Erde zu beben begann. Das vulkanische Herz der Insel war erwacht und das Magma drängte nach oben. 

Oh, es gibt also einen aktiven Vulkan auf El Hierro? 

El Hierro ist die Insel der 1.000 Vulkane. Auf keiner anderen Kanarischen Insel gibt es so viele. Im Frühjahr 2011 begannen die Seismographen leichte Erdbeben zu registrieren. Ich machte mir da noch keine Sorgen, aber ihre Intensität nahm schnell zu, und damit auch eine ständige innere Anspannung. Mit meiner Sensibilität spürte ich auch schon ganz leichte Erschütterungen, denen wenig später stärkere folgen sollten. Mein Haus ist erdbebensicher gebaut. Was ich nicht wusste, ist, dass ein solches Haus viel mehr vibriert, weil es ja flexibel ist. Im Sommer waren die Erdbeben für mich bedrohlich geworden.  

Sie zerstörten zwar keine Gebäude, aber sie erinnerten an eine unheimliche Kraft, die tief unter der Insel lauerte. Fensterscheiben schepperten, das Wasser in den Vasen zitterte ununterbrochen, der Boden schwankte unter den Füßen. Nachts rollte das Magma mit dumpfem Grollen unter dem Haus hindurch, und gleich darauf wackelte wieder das ganze Bett. Der Tunnel war nun schon lange geschlossen, und auch die wilde Lavastraße im Westen war gesperrt. Einziger Ausweg aus dem Golf Tal war im Notfall die Straße durch die Berge. Die Lage spitzte sich immer weiter zu. Schulkinder lernten, sich beim Signal einer Trillerpfeife unter ihre Tische zu werfen. Der Vulkan war zu einem Dauerstress geworden.  

Die ersten Menschen verließen die Insel. Wir erhielten Instruktionen für den Ernstfall, und ich war auf alles gefasst. Im Auto hatte ich Decken, Kopfkissen und Proviant für mehrere Tage. Neben meinem Bett stand der gepackte Rucksack, Taschenlampe Atemmaske, Schutzbrille, Trinkwasser … Befürchtungen wurden laut, dass das Magma vielleicht durch den Krater des Hauptvulkans der Insel, Tanganasoga, nach oben drücken könnte.  

Eines schönen Tages bestieg ich diesen majestätischen Vulkan, der sich hinter meinem Haus erhebt, um mir ein Bild von seinen Ausmaßen und dem Krater zu machen. Stundenlang stolperte ich durch eine Lava zerrissene Landschaft, in Wolken gehüllt und mit Flechten bewachsen, bis mir endlich klar wurde, dass dies der Krater war. Da beschloss ich, mein Haus zu verlassen.  

Ich versiegelte Fenster und Türen mit Klebeband gegen Ascheflug, befestigte eine Leiter in meinem Swimmingpool, damit dort notfalls herumirrende  Tiere trinken konnten, dann packte ich meine wichtigsten Sachen, trug meine beiden Katzen zum Auto und zog in ein Häuschen in den Bergen. Von hier aus konnte ich zumindest Hafen und Flughafen schnell erreichen. Jeden Tag lief ich zum nahegelegenen Restaurant auf einem Bergkamm mit herrlichem Blick ins Golf Tal. Dort schaute ich sehnsüchtig auf mein Haus herab. Mein Laptop hatte ich immer dabei um mich über neueste Beben und Instruktionen der Inselregierung zu informieren. Das Restaurant war immer voll von Reportern und Fernsehjournalisten, die Interviews gaben oder an ihren Berichten schrieben.  

Inzwischen war auch der Katastrophendienst eingetroffen und hatte ein Notfalllager mit 2000 Betten neben dem Flughafen errichtet. Und immer stärker wurden die Beben, jetzt schon manchmal bis 5 auf der Richterskala. Das führte zu jeder Menge Erdrutsche und machte das Passieren der Straßen gefährlich.  

Am 11. Oktober passierte es dann, der Vulkan brach aus. Und zwar an der Südspitze der Insel, und zur größten Erleichterung aller, unter Wasser. Schwefelgase drängten an die Oberfläche, und die Menschen mussten ihr Fischerdorf verlassen. In wenigen Tagen hatte sich das Meer in eine grünliche Brühe verwandelt, die sich stündlich ausdehnte und bald die ganze Insel umgab. Überall trieben tote Fische an der Oberfläche. Dann plötzlich tauchten knollenartige, ganz leichte Vulkansteine auf und trieben an die Strände. Kein Geologe konnte sie bestimmen und so wurden sie nach dem Fischerdorf Restinga, Restingoliten genannt.  

Immer höher türmte sich der Vulkan auf. Er war jetzt schon so hoch wie ein 18stöckiges Gebäude, aber dann, ganz plötzlich, ließen seine Kräfte nach, und 200 Meter unter der Wasseroberfläche kam die Eruption zum Stillstand. Der Spuk war vorbei und der Vulkan wieder eingeschlafen, vermutlich für die nächsten 1.000 Jahre. Ich kehrte zurück  in mein Haus zurück und nahm mein Leben im Paradies wieder auf. Aber ich wusste jetzt, wie es sich anfühlt, alles zu gewinnen und auch wieder alles zu verlieren. 

Puh, das klingt sehr unheimlich … Wenn ich es richtig verstanden habe, hat der ganze Spuk ein rundes halben Jahr gedauert? Du hast dich aber dennoch entschieden, zu bleiben … 

Ja die Beben bis zum endgültigen Ausbruch des Vulkans haben zirka ein halbes Jahr gedauert. Die Eruption ging aber dann noch über mehrere Monate. Für die Leute im Süden war das eine besonders schwere Zeit. Es kommt nämlich zu einem sogenannten Tremor, das ist ein Dauerzittern der Erde, während der Vulkan seine Lava ausspuckt.  

Die Fischer waren auch von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit, denn das Meer war ja zum Hexenkessel geworden. Für mich normalisierte sich das Leben schnell wieder, die Insel hatte ein Ventil gefunden und der unglaubliche Druck ließ nach. Was allerdings auch nachließ war unser Tourismus. Es sind ja sowieso sehr wenig Menschen, die unsere Insel besuchen, aber jetzt wollte gar niemand mehr kommen.  

Die Medien hatten das Ereignis im Ausland dermaßen aufgebauscht, dass alle glaubten eine Reise nach El Hierro sei mit höchster Lebensgefahr verbunden. Was da alles zusammengelogen wurde! Ein einziges Mal brodelte das Wasser über dem Vulkan bei einer besonders heftigen Eruption. Davon hatte jemand zufällig ein Video gemacht. Zufällig deswegen, weil das ganze nur 10 Minuten dauerte. Dieses Video wurde dann auf der ganzen Welt in den Nachrichten ausgestrahlt, auch im deutschen Fernsehen. Die folgenden Jahre waren ganz schwer hier auf der Insel. Spanien steckte  sowieso schon in der Wirtschaftskrise, und jetzt brach auch noch der Tourismus weg. Die Leute begannen abzuwandern und auf anderen Insel Arbeit zu suchen. Als ich hierherzog, waren wir ungefähr 10.000, jetzt ist mal gerade die Hälfte hiergeblieben.  

Das hat aber auch Vorteile, die Leute erinnern sich wieder an die Landwirtschaft, die teuren Pickups, die alle auf Kredit gekauft waren, verschwanden aus dem Straßenbild und es wurde weniger gebaut. El Hierro war jetzt auch viel bekannter geworden. Naturliebhaber aus aller Welt begannen die Insel zu entdecken. Sie machte als sogenannte grüne Insel Schlagzeilen. Ein aufwendiges Windwasserkraftwerk wurde gebaut. Man legte immer mehr Wert auf Umweltverträglichkeit und biologischen Anbau, die Insel kämpfte um ein zeitgemäßes Image. Ich selbst habe zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, sie wirklich zu verlassen. Sie ist mein ganzer Kosmos.  

Und abgesehen von diesen äußeren Ereignissen, geschehen hier auch subtile Dinge. Es mag für manchen weit hergeholt klingen, aber manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einem hier Dinge vor Augen geführt werden, die man anderswo nicht gesehen und gelernt hätte. Wie eine mystische Kraft, die den Menschen hilft, die auf der Suche nach der Wahrheit sind. Kräfte und Energien, die hier am Ende der Welt ungehindert an die Oberfläche strömen, so wie die Lava im Vulkanschlot. 

Diese Erfahrungen sind nur schwer zu vermitteln, aber man kann sie spüren, wenn man oben im Wald steht oder auf einer Klippe über dem schäumenden Meer. Diese Kräfte haben hier schon so manchen inspiriert. Darum leben auch viele Künstler auf der Insel. Ihre Schönheit und Vielfalt ist nur schwer zu beschreiben, sie ist verborgen und muss erst vom Suchenden entdeckt werden. 

Ja, manche Orte auf der Welt sind eben ganz besonders … Nun hast du also dort Wurzeln geschlagen, scheint es. Reist du denn auch weniger? 

Ja das ist wahr, ich reise jetzt weniger. Das hat zum einen damit zu tun, dass ich nicht mehr die finanziellen Mittel habe, die ich in Deutschland hatte, und zum anderen, dass ich meine Mutter vor einigen Jahren nach Teneriffa über gesiedelt habe. Sie lebte nach dem Tod meines Vaters in ihrer kleinen Wohnung in Deutschland und erkrankte dort lebensbedrohlich. Es wurde schnell klar, dass sie im dritten Stock ohne Aufzug nicht hätte weiterleben  können. Mit ihrem Einverständnis habe ich ziemlich Hals über Kopf die Wohnung aufgelöst, in der meine Eltern über 50 Jahre gewohnt haben. Und ab ging es in den Flieger und in ein neues Leben auf der Insel Teneriffa.  

Wir fanden dort eine wunderschöne kleine Wohnung mit großer Terrasse, Blick in Palmen und tropischen Garten mit Gemeinschaftspool. Das erste Jahr war natürlich nicht so einfach, aber dann hat sie sich sehr gut erholt. Das Klima, die ständigen Anregungen und das doch irgendwie urlaubshafte Leben haben viel dazu beigetragen.  

Während ihre Freundinnen in Deutschland langsam ins Altersheim abwandern oder immer reduzierter leben, lernt meine Mutter fast jede Woche neue Leute kennen, die alle viel jünger sind als sie. Man trifft sich am Pool, geht zusammen essen oder bummeln. Die Wohnung und Umgegend sind bestens für ihren Rollator geeignet. Sie lebt dort jetzt recht unabhängig, trotzdem traue ich mich nicht, langfristig zu planen und längere Reisen zu machen, sie wird immerhin dieses Jahr 89. Jetzt haben wir also beide Wurzeln hier geschlagen. Ich nur vorerst, denn ich bin eigentlich nicht der Typ, der sich verwurzelt. Lieber möchte ich frei wie ein Vogel sein und mit leichtem Gepäck weiterziehen. 

Im Jahre 2012, was ja von vielen so gefürchtet wurde, ist mir tatsächlich etwas Schlimmes zugestoßen. Ich hatte einen Unfall und so eine Art Schleudertrauma mit ganz starken Schmerzen, die ich tapfer aushalten wollte.  

Das war ein großer Fehler, denn sie sind nach 3 Monaten chronisch geworden. Ich hatte früher schon etwas über chronische Schmerzen gehört, aber nicht die geringste Ahnung gehabt, was das in Wirklichkeit für einen Menschen bedeutet.  

Leider musste ich feststellen, dass auch die meisten Ärzte keine Ahnung von diesem speziellen Gebiet hatten. Das ganze Nervensystem ist betroffen , und man kann überall am Körper Schmerzen bekommen. Inzwischen bin ich mir so gut wie sicher, dass das vor allen Dingen hochsensiblen Menschen passiert.  

Ich habe zwar noch nie eine Studie zu dem Thema gefunden, aber inzwischen mehrere Leute mit den gleichen Beschwerden kennengelernt. Unser Nervensystem ist eben anders, viel sensibler und damit auch anfälliger für Störungen.  

Mein Vater hatte Epilepsie, die er ohne jeden erkennbaren Grund mit 16 Jahren entwickelte. So wie ich es heute verstehe, handelt es sich bei dieser Form der Epilepsie um eine Art Schutzreaktion. Er wusste ja nichts von seiner Hochsensibilität, wie so viele Menschen, und er empfand sich immer als anders und seltsam. Und wenn alles zu viel wurde, war das vielleicht seine Möglichkeit um sich aus der Realität abzumelden. Seit ich weiß, dass ich hochsensibel bin, verstehe ich meinen Vater natürlich viel besser im Nachhinein.  

Jedenfalls begann für mich eine lange Odyssee von Arzt zu Arzt, und eigentlich konnte mir niemand helfen. Ich war bei insgesamt fünf Chefärzten aus  drei verschiedenen Ländern. Das einzige, was ich von denen bekommen habe, waren lange Rechnungen, aber keine Hilfe in meiner inzwischen verzweifelten Situation.  

Letztlich habe ich selbst heraus gefunden, was mir fehlt und mich an eine Schmerzklinik gewandt. Dort gab es dann zum ersten Mal Verständnis und Hilfe. Für mich war das wie meine Lebensrettung. Ich konnte mich wieder bewegen und auch leichte Arbeiten verrichten.  

Trotzdem, mein Leben war nicht mehr wie vorher. Die Arbeiten auf der Finca, im Garten, das Apartment, alle diese Dinge, die mir so viel Freude gemacht hatten, waren nun zur schweren Bürde geworden. Vor einem Jahr nahte dann die Rettung in Gestalt einer jungen Frau, die ich eigentlich schon lange kannte, und die eine Praxis für Naturheilmedizin im Ort eröffnete. Es stellte sich heraus, dass sie selber hochsensibel ist und über enorme naturheilkundliche Kenntnisse verfügt.  

Für mich ist es immer noch wie ein Wunder. Sie kennt und versteht jede Faser meines Körpers und meines Seins. Unter ihrer Obhut hat sich meine Situation ganz enorm verbessert. Da sieht man es mal wieder. Man sucht hinter dem Horizont, und die Hilfe liegt gleich um die Ecke.  

Größere Arbeiten und sitzen am Computer machen mir immer noch viel zu schaffen, aber zum Glück bin ich nicht mehr allein. Vor drei Jahren kam auch die Liebe zu mir zurück. Ein Mann von der Nordküste Spaniens, der sein Leben lang auf den Meeren der Welt unterwegs gewesen war, entschied sich, an Land zu gehen um vielleicht doch noch die Liebe seines Lebens zu finden. So landete er eines Tages auf dieser Insel am Ende der Welt an. Jetzt habe ich alle Unterstützung, sowohl körperlicher als auch seelischer Art, und wer könnte wohl besser zu mir passen als ein Kapitän, der das Meer, die Freiheit und den weiten Horizont liebt.  

Jetzt ist unser Leben hier, und wir erkunden jede Woche die Insel, kraxeln an allen Küsten entlang, steigen auf alle Berge und kriechen in alle Höhlen. Vielleicht setzen wir ja eines Tages nochmal die Segel und steuern neue ferne Inselgefilde an. Vielleicht ein tropisches Eiland mit einer türkisblauen Lagune. Wer weiß das schon… 

Wie hast du denn erfahren, dass du hochsensibel bist? 

Ich habe das gar nicht von einem auf den anderen Tag erfahren. Nach und nach ist diese Wahrheit in mein Bewusstsein aufgestiegen. Dabei hat mir das Internet geholfen. Ich gehe dort ganz oft irgendwelchen Fragen nach, und eines Tages fand ich einen Test. Irgendwie hatte ich schon so eine Ahnung, und die wurde dann Gewissheit, als ich alle Fragen mit ja beantworten konnte. Ich war also hochsensibel.  

Erstaunlicherweise beeindruckte mich diese Erkenntnis zunächst gar nicht besonders. Aber dann setzte sich ein Prozess in Gang. Immer mehr Dinge aus der Vergangenheit fielen mir wieder ein. Ich begriff plötzlich, warum ich als kleines Kind nicht mit nackten Beinen durch hohes Gras gehen konnte. Das stach mir immer dermaßen in meine zarte Haut. Ich konnte auch beim leisesten Geräusch nicht einschlafen, und hatte immer tausend bunte und abenteuerliche Träume, während sich alle anderen an nichts erinnern. Ich spielte stundenlang alleine mit den kleinsten Dingen.  

Die Erwachsenen konnten sich gar nicht erklären, was ich da tat, aber für mich waren das riesige Welten. Und auch meine Liebe zur Makrofotografie bekam einen neuen Sinn. Auf meinen Fotos war nicht die ganze Kuh zu sehen, sondern ihre wunderschönen langen Wimpern. 

Inzwischen habe ich diese Art der Fotografie perfektioniert und sogar schon eine Ausstellung gemacht.  Viele Worte aus der Vergangenheit bekamen für mich eine neue Bedeutung. All die verletzenden Sätze meiner Mutter fielen mir wieder ein. Sei doch nicht immer so hypersensibel! Jetzt bausch das doch nicht so auf! Aber ich fühlte eben so, und jetzt wusste ich auch endlich, warum. Immer war ich wie ein Fremdkörper über diesen Planeten gewandelt. War ich denn wirklich der einzige Mensch, der sich fragte warum wir hier sind und was dann mit uns geschieht. Konnte es denn noch wichtigere Fragen als diese im Leben überhaupt geben? 

Nach und nach begann sich mein ganzes Bild von mir selbst und den anderen Menschen zu verändern. Da flossen auch viele Tränen. Ich war also gar nicht komisch und unnormal, ich war einfach nur anders, und es gab noch mehr Menschen, die so fühlten wie ich. Das war so befreiend. Ich begann Bücher zu dem Thema zu lesen und im Internet zu recherchieren.  

So stieß ich auf deinen Blog. Alles war so neu und aufregend für mich, als hätte ich mich neu erfunden oder wäre neu geboren worden. Ich eignete mir so gleich die Klopftechnik an und  fand sie ganz fantastisch. Ich mache das jetzt jeden Tag und spüre ihre tiefe Wirkung.  

Meine Vergangenheit und meine Familie sehe ich plötzlich in neuem Licht. Immer hatte ich versucht, so wie meine Mutter zu sein. Es war ja klar, dass sie normal war und mein Vater seltsam und anders. Hätten mein Vater und ich doch nur die Wahrheit gekannt. Wie anders wäre unser Verhältnis gewesen. Inzwischen erkenne ich ganz leicht, ob ein Mensch hochsensibel ist. Ich habe mir fest vorgenommen, allen diesen Menschen, die meinen Weg kreuzen, zu helfen.  

Neulich habe ich eine Familie angesprochen, die hier auf der Insel lebt. Sie versuchen seit Jahren ihren kleinen hochsensiblen Jungen abzuhärten. Das Kind war schon komplett verängstigt und wollte mit niemandem mehr Kontakt aufnehmen. Endlich konnte ich den Vater überzeugen, ein Buch zu dem Thema zu Rate zu ziehen. Nach ein paar Monaten war das Kind nicht wiederzuerkennen. 

Mein nächstes Ziel ist, einen Vortrag hier auf der Insel zu organisieren. In Spanien gibt es schon Gruppen für Hochsensible, aber hier auf den Kanaren ist das Thema wohl noch  unbekannt. 

Ich möchte dir an dieser Stelle sehr danken, Monika. Es berührt mich außerordentlich dass du so offen über dich und deine Vergangenheit sprichst. Ich finde deine Arbeit kurz gesagt lebensrettend. Bitte mach so weiter. Vielleicht können ja wir, die hochsensiblen Menschen,  aus dieser Welt einen besseren Ort machen. 

Oh vielen Dank, Gabriella. Das machen wir ganz bestimmt 🙂 

Die 5 Grundbedürfnisse Ihres Körpers

Die 5 Grundbedürfnisse Ihres Körpers

Die Grundbedürfnisse unseres menschlichen Körpers sind nicht anders als die anderer Lebewesen. Allerdings haben wir Menschen im Gegensatz zu diesen jedoch die Tendenz, unsere Bedürfnisse nicht zu achten und auszuleben. Für den Körper bedeutet das Stress. Für hochsensible Menschen, die per se häufig mit dem Körper auf Kriegsfuß stehen, ist es besonders wichtig, auf die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse zu achten. Grund genug für mich, mir in diesem Artikel Gedanken über diese fünf Grundbedürfnisse zu machen.

1. Grundbedürfnis: Atmung

Um zu leben zu können, braucht unser Körper Luft. Beim Einatmen nehmen wir Sauerstoff aus der Atemluft auf, der über das Blut in das Gewebe und zu den Zellen transportiert wird und für Stoffwechselprozesse notwendig ist. Dabei entsteht Kohlendioxid, das durch das Blut zur Lunge transportiert und dort abgeatmet wird.

Die Mitochondrien

Vielleicht haben Sie schon einmal von den Mitochondrien gehört. Die 70 bis 100 Billionen Körperzellen des menschlichen Körpers enthalten eine Zellmembran, einen Zellkern und verschiedene sog. Zellorganellen. Darunter versteht man eine kleine, abgeschlossene Funktionseinheit in der Zelle, die eine ganz spezifische Aufgabe hat. Die Aufgabe der Mitochondrien ist es in erster Linie, unsere Lebensenergie zu produzieren (die man auch ATP nennt). Deswegen werden die Mitochrondrien auch „Kraftwerke der Zelle“ genannt. Um wie vorgesehen Energie produzieren zu können, brauchen die Mitochondrien u. a. Sauerstoff, den wir durch die Atmung mit der Luft aufnehmen. Und da wird es schon schwierig, denn sehr, sehr viele Menschen atmen eher flach, in die Brust hinein. Unser Körper lernt, mit wenig auszukommen.

Tiefe Bauchatmung

Zwar kommen wir auch so „über die Runden“, besser ist es jedoch, tief in den Bauch hinein zu atmen. Das Zwerchfell (ein Muskel zwischen Bauch- und Brustraum) zieht sich zusammen, wenn wir tief einatmen, die Lungenflügel können sich weiter nach unten ausdehnen und wir können bis zu 80 % mehr Sauerstoff aufnehmen. Der Körper wird also insgesamt mit sehr viel mehr Sauerstoff versorgt und kann mehr Energie bereitstellen.

Ich hatte in diesem Zusammenhang mal ein etwas denkwürdiges Aha-Erlebnis. Vor einigen Jahren habe ich einen Kurs besucht zum Thema „Auftreten in der Öffentlichkeit“, bei dem es auch um Atmung ging. Ich habe an einem Tag sehr bewusst und tief geatmet und war vollkommen verblüfft, dass ich plötzlich mehr Energie hatte als vorher. Ich atmete offenbar sehr schlecht.  Als ich darüber nachdachte, warum das so war, ist mir eingefallen, dass meine Mutter zu mir als Kind sehr häufig sagte,

ich solle den Mund schließen, weil das nicht schön aussehe,

wenn mein Mund offen sei. Ich habe mir also Mühe gegeben, meinen Mund nun immer zu schließen und ich habe mir gleichzeitig angewöhnt, nur noch flach zu atmen, mich mit dem Atem abzufinden, den ich mit einem geschlossenen Mund erzeugen konnte. Und das mache ich immer noch so, wird mir beim Schreiben dieses Artikels klar … Puh …

Das Atmen an sich hat natürlich auch eine Komponente, die über das rein biologische hinausgeht. Zu atmen, bedeutet auch, das Leben selbst aufzunehmen …

2.  Grundbedürfnis: Wasser und Nahrungsmittelaufnahme

Unser Körper braucht Wasser und Nährstoffe um zu funktionieren. Der menschliche Körper besteht zu 65 % aus Wasser. Ohne ausreichend Wasser funktioniert der menschliche Stoffwechsel nicht richtig. Wasser regelt nicht nur die Herzkreislauffunktion, den Wärmehaushalt und die Verdauung, löst Salze und Mineralstoffe, es dient auch als Transportmittel für Nährstoffe und Abbauprodukte. Ca. 2–3 l Wasser verliert der Körper in etwa im Laufe eines Tages durch schwitzen, atmen und Ausscheidungen – dieser Verlust muss über Nahrung und vor allem über Getränke wieder ausgeglichen werden.Wasser ist unverzichtbar für hochsensible Menschen

Obwohl ich selbst ganz genau weiß, wie es geht, finde ich es immer wieder schwierig, hier auf einem ganz konstanten Level zu bleiben. Eigentlich weiß ich ja, dass abgekochtes, warmes Wasser für meinen Körper absolut paradiesisch ist, schaffe es aber leider immer nur anfallsweise dem zu entsprechen. Da muss ich für mich selbst auch noch ein wenig Überzeugungsarbeit leisten. Das abgekochte warme Wasser wird z. B. in China verwendet. Wenn Sie es einmal probieren wollen: kochen Sie Wasser ca. 10–20 Minuten, füllen Sie es in eine Thermoskanne und trinken Sie es über den Tag verteilt. Ich finde es ausgesprochen wohlschmeckend (leicht süßlich), umso unverständlicher ist mir mein eigener innerer Widerstand …

Was die Nahrungsmittelaufnahme angeht ist es noch schwieriger. Es hat sich als äußerst kompliziert erwiesen, sich einen Weg zu bahnen durch die vielen Ernährungsstile und Angebote, bei dem einen darf ich dieses essen, was bei einem anderen absolut tabu ist.

Bei gluten- und laktosefrei war ich ja schon angekommen.

Kürzlich habe ich versehentlich bei einem Systemneustart meine umfangreiche Rezeptsammlung aus dem Computer gelöscht. Ich bin geneigt, darin ein Zeichen zu sehen, dass neue Wege gefragt sind. Mich weniger an Ernährungsdogmen zu orientieren, sondern an meiner individuellen Verträglichkeit, die vermutlich auf gluten-, und laktosefrei hinauslaufen wird, fettarm und low carb. Als neue Herausforderung wird noch „zuckerfrei“ hinzukommen. Als hochsensibler Mensch hat man ja sehr häufig mit Unverträglichkeiten usw. zu tun, ich denke, der einzige Weg ist es, diese auch zu beachten, um in irgendeiner Weise voran zu kommen.

Auch hier gilt wieder, dass auch auf einer höheren Ebene wichtig ist, sich anzusehen, was wir uns eigentlich einverleiben und ob uns das wirklich nährt?

3. Grundbedürfnis: Verdauung

Verdauung bezeichnet den Vorgang der Zerkleinerung und Aufspaltung der aufgenommenen Nahrung in ihre Bestandteile, die dann über das Blut zu den Zellen transportiert werden. Diese beginnt bereits im Mund (bzw. sollte im Mund beginnen), durch gründliches Kauen wird die Nahrung zu einem Brei zerkleinert und mit Speichel gemischt, das dabei entstehende Enzym Amylase ist zuständig für die Verdauung der aufgenommenen Kohlenhydrate.

Nächste Station ist der Magen: hier wird der Nahrungsbrei mit Magensäure vermischt, Keime und Bakterien in der Nahrung werden durch die aggressive Magensäure abgetötet. Im Magen wird die Verdauung der Eiweiße eingeleitet, durch Freisetzung bestimmter Enzyme.

Weiter geht es in den Dünndarm. Der erste Abschnitt des Dünndarms wird Zwölffingerdarm genannt, Verdauungssäfte und Enzyme aus der Leber und Bauchspeicheldrüse fließen in den Zwölffingerdarm, wo sie für eine Aufspaltung der Nahrung in kleinste Bestandteile sorgen. Die Nährstoffe werden durch die Wand des Dünndarms in die Blut- und Lymphgefäße transportiert, von wo aus es weiter zur Leber geht.

Übrig bleiben nur noch unverdauliches und Flüssigkeit. Die Flüssigkeit wird im Dickdarm entzogen und der unverdauliche Rest an den Enddarm gegeben und wieder ausgeschieden. Soweit die Theorie.

Leider ist es in der Praxis oft schwierig, viele Organe sind an diesem Vorgang beteiligt.  Außerdem ist das ganze System äußerst störanfällig.

Vor allen Dingen Stress kann dafür sorgen, dass

der Verdauungsvorgang entweder zum Erliegen kommt,

sich beschleunigt oder verlangsamt (je nach Typ). Ich kann wirklich selbst ein Lied davon singen, mit einer mehr als 30 Jahre alten chronischen Gastritis, dem Zwölffingerdarmdurchbruch usw. Alleine das gründliche Kauen fällt mir unendlich schwer (obwohl ich natürlich sehr genau merke, dass es mir gut tut).

Schwierigkeiten mit der Verdauung hat auch wieder eine seelische/emotionale Komponente: Wie gut kann man Neues verdauen? Bei Louise Hays fand ich den Hinweis, dass Verdauungsstörungen mit Furcht und Ängstlichkeit zu tun haben, mit einer Unfähigkeit, Neues freudig aufzunehmen …

4. Grundbedürfnis: Ausscheidung

Ausscheidung bedeutet in der Biologie und Medizin übrigens nicht einfach nur die Abgabe unverdaulicher Nahrungsbestandteile, sondern grundsätzlich den Prozess der Abgabe von Stoffen aus dem Körperinneren an die Körperoberfläche um sie aus dem Körper zu entfernen. Es gibt verschiedene Mechanismen der Ausscheidung, dazu gehören neben der Defäkation auch das Wasserlassen, Erbrechen, ja sogar die Atmung.

Fehler, oder Probleme, die bei den vorherigen Bedürfnissen aufgetreten sind, treten hier noch einmal zu tage, zum Beispiel, wenn man falsche Dinge isst, die der eigene Körper nicht richtig verarbeiten kann, nicht gut genug kaut und die Nahrung nicht richtig verdaut wird, oder die Ballaststoffe fehlen, wird es vermutlich auch mit der Ausscheidung Probleme geben. Verstopfung, Hämorrhoiden, Blasenkrankheiten usw können die Folge sein.

Die seelisch-emotionale Komponente dabei sind Schwierigkeiten mit dem Loslassen grundsätzlich.

Oh je, da bin ich wieder bei der Hochsensibilität angelangt.

Ein Merkmal der Hochsensibilität ist es ja z. B., dass man Reize besonders schnell aufnimmt, aber schwerer wieder loslassen kann. Dabei kann es sich um alles Mögliche handeln: Ideen, Denkweisen, Vorstellungen über sich selbst und die Welt …

Sehr interessant fand ich die Idee, Hämorrhoiden seien auf das Gefühl von Überforderung der Ereignisse des eigenen Lebens zurückzuführen, die ich in einem Buch gefunden habe. Vielleicht gestalte ich hierzu demnächst mal eine kleine Umfrage 😉

5. Grundbedürfnis: Bewegung

Über die Bewegung habe ich schon einmal einen Blogbeitrag geschrieben. Aber dass wir einfach mehr Bewegung brauchen, kann wohl nicht oft genug gesagt und betont werden. Wir sind einfach nicht für das Leben gemacht, das wir heute führen: mit stundenlangem Herumsitzen, erst im Büro, dann vor dem Fernseher und relativ wenig Bewegung zwischendurch. Vielleicht sollten wir überhaupt nicht sitzen, und uns nur dann und wann einfach hinlegen?

Die Bewegung rundet übrigens die anderen Bedürfnisse mit ab: denn wenn wir uns viel bewegen, kann dies auch Schwierigkeiten in den anderen Bedürfnissen etwas ausgleichen – vermutlich haben Sie diese Erfahrung selbst schon einmal gemacht.

So, ich habe hier nun schon verschiedlich meine eigenen Schwierigkeiten mit der Erfüllung dieser Grundbedürfnisse anklingen lassen und freue mich wie immer, wenn Sie uns erzählen, wie gut oder schlecht Sie mit diesen Grundbedürfnissen zurecht kommen.

Herzlichst,

Ihre
Monika Richrath

Ohne Kunst kann ich nicht leben

Ohne Kunst kann ich nicht leben

Kunst hat in meinem Leben eine ganz besondere Bedeutung und ich bin sicher, dass es hier einen direkten Bezug zu meiner Hochsensibilität gibt. In entsprechenden HSP-Tests gibt es fast immer eine Frage oder Feststellung zum Ankreuzen, die lautet „Kunst kann mich zu Tränen rühren“ oder ähnlich. Gestern war ich im Museum und hatte ein eher schräg geartetes Kunstlerlebnis, was ich zum Anlass nehme, mir einmal Gedanken über die Kunst in meinem Leben zu machen.

Gestern war ich also spontan im Museum um mir dort die Erweiterung der August-Macke-Ausstellung anzusehen. Ausgestellt waren dort zusätzliche Skizzen und Zeichnungen Mackes. Und weil das nicht besonders lange dauerte, haben wir uns gleich anschließend noch die Gerhard Richter Ausstellung angesehen, die auch derzeit im Kunstmuseum in Bonn zu sehen ist.

Einer unbekannten Person begegnen

Ich muss sagen, ich war richtig ein wenig nervös – es war, wie eine unbekannte Person zu treffen, von der ich schon viel gehört habe. Mit Gerhard Richter habe ich mich bislang nicht besonders beschäftigt, ich habe lediglich ein paar seiner Landschaftsbilder gesehen, die mir aber sehr gefallen haben. Ich ging davon aus, dass mich dort weitere Landschaften in blauweißgrau erwarteten. Und war zunächst sehr irritiert, als ich dann Exponate vorfand, wie etwa zwei riesige, verschieden grau lackierte Flächen. Nichts, zu dem man in Beziehung treten kann, ich quasi völlig auf mich selbst zurückgeworfen wurde. (Aber wer weiß, vielleicht hat der Künstler ja genau dies im Sinn gehabt?) Ich begann mich zunehmend unwohl zu fühlen und bin im Eilschritt durch die Ausstellungsräume.

Bedrängnis

Noch schlimmer wurde es, als wir in eine höhere Etage stiegen, auf der Suche nach einem weiteren Exponat. Dort fanden wir uns in den Räumen zeitgenössischer Kunst wieder. Riesengroße Exponate, die manchmal eine ganze Wand einnahmen, häufig neonfarben, mit wilden Kritzeleien und absonderlichen Formen. Es ist vielleicht ein wenig sonderbar, aber ich war binnen von Sekunden total gestresst, ich merkte richtig, wie mir der Schweiß ausbrach und ich mich extrem unwohl fühlte. Bloß raus hier! Von diesen Bildern fühlte ich mich aufs äußerste bedrängt, verstand ich noch und dann machte ich, dass ich wieder in das graue, neutrale Foyer zurückkam, wo ich mich beruhigen konnte.

Das Gefühl, geschlagen worden zu sein

Mir fiel der letzte Ausstellungsbesuch ein, der auch kein besonderer Erfolg war: Katharina Sieverding: Kunst und Kapital in der Bundeskunsthalle. Katharina Sieverding hat Details aus Fotoaufnahmen vergrößert und hineinkopiert in andere Aufnahmen. Eine interessante Idee, nur leider ganz unverständlich ohne das ausführliche Studium der erklärenden Tafeln. Und meistens sehr, sehr politisch und im Weltgeschehen verhaftet. Womit ich mich üblicherweise weniger beschäftige. Und auch hier wieder riesige Wandformate. Als ich wieder nach Hause ging, hatte ich das Gefühl, geschlagen worden zu sein, nicht nur auf einer seelischen Ebene, sondern auch körperlich. Danach hatte ich, so fällt mir jetzt eben ein, auch längere Zeit kein Bedürfnis nach einer Ausstellung.

Ohne Kunst kann ich nicht leben

Das ist schon ein wenig seltsam, denn eigentlich kann ich ohne Kunst nicht leben. Wenn ich mir eine Ausstellung ansehe, die mich anspricht, ist es eher so, dass ich merke, dass sich in mir etwas öffnet, wenn ich vor einem Bild stehe. Ich merke, wie lange ich es schon vermisst habe, mir Kunst anzusehen. Ich frage mich dann immer, wieso es so lange gedauert hat, warum ich das nicht öfter mache? In solchen Augenblicken hat ein Kunstwerk immer etwas sehr Essentielles, etwas unbedingt Notwendiges, etwas ohne das ich nicht sein kann.

Ein wenig verstört durch das gestrige Erlebnis habe ich mich gefragt, was Kunst eigentlich für mich bedeutet  und was an Kunst für mich wichtig ist? Muss Kunst nur „schön“ sein? Darf Kunst mich nicht aufregen?

Was hat meine Hochsensibilität mit Kunst zu tun?

Sehr viel, wurde mir sehr schnell klar. Drei Dinge gibt es, die für mich im Umgang mit Kunst sehr wichtig sind, die mit relativ typischen hochsensiblen Eigenschaften zu tun haben:

1. Das Interesse am Menschen

Ich kann ein Kunstwerk niemals abgekoppelt ohne den Künstler dahinter betrachten, ich will immer auch wissen, was hat dieser Mensch erlebt, warum hat er etwas so und so gemacht, schließlich ist das Kunstwerk ja Ausdruck des Menschen, der es geschaffen hat. Und es ist auch gar nicht so selten, dass ich mich dann auf irgendeine Weise mit diesem Menschen verbinde, selbst wenn er schon tot ist und ich ihn persönlich niemals kennenlernen kann.

2. Das Bedürfnis verstehen zu wollen

Für mich ist es ganz wichtig, Kunst verstehen zu können, also, dass ich verstehen kann, was auf einem Bild oder einer Fotografie abgebildet ist, ohne dass mir jemand das noch erklären muss. Abstrakte Kunst z. B. macht mich meist ärgerlich, weil sie sich meinem unmittelbaren Verständnis entzieht und ich zu einfachen Formen und Linien auch keinen besonderen Bezug habe.

Jetzt ist dazu noch eine weitere, technische Komponente gekommen. Seit etwas mehr als einem halben Jahr nehme ich regelmäßig Zeichenunterricht. Das führt dazu, dass ich Zeichnungen nicht nur einfach ansehe um das Ergebnis zu bewundern, sondern ich sehe sie mir genauer an um herauszufinden, welche Techniken der Künstler verwendet hat, um bestimmte Effekte zu erzielen usw.

3. Das Bedürfnis nach Harmonie

Hochsensible Menschen haben häufig ein besonderes Bedürfnis nach Harmonie, die sich in vielfältiger Form äußern kann. In meinem Fall bezieht sich die Harmonie in der Kunst auf die verwendeten Farben, ist mir klargeworden. Grelle Neonfarben empfinde ich als so aufdringlich, dass ich nicht einmal hinsehen mag. Wenn es keine Harmonie gibt in einem Kunstwerk ist es für mich absolut unmöglich mit ihm in Beziehung zu treten. Und das ist es, was an der Kunst für mich schön ist. Ich trete in Beziehung mit etwas, das jemand anderer geschaffen hat. Oder trete ich durch etwas, was jemand anderer geschaffen hat, eher in Beziehung mit mir selbst?

Meine Kreativität wurde immer gefördert

Diese Frage lässt sich wohl genauso wenig beantworten, wie die Frage, ob die Kunst in mir selbst ist, oder ob sie mir vielleicht vererbt wurde, denn für meine Mutter war Kunst alles. Sie hat dafür gesorgt, dass Kunst in unserem Leben einfach allgegenwärtig war und hat auch dafür gesorgt, dass wir schon als Kinder immer wieder mit Formen künstlerischen Ausdrucks in Berührung kamen, indem sie uns bei verschiedenen Workshops und Kursen angemeldet hat. Und wenn ich mich für eine große Sache entscheiden müsste, die meine Mutter mir geschenkt hat im Leben und für das Leben, dann wäre es, dass sie meine überbordende Kreativität immer gefördert hat. Und dafür werde ich ihr ewig dankbar sein. Kreativer Ausdruck ist für hochsensible Menschen ja sowieso sehr wichtig.

Riesige Wandformate stören mich übrigens nicht immer. Bei Hockney oder Baselitz hatte ich gar kein Problem damit … aber möglicherweise tendiere ich doch eher zu kleinen Bildern, das muss ich einmal beobachten …  Schlichtheit finde ich ebenfalls anziehend.

Wie sieht es mit Ihnen aus? Welche Rolle spielt Kunst in Ihrem Leben? Was brauchen Sie um mit einem Kunstwerk in Beziehung zu treten? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzlichst,

Ihre
Monika Richrath 

 

HPU und Hochsensibilität

HPU und Hochsensibilität

Verschiedentlich bin ich schon gebeten worden, einmal über das Thema HPU/KPU zu schreiben. Ich habe es auch schon mehrfach angekündigt. Im Urlaub habe ich endlich die Zeit gefunden, mich richtig in das Thema zu vertiefen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich im Grunde genommen einen eigenen Blog dazu machen könnte, so komplex ist dieses Thema. Ich glaube aber, es ist fast das wichtigste Thema, das ich je auf diesem Blog behandelt habe, daher habe ich entschieden, es mehrfach aufzugreifen und dabei jeweils verschiedene Aspekte zu beleuchten. In diesem Beitrag geht es zunächst einmal darum, was HPU und KPU eigentlich ist und wie Sie herausfinden können, ob Sie zu den von HPU Betroffenen gehören (Man geht derzeit von einem Prozentsatz von mindestens 11 % der Bevölkerung aus).

Meine Vorgeschichte

Vielleicht wissen Sie ja schon, dass mich alles, über was ich auf diesem Blog schreibe, selbst betrifft. Gerade dieser Artikel hat eine längere Vorgeschichte. Vor einigen Jahren sprach mich während eines Seminars eine Teilnehmerin an, die gerade das  Buch „HPU und dann …?“ von J. Kamsteeg las und mir davon erzählte. HPU (Hämopyrrollactamurie)? Hatte ich noch nie gehört, aber ich war sofort ganz Ohr. Könnte ich hier vielleicht eine Erklärung finden für unerklärliche sonderbare Eigenheiten meines Körpers? Hatte eine HPU damit zu tun, dass ich z. B. fast nie träumte, nie schwitzte, ich konnte kein Gewicht abnehmen (egal, was ich tat), unerklärlicher Juckreiz, unerklärliche schlimme Knieprobleme über eineinhalb Jahre usw… Ich lieh mir das Buch und statt zu schlafen, las ich es mir während der Nacht durch. Ich verstand nur wenig (es ist im Grunde ein Buch für Menschen mit medizinischer Bildung), aber ich hatte angebissen.

Gleich nach der Rückkehr nach Hause setzte ich mich an den Computer und füllte den HPU Online-Fragebogen auf der Seite des Autors bei der Fa. Keac aus, um die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer HPU bei mir zu ermitteln. Das Ergebnis des HPU online Tests war ziemlich frustrierend und vage und lautete in etwa „zweifelhaft“, kann sein, vielleicht auch nicht. Davon habe ich mich allerdings nicht ermutigen lassen. Denn irgendwie war ich ganz sicher, dass ich selbst von einer HPU betroffen bin. Ich habe also einen entsprechenden Test in Dr. Kamsteegs Labor in den Niederlanden machen lassen, der mir auch nicht sehr viel aussagekräftiger erschien als das Ergebnis des Online-Fragebogens. Als ich allerdings mir vor kurzem noch einmal das Testergebnis ansah, konnte ich das überhaupt nicht mehr nachvollziehen, da es mir eine leicht positive, vorhandene HPU bescheinigte.

Stoffwechselstörung HPU

Falls Sie sich nun fragen, was denn eine HPU eigentlich ist: es handelt sich um eine Stoffwechselstörung. Die eigentliche Therapie der HPU ist nicht allzu kompliziert, es geht darum, dass dem Körper bestimmte Stoffe fehlen, z. B. Zink, Mangan und eine bestimmte Form von Vitamin B6, sog. aktiviertes Vitamin B6. Allerdings habe ich im Netz die eindringliche Warnung gefunden, sich nun keinesfalls alle diese Mikronährstoffe auf einmal zuzuführen. Menschen mit HPU haben offenbar häufig eine Verarbeitungsstörung, nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der geistigen und emotionalen Ebene. Unbedachtes Vorgehen in Sachen HPU könnte eine Psychose auslösen. Das hat mich erschreckt und ich bin den Empfehlungen der Seite gefolgt, die ich gefunden hatte, ganz langsam und vorsichtig vorzugehen.

Erst habe ich Zink eingeschlichen in einer Minimaldosis über ein paar Wochen, dann die Dosis erhöht, dann Mangan dazu genommen und dann hat mich der Mut verlassen, alleine weiterzumachen und ich habe mir eine Heilpraktikerin gesucht, die HPU kennt – was ein totales Glück war, denn so hat sich erst herausgestellt, was bei mir noch so alles im Argen war. Ich war ziemlich nervös, als ich das erste Mal P5P nahm (das aktivierte Vitamin B6). Recht bald bin ich dann aber auf  Depryrrol von Keac umgestiegen, das Produkt, das Dr. Kamsteeg selbst verkauft und Zink, Mangan und P5P enthält und das war eine Offenbarung.

Auf eine höhere Ebene gebracht

Ich habe diese absolut phantastische Körperwahrnehmung und als ich es zum ersten Mal nahm, hatte ich das Gefühl, mein ganzes System (und damit meine ich sowohl Körper, Geist und Seele) wird wie mit einer Hebebühne auf eine höhere Ebene gefahren. Wow! Ich wusste also, mein Gefühl hatte mich nicht getrogen, ich war hier absolut richtig. (Es gab dann noch einmal eine Feinkorrektur, weil sich herausgestellt hat, dass das Produkt in der vorliegenden Form einfach zu stark war, ich bin dannumgeschwenkt auf Depyrrol Plus, mit Magnesium und so geht es.)

Für diesen Artikel habe ich mir Literatur in Form von Büchern besorgt und als ich diese las, bin ich fast umgefallen. Mir war nicht klar, dass es mit der Einnahme der Mikronährstoffe überhaupt nicht getan ist, aber es erklärt natürlich auch, warum ich körperlich nicht so richtig auf einen grünen Zweig komme – obwohl es mir heute schon sehr viel besser geht als noch vor einem Jahr. Zwar war es mit den Mikronährstoffen nicht falsch, aber ich hätte mein Augenmerk ebenso auf Ernährung, Entgiftung richten müssen und auch darauf, meinen Körper zu entstressen, jedenfalls auf eine sehr viel zielgerichtetere Weise, als ich das im Augenblick tue.

Aber alles der Reihe nach. Ich werde versuchen, den Inhalt dessen, was ich gelesen habe, für Sie in verständlicher Form aufzubereiten.

Von Sterilgutassistentin – Eigenes Werk, GPL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6077533

Die Ursache der HPU

HPU (Hämopyrrollactamurie) und KPU (Kryptopyrrolurie) entstehen durch eine Störung in  der  inneren Membran der Mitochondrien. Vielleicht haben Sie schon einmal von den Mitochondrien gehört. Die 70 bis 100 Billionen Körperzellen des menschlichen Körpers enthalten eine Zellmembran, einen Zellkern und verschiedene sog. Zellorganellen. Zellorganellen sind kleine, abgeschlossene Funktionseinheiten in der Zelle, die eine ganz spezifische Aufgabe hat, wozu auch die Mitochondrien gehören, die wichtige Aufgaben erfüllen. Dazu gehört nicht nur die Produktion unserer Lebensenergie (die man auch ATP nennt), sondern u. a. auch die sog. Hämsynthese. Mitochondrien sind von einer doppelwandigen Zellwand umschlossen, an deren inneren Membran das Häm-Molekül hergestellt wird, das viele verschiedene Aufgaben im Körper erfüllt. Es wird benötigt

  • zur Entgiftung der Leber
  • zur Bildung von Schilddrüsenhormonen
  • zur Bildung von Hämoglobin
  • zur Speicherung von Vitamin D3
  • zur Bildung von ATP
  • für den Muskelstoffwechsel.

Normalerweise kann ein gesunder Körper Häm selbst herstellen durch acht enzymatische Schritte. Wenn jedoch eine HPU vorliegt, dann reduziert sich nicht nur die Zahl dieser Schritte, weil mehrere Enzyme nicht richtig arbeiten, sondern das gebildete Häm wird verändert. Es ist nicht funktionsfähig, also für den Körper unbrauchbar. Der Körper versucht nun, dieses unbrauchbare Molekül loszuwerden, indem er Zink, Mangan und P5P anhängt um es wasserlöslich zu machen. Nun kann es über die Nieren ausgeschieden werden. Dem Körper fehlen diese Stoffe nun.

Nochmal kurz zusammengefasst: die Stoffwechselabläufe, die durch die HPU fehlerhaft ablaufen sind: die Entgiftung, der Sauerstofftransport in Blut und Muskulatur und die Energiegewinnung. Das ist aber noch nicht alles. Es gibt

Erkrankungen die mit HPU in Verbindung gebracht werden

Ich bin sicher, dass Sie spätestens hier aufmerken werden, denn auf diesem Blog habe ich einiges davon schon zum Thema gemacht:

  • Schilddrüsenerkrankungen (z. B. Hashimoto-Thyreoiditis)
  • Nebennierenschwäche
  • ADS/ADHS
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Schwierigkeiten im Verdauungsbereich
  • Menstruation, Fruchtbarkeit und Schwangerschaft
  • Infektionen (z. B. Borreliose)
  • Halswirbelsäulentrauma
  • Probleme mit den Zähnen
  • Schlafstörungen
  • Depressionen
  • Angststörungungen
  • Osteoporose
  • chronische Erschöpfung und Burnout
  • Medikamentenunverträglichkeit

Ich war ehrlich gesagt, ziemlich geschockt, da vieles davon auf mich selbst zutrifft (bzw. zugetroffen hat), einschließlich Borreliose. Mir war auch nicht bewusst, dass eine HPU auch immer eine Entgiftungsstörung bedeutet, aber nun wird mir allerhand klar.

Hauptsächlich Frauen sind betroffen

Eine HPU wird meistens durch Vererbung weitergegeben (primäre Form) und sie kommt häufiger bei Frauen als bei Männern vor, in diesen Familien werden häufig Mädchen geboren. Allerdings gibt es auch eine erworbene (sekundäre Form), die mit Umweltbelastungen oder auch Verletzungen der Halswirbelsäule zu tun haben (diese Form kommt häufiger bei Männern vor).

HPU Symptome

Kommen wir nun zu der langen, langen Liste an möglichen Symptomen der HPU:

  • keine Traumerinnerung
  • Kopfschmerzen (Migräne)
  • Depressionen
  • Stimmungsschwankungen
  • Müdigkeit und Erschöpfung
  • Schwindel
  • Schlafstörungen
  • schlechtes Kurzzeitgedächtnis
  • Haarausfall
  • ADS/ADHS
  • Probleme mit den Augen (z. B. trockene Augen, Fremdkörpergefühl im Auge, Druckgefühl, geschwollene Augenlider, doppelt sehen, hervorstehende Augen)
  • Probleme mit der Schilddrüse (Über- oder Unterfunktion, Hashimoto-Thyreoiditis, Morbus Basedow, Knoten)
  • Niedriger Blutdruck
  • Allergien
  • Prämentstruelles Syndrom
  • Übelkeit
  • Durchfall/Verstopfung
  • Blähungen
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • Fruktose-, Laktose-, Glutenunverträglichkeit
  • Histaminintoleranz
  • erhöhte Cholesterinwerte
  • Magen-/Darmschmerzen
  • Diabetes Typ 2
  • Leberentgiftungsstörung
  • Menstruationsbeschwerden
  • Pilzinfektionen im Genitalbereich
  • Fehlgeburten
  • Schwierigkeiten schwanger zu werden
  • Blasenentzündungen
  • Libidoverlust
  • Myome
  • Arthrose
  • Arthritis
  • Osteoporose
  • Fibromyalgie
  • Bindegewebsschwäche
  • Gelenkschmerzen/-steifigkeit
  • blasse Haut
  • Flecken auf den Fingernägeln
  • Neigung zu Akne
  • Nesselsucht
  • Alkoholunverträglichkeit
  • schlechte Medikamentenverträglichkeit
  • allgemeine Infektanfälligkeit
  • Juckreiz
  • Sonnenempfindlichkeit
  • Lichtempfindlichkeit
  • Geräuschempfindlichkeit

Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, haben Sie vielleicht schon aufgemerkt. Die nächste Frage, die sich stellt ist zunächst:

Wo können Sie den Test zur Wahrscheinlichkeit zum Vorliegen einer HPU machen?

Es handelt sich dabei um einen online-Test, den Sie hier machen können. Aber Achtung: es geht hier erst einmal nur um die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer HPU.

Falls Sie glauben, dass bei Ihnen eine HPU vorliegt, können Sie bei KEAC in den Niederlanden einen Test machen lassen. Die Krankenkasse erstattet hierfür die Kosten nicht. Die Kosten liegen derzeit zwischen ca. 60–80 EUR (je nach Testvariante). Möglicherweise gibt es noch andere Möglichkeiten, einen HPU-Test machen zu lassen, allerdings habe ich keine gefunden.

HPU und KPU

Nun habe ich hier verschiedenlich HPU und KPU benannt, Sie fragen sich vermutlich, worin der Unterschied zwischen beiden besteht. Beide sind Stoffwechselstörungen, beide haben ihren Ursprung in der Hämsynthese. Beide haben gleiche Auswirkungen auf den Organismus. Sowohl die Hämopyrrole als auch die Kryptopyrrole sind Abbauprodukte des Häm-Moleküls, sehen aber unterschiedlich aus. Die KPU wurde vor der HPU von amerikanischen Forschern entdeckt, die  HPU im Jahr  2000 in den Niederlanden von Dr. Kamsteeg.

Eine weitgehend unbekannte Stoffwechselstörung

HPU und KPU sind bei den meisten Ärzten praktisch unbekannt. Ich selbst hatte ein sonderbares Erlebnis, als ich in der Universitätsklinik Bonn meinen Aldosteronspiegel testen lassen sollte und dem zuständigen Arzt von HPU erzählte. Er drehte sich zu seinem Computer um, gab den Begriff irgendwo ein. Dann drehte er sich zu mir um und sagte „Das kennen die Amerikaner nicht“ und damit war die Angelegenheit für ihn gegessen. (Dumm, denn die KPU wurde zufällig von amerikanischen Forschern der Orthomolekularen Psychologie entdeckt, die auf der Suche nach einem natürlichen Heilmittel ohne Nebenwirkungen für schwere psychiatrische Störungen waren.) Ich war verdattert und verblüfft, aber zum Glück erwarte ich von der Schulmedizin mittlerweile nichts mehr.  Im ICD 10 Code der WHO sind KPU und HPU nicht gelistet, aber das sollte uns keinesfalls davon abhalten, uns intensiv damit zu beschäftigen. Auch nicht, wenn wir einen Therapeuten gefunden haben, bzw. eine Therapeutin. Eine Therapeutenliste finden Sie zum Beispiel auf der Seite von Keac Deuschland.

Gerne möchte ich darauf hinweisen, dass ich hier auf gar keinen Fall Werbung für die Firma KEAC betreiben möchte. Bislang scheint KEAC aber die einzige Firma zu sein, die sich hiermit richtig auskennt. Falls Sie eine andere Firma wissen, posten Sie das gerne in die Kommentare.

HPU und Stress

Wie es aussieht, ist HPU auch eine Störung, die in einem ganz direkten Zusammenhang mit Stress steht. Und (das ist meine ganz persönliche, unwissenschaftliche Meinung: ich finde es liegt auf der Hand, dass wenn man mit belastenden und/oder traumatischen Kindheitserfahrungen, bzw. Entwicklungstrauma zu tun hat, dies exakt die Sorte kontinuierlicher Stress ist, die dafür sorgt, dass im Körper die Dinge aus dem Ruder laufen.) Unter Stressbelastung erhöht sich nämlich die Abgabe der Pyrrole, somit auch die Symptome, bzw. die Möglichkeit einer Folgeerkrankung. Daher ist es enorm wichtig, für einen kontinuierlichen Stressabbau zu sorgen. Meine Methode der Wahl ist die Klopfakupressur, bzw. das EFT Klopfen. Dazu brauchen Sie nichts anderes als Ihre eigenen Finger und einen wirklich minimalen Zeitaufwand: 2–5 Minuten am Tag reichen aus um langfristig Stress und Blockaden aufzulösen. Klingt interessant für Sie? Hier können Sie sich für ein Video einschreiben, mit dem Sie erfahren, wie EFT Klopfen geht..

HPU und Hochsensibilität

In einem Buch fand ich sogar einen direkten Hinweis darauf, dass hochsensible Menschen häufig von HPU und KPU betroffen zu sein scheinen, eine Erklärung gab es indessen nicht. Daher habe ich einen kleinen Fragebogen erstellt und es wäre wunderbar, wenn Sie diesen ausfüllen. Vielleicht können wir zumindest diese Behauptung nachvollziehen anhand der Antworten.

Sind Sie von einer HPU betroffen?

Und ich bin wahnsinnig, wahnsinnig gespannt auf Ihre Antworten und Kommentare.

Weil ich mir für dieses Thema ganz viel Aufmerksamkeit wünsche und es außerdem wunderbar passt, nehme ich mit diesem Beitrag an der Blogparade „Mein Körper und ich“ von Karolin Kaden teil.

Bis demnächst, bleibe ich

von Herzen, Ihre
Monika Richrath

Image by Anastasia Gepp from Pixabay 

9 Dinge die sich für HSP nicht sicher anfühlen

9 Dinge die sich für HSP nicht sicher anfühlen

Milliarden Euro werden jährlich ausgegeben von Konsumenten, auf der Jagd nach Glück, Liebe, Gesundheit, Geld, Erfolg, Familie usw.  Sind nicht die Grundpfeiler des westlichen Kulturkreises auf den Erwerb dieser Dinge ausgerichtet? Darüber könnte man ganze philosophische Abhandlungen verfassen, merke ich beim Schreiben dieses Artikels. Oder politische. Da mein Thema heute aber eher Psychologie und Hochsensibilität ist, möchte ich auf etwas ganz anderes hinaus.

Wir geben uns unglaubliche Mühe zu Glück, Liebe, Gesundheit (davon können Hochsensible ganz besonders ein Lied singen), Geld und Erfolg zu kommen – vermutlich geben wir auch eine Menge Geld aus unser Ziel zu erreichen. Denken Sie an die Liebesfilme im Kino oder Fernsehen, wenn sich die beiden ProtagonistInnen endlich in die Arme fallen und impliziert wird, dass sie bis ans Ende ihrer Tage glücklich werden. Was ist dann? Ist das wirklich das Ende?

Fängt dann nicht erst alles an? Ist das nicht vor allem der Beginn von Furcht? Eine Furcht, die vielleicht viele Menschen insgeheim plagen mag, wenn aber Hochsensibilität und Wahrnehmung zusammenkommen, von hochsensiblen Menschen besonders wahrgenommen wird? Furcht ist vielleicht auch  ein zu starkes Gefühl, darum verwende ich den Begriff „nicht sicher“.

Ich habe in diesem Artikel zehn Dinge aufgelistet, die sich vor allem für HSP nicht sicher anfühlen können. Sicherheit ist für praktisch alle HSP ein fettes Thema. Das meiste davon kenne ich aus eigenen Erfahrungen.

1. Der Besitz von viel Geld

Betrifft bestimmt Abermillionen von Menschen, die potentierte Form davon sind Menschen, die Millionen im Lotto gewinnen und nach ein paar Jahren von Hartz 4 leben müssen, weil sie das Geld zum Fenster rausgeworfen haben. Ich hätte Ihnen gerne einen

Seniorin schüttelt ein leeres Sparschwein

Prozentsatz an verarmten Lottogewinnern im Verhältnis zu wohlhabenden Lottogewinnern insgesamt zur Verfügung gestellt, aber leider keinen gefunden. Vielleicht gehören Sie ja auch zu den Menschen, denen der Besitz von Geld unheimlich ist und die darum alles daran setzen, ihr Geld so schnell wie möglich wieder auszugeben, damit sie ihren Status Quo wieder herstellen können. Man leidet dann zwar unter dem Geldmangel, fühlt sich aber wohler damit, als wenn man keinen Geldmangel hat. Ich habe selbst lange Zeit dazu gehört und ich kann Ihnen versichern, es hat gedauert, bis ich herausgefunden habe warum (und natürlich hatte es überhaupt nichts mit Geld an sich zu tun).

Dabei möchte ich außerdem zu bedenken geben, dass der Mangel an Ressourcen, also u. a. Geld sehr häufig Menschen trifft, die nicht hochsensibel sind, sondern darüber hinaus auch noch mit belastenden Kindheitserfahrungen zu tun, also vielleicht ein Entwicklungstrauma erlebt haben. Unsere Kindheit prägt das ganze weitere Leben, kann u. U. dafür sorgen, dass man später nicht voll arbeitsfähig ist, chronisch krank wird usw.

2. Sich verlieben

Für hochsensible Menschen kann sich der Prozess des Verliebens anfühlen, wie sich auf dünnes Eis zu begeben. Zum einen wird das Gefühl von Verliebtheit oft intensiver wahrgenommen, was alleine schon für Aufregung sorgen kann. Ich bin in so einem Zusammenhang schon vor Glück richtig krank geworden. Aber bis Sie wissen, ob Ihre Gefühle erwidert werden oder nicht schwanken Sie vermutlich zwischen Rückzug und vorsichtigem Vortasten. Es gibt nicht nur Schmetterlinge im Bauch, sondern auch das Gefühl eines Ausgesetztseins (so habe ich es jedenfalls immer empfunden). Und vergessen Sie nicht – Bewertungen spielen hier eine wichtige Rolle, nämlich, wie der/die Angebetete Sie bewertet, ob er Sie annehmen, für gut befinden wird, für geeignet für eine Beziehung. Und wenn das nicht passiert, fühlen wir uns meistens mit unserem ganzen Wesen abgelehnt (sofern wir nicht sehr abgeklärt sind). Außerdem kommt hier wieder ein uralter Trigger zum Tragen: nämlich die Bewertungen, die wir als Kinder durch unsere Bezugspersonen (also meistens die Eltern) erlebt haben.

Sehr viele Menschen lösen dieses Problem auf eine höchst einfache, aber effektive Weise: sie verlieben sich in unerreichbare Menschen, die sie sowieso „nicht bekommen“ können, so können sie intensive Liebesgefühle ausleben, ohne sich mit dem Thema „Nähe und Distanz“ oder ohne jemals befürchten zu müssen, mit „zuviel Nähe“ umgehen zu müssen – ich weiß, wovon ich spreche – einen unendlich langen Zeitraum meines Lebens (10 Jahre) bin ich als Single durchs Leben gegangen – ohne zu verstehen, dass ich selbst es war, die diesen Zustand aufrecht erhielt.

3. Eine Beziehung eingehen

Die erste „Hürde“ ist genommen und Sie sind bereit, sich auf jemanden einzulassen. Jetzt kommt der Alltag ins Spiel. Alle Vorlieben, Lebenserfahrungen, Macken und Geschichten der beiden PartnerInnen prallen (mitunter heftig) täglich aufeinander. Auch das ist ein Prozess, der sich nicht sicher anfühlen kann. Ich bin einmal einer Frau begegnet, die sich aufgrund der Hochsensibilität nicht mehr auf eine neue Beziehung einlassen wollte,  sie empfand es als zu stressig und kräftezehrend, dauernd in Erklärungsnot geraten zu müssen. Es kann schwierig sein, sich auf eine neue Beziehung einzulassen, wenn Sie unsicher sind, wie gut Sie darin mit Ihrer Hochsensibilität aufgehoben sind. Oder wenn Sie nicht wissen, wie Sie sich einen Freiraum verschaffen und Respekt dafür.

4. Zusammenziehen

Wenn sie hochsensibel sind, sollten Sie es sich sehr gut überlegen, ob Sie wirklich mit Ihrer Beziehung zusammen wohnen möchten. Idealerweise ist IhrE PartnerIn ebenfalls hochsensibel, so dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse vielleicht besser kommunizieren können, aber, was wenn nicht? Das fühlt sich sehr unsicher an. Es gibt viele Punkte, die bedacht werden wollen. Können Sie sich überhaupt regenerieren, wenn jemand anderer immer da ist? Einfach nur zu erleben, dass man nicht allein ist – manche Menschen fühlen sich nicht nur grundsätzlich von anderen Menschen gestört,  sondern schon gestört von Geräuschen, die andere machen (und ich spreche dabei nicht von Schnarchen).  Haben Sie einen Rückzugsraum für sich selbst?  Persönlich glaube ich ja, dass die meisten hochsensiblen Menschen Freiraum,  Raum für sich brauchen, der nur ihnen gehört, was das Zusammenziehen von vornherein ausschließt, aber vielleicht sind Sie da ja anders gepolt. Für mich fühlt sich jedenfalls allein das Gefühl nicht sicher an, keinen Platz mehr zu haben, an dem ich die Bestimmerin bin, wo alles auf mich ausgerichtet ist und wo ich sein darf, wie ich bin.

5. Heirat

Heiraten ist Beziehung in Potenz. Ich glaube ja, für hochsensible Menschen ist Heiraten noch einmal eine ganz besondere Nummer. Heirat fühlt sich für mich auch nicht sicher an. Seit ich Luca Rohleder gelesen habe, weiß ich warum. Jetzt weiß ich, dass viele hochsensible Menschen sehr freiheitsliebende Partner sind. Für mich ist Freiheit daher nicht einfach nur ein sinnentleerter Begriff. Ich glaube an Freiheit. Meine eigene und die anderer Menschen. Und ich will die Freiheit haben, mich jeden Tag neu für meine Partnerin zu entscheiden. Aber natürlich will ich nicht ausschließen, dass es doch eines Tages einmal eine „Commitment-Ceremony“ gibt, das ist eben etwas anderes als eine Heirat, mehr eine Würdigung der gemeinsamen Liebe und Achtung für den gemeinsamen Lebensweg, als ein offiziell behördlich besiegeltes Miteinander.

6. Kinder

Sich für ein Kind zu entscheiden ist ebenfalls eine schwierige Entscheidung, die sich nicht sicher anfühlen kann. Abgesehen von Befürchtungen, die die Schwangerschaft und Geburt selbst betreffen können, könnte vielleicht das Gefühl von Kontrollverlust hier eine Rolle spielen. Wenn Sie sich für ein Kind entscheiden, wissen Sie einfach nicht, was auf Sie zukommt. Die meisten Menschen unterschätzen offenbar vollkommen, was es bedeutet Kinder zu haben, was sich mit Kindern ändert. Werden Sie als hochsensibler Mensch dem gewachsen sein? Am wichtigsten: Sie können nun nicht mehr einfach aussteigen. 18 Jahre lang.

eine arbeitsstelle zu bekommen kann sich sehr unsicher anfühlen7. Eine Arbeitsstelle bekommen

Eine Arbeitsstelle zu bekommen kann sich ebenfalls nicht sicher anfühlen, vor allen Dingen, wenn man durch äußere Umstände gezwungen wird, diese Arbeit anzunehmen, sich selbst aber keinesfalls sicher ist. Schwierig ist vielleicht daran nicht einmal die Arbeit selbst, sondern eher das Drumherum: der Umgang mit neuen Kollegen (was sich besonders schwierig anfühlen kann, wenn man schon dementsprechende negative Erfahrungen gemacht hat), man muss einen Platz finden im Unternehmensgefüge und sich dauernden Bewertungen unterziehen. Besonders schwierig wird es natürlich, wenn man sich im Grunde genommen überhaupt nicht arbeitsfähig fühlt (was ja viele HSP betreffen dürfte), am Beginn oder inmitten eines Burnouts steht.

8. Ein Geschenk zu bekommen

Bekommen Sie gerne Geschenke? Eigentlich eine tolle Sache, sollte man meinen. Nun, ich kenne einige Menschen, für die das Erhalten von Geschenken der pure Stress, nicht sicher ist. Sie mögen ihr Geschenk nicht öffnen, wenn sie dabei beobachtet werden und sehen sich lieber alles in Ruhe alleine an. Ich selbst habe damit eigentlich kein größeres Problem – so dachte ich jedenfalls. Aber einmal habe ich in einer solchen Situation einmal richtig doof reagiert, so dass ich denke, da habe ich vielleicht doch noch Besserungsbedarf: Als mir Seminarteilnehmerinnen ganz unterwartet zum Seminarende eine liebe Karte schenkten … die dann von mir spontan kaum beachtet wurde – über die ich mich aber natürlich im stillen Kämmerlein riesig gefreut habe! Das wurmt mich heute übrigens immer noch 😉

9. Gesund werden

Ich glaube, dies ist eine Furcht, die viele HSP betreffen dürfte. Zugegebenermaßen klingt es erstmal sehr komisch. Vor allen Dingen, weil viele hochsensible Menschen mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen haben und sich nichts sehnlicher wünschen, als Gesundheit.  Aber so einfach ist es eben nicht. Vielfach gibt es ja den sog. „sekundären Krankheitsgewinn“, etwas, das dafür sorgt, dass wir krank bleiben, weil der Gewinn, den wir durch die Krankheit oder den Schwierigkeiten ziehen, letztendlich größer ist als die Wünsche, wieder gesund zu werden. Für mich liegt z. B. ein sekundärer Krankheitsgewinn darin, dass ich von Behörden anders behandelt werde, (aufgrund meiner Autoimmunkrankheiten gelte ich als „Rehabilitandin“), was mir einen gewissen Schutz bietet. Bestimmte Anforderungen werden nicht mehr an mich gestellt. Diesen Schutz aufzugeben fühlt sich für mich sehr nicht sicher an. Ich arbeite aber ganz intensiv daran, diese Furcht zu überwinden und den Schutz, den mir mein Gesundheitsstatus gibt, aufzugeben. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass mir das irgendwann auch gelingen wird.

„Nicht sicher“ klopfen

Natürlich können Sie alles, was sich für Sie nicht sicher anfühlt, wunderbar mit der Klopfakupressur in Angriff nehmen, z. B., indem Sie den 2. Satzteil anders formulieren: Anstelle von „liebe und akzeptiere ich mich so wie ich bin“, könnten Sie sagen … „bin ich sicher“ oder „bin ich in Sicherheit“. Ein ganzer Beispielsatz für das Thema Gesundheit könnte z. B. dann lauten „Auch wenn es sich für mich nicht sicher anfühlt, gesund zu sein, bin ich in Sicherheit.“

Nun sind Sie am Drücker. Was ist für Sie nicht sicher? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Bis bald! Herzlichst, Ihre
Monika Richrath

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